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Familienrat: «So viel staatliche Hilfe wie nötig – so wenig wie möglich»

Wie lassen sich staatliche Eingriffe auf das wirklich Notwendige begrenzen? Mit dieser Frage befasst sich Sabine Tormann, Juristin im Kindes- und Erwachsenenschutz. Im Rahmen eines Fachkurses hat sie sich vertieft mit dem Familienrat befasst. Im Interview spricht sie über Subsidiarität, Verantwortung und die Rolle von Fachpersonen.

Familienrat: «So viel staatliche Hilfe wie nötig – so wenig wie möglich»

Frau Tormann, was bedeutet der Begriff Subsidiarität ganz konkret für Familien im Kindes- und Erwachsenenschutz?

Im Kindes- und Erwachsenenschutz bewegen wir uns grundsätzlich im Eingriffsrecht. Das heisst: Der Staat ordnet Massnahmen an, die in die Privatsphäre von Menschen eingreifen. Subsidiarität bedeutet in diesem Zusammenhang: so viel staatliche Hilfe wie nötig – und so wenig wie möglich. Was durch freiwillige Unterstützung aufgefangen werden kann – etwa durch Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft oder freiwillige Dienste –, soll auch dort gelöst werden. Der Staat kommt erst dann ins Spiel, wenn diese Ressourcen nicht ausreichen.

Was ist ein Familienrat?

Das aus Neuseeland stammende Verfahren des Familienrats ist ein strukturiertes Verfahren, bei dem Betroffene gemeinsam mit ihrem sozialen Netzwerk eigene Lösungen für herausfordernde Situationen erarbeiten. Statt dass Behörden Lösungen vorgeben, entwickelt das Umfeld einen konkreten Plan – begleitet von einer unabhängigen Koordinationsperson. Die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit bietet mit dem SAS Familienrat – Starke Netzwerke für gemeinsame Lösungen eine Weiterbildung an, die Fachpersonen zur professionellen Durchführung solcher Prozesse befähigt.

Subsidiarität und der Ansatz des Familienrats

Damit sprechen Sie das Familienrat-Modell an. Wie funktioniert das?

Der Familienrat ist gewissermassen ein «Mini-Verfahren» innerhalb eines behördlichen Verfahrens. Dabei wird systematisch geprüft, welche Ressourcen in der Familie und im Netzwerk vorhanden sind und wie sie aktiviert werden können. Ziel ist es, staatliche Massnahmen möglichst zu vermeiden oder auf jene Bereiche zu beschränken, in denen die Problematik nicht ausserbehördlich aufgefangen werden kann.

Was unterscheidet den Familienrat von einer klassischen Fachberatung?

Der entscheidende Unterschied liegt im Perspektivenwechsel. Im behördlichen Verfahren gilt die Fachperson als Expertin oder Experte. Im Familienrat verlässt man diese Haltung. Hier sind die Betroffenen und ihr Netzwerk Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt – und deren Ressourcen gibt man bewusst Raum.

Das Netzwerk als Ressource

Wenn Sie von «Netzwerk» sprechen: Wer gehört dazu?

Das Netzwerk wird bewusst weit gedacht. Es muss nicht nur Verwandte umfassen, sondern es können auch Freundinnen und Freunde, Nachbarn, Vereinsmitglieder, Schulsozialarbeitende oder Therapeutinnen einbezogen werden – also alle Personen, die im Alltag der Betroffenen eine Rolle spielen. Oft denken Menschen zunächst nur an die engste Familie. Öffnet man den Kreis, wird sichtbar, wie viele tragfähige Beziehungen tatsächlich vorhanden sind – und dass niemand alleine Lösungen finden muss.

Welche Rolle übernehmen die Fachpersonen in diesem Fall?

Die initiierende Stelle formuliert Mindestanforderungen, eine Koordinationsperson sorgt für Gesprächsstrukturen und Schutzstandards. Beide entwickeln aber keine eigenen Lösungen. Diese entstehen im Netzwerk beziehungsweise eben im Familienrat. Familien kennen ihre Situation, ihre Dynamiken und ihre Möglichkeiten am besten. Der Familienrat ist deshalb eine Form von Hilfe zur Selbsthilfe – es geht um Selbstermächtigung und Empowerment.

Können Sie das an einem Praxisbeispiel erläutern?

Ich denke an eine Frau Anfang 70 im Erwachsenenschutz: geistig fit, aber körperlich eingeschränkt und mit knappen finanziellen Mitteln. Alltägliche Aufgaben wie Einkaufen oder Wäschetragen werden zunehmend zur Belastung. Die Spitex kann nur punktuell helfen. Im Familienrat wurden Enkelkinder, Nachbarinnen und Freundinnen einbezogen. Daraus entstanden einfache, aber wirksame Lösungen: regelmässige Fahrdienste, Unterstützung beim Tragen, digitale Bestellungen mit Hilfe eines Tablets, klar verteilte Aufgaben im Wochenrhythmus. Das sind keine spektakulären Lösungen. Aber sie decken den aktuellen Unterstützungsbedarf ab, stabilisieren den Alltag der Betroffenen, entlasten emotional und stärken das Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Grenzen und Herausforderungen des Familienrats

Welche Wirkung hat ein solcher Prozess auf die Betroffenen?

Er stärkt das Selbstvertrauen und die Selbstwirksamkeit der Betroffenen. Wenn zehn Menschen in einem Raum sitzen und gemeinsam Lösungen suchen, entsteht ein anderes Gemeinschaftsgefühl. Das Denken verändert sich: weg von «Ich brauche Hilfe und schäme mich dafür» hin zu «Ich habe ein Netzwerk und kann Verantwortung teilen».

Wo liegen die Grenzen dieses Ansatzes?

Eine klare Grenze im Erwachsenenschutz ist die Urteilsunfähigkeit, etwa bei Demenz oder schweren psychischen Krisen. Wenn jemand nicht mehr in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen oder seine eigenen Interessen zu wahren – etwa bei finanziellen Entscheidungen – stösst das Modell an Grenzen. Eine weitere Herausforderung ist zudem die Scham.

Inwiefern?

Viele Menschen tun sich schwer damit, Hilfe anzunehmen oder sogenannte Familiengeheimnisse offenzulegen. Auch kulturelle Spannungsfelder können Prozesse erschweren. Zudem braucht es bei Behörden und Institutionen ein Umdenken.

Können Sie das ausführen?

Behörden und staatliche Organisationen arbeiten häufig unter grossem Zeitdruck. Der Familienrat kostet Zeit, Koordination und Ressourcen. Ohne strukturelle Unterstützung bleibt dieses Instrument eine verpasste Chance. Zudem passt der Familienrat nicht immer in die etablierten behördlichen Abläufe: Fachpersonen müssen einen Schritt zurücktreten und dem Netzwerk Raum geben. Dieser Rollenwechsel ist anspruchsvoll, und seine Verinnerlichung braucht Zeit.

Erkenntnisse aus dem Fachkurs Familienrat

Sie haben den Fachkurs Familienrat der HSLU – Soziale Arbeit absolviert. Was hat Sie motiviert, sich vertieft mit dem Thema zu befassen?

Ich arbeite bei einer KESB und sehe die Belastung von Mitarbeitenden der Behörde und Mandatspersonen. Auch wenn wir von massgeschneiderten Lösungen sprechen, arbeiten wir oft mit den zur Verfügung stehenden standardisierten Mitteln und Lösungen – aus Systemgründen, nicht aus Desinteresse für die Lebenswelt der Betroffenen. Mich beschäftigte deshalb die Frage, ob es allenfalls auch andere Wege gibt. Ob wir den Betroffenen vielleicht mehr Verantwortung zumuten – und diese stärken können: durch den aktiven Einbezug der Betroffenen und ihres sozialen Umfelds. Der Staat kann nicht alles auffangen – und sollte es wirklich auch nur dann, wenn es nicht anders möglich ist.

Sie haben zwischenzeitlich auch einen Fachartikel zu diesem Thema geschrieben. Welche zentrale Erkenntnis nehmen Sie aus Ihrer vertieften Auseinandersetzung mit?

Staatliche und private Institutionen müssen bereit sein, sich zu bewegen. Der Familienrat ist kein neues Instrument, aber er hat sich bisher nicht flächendeckend durchgesetzt. Es braucht Offenheit für neue Rollenbilder: Fachpersonen müssen Verantwortung delegieren können. Staatliche Eingriffe haben nie dieselbe Wirkung wie privat gefundene Lösungen. Genau darin liegt die Stärke dieses Ansatzes.

Von Ismail Osman
Bild: Adobe Stock
Veröffentlicht: 5. Mai 2026

Profilbild Sabine Tormann

Sabine Tormann

Sabine Tormann ist Anwältin und aktuell bei einer Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) tätig. 2025 absolvierte sie an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit den Fachkurs im Rahmen des SAS Familienrat. Seit 2025 engagiert sie sich zudem im Vorstand des Vereins Familienrat Schweiz.

Weiterbildung SAS Familienrat – Starke Netzwerke für gemeinsame Lösungen

Der Familienrat hilft Menschen, die Unterstützung brauchen, starke Netzwerke zu bilden. Betroffene entwickeln mit Familie, Freunden und Fachkräften eigene Lösungen, die zu ihren Bedürfnissen passen. Fachkräfte geben wichtige Infos, bleiben aber im Hintergrund. So fördert der Familienrat Selbstbestimmung und schafft nachhaltige Lösungen durch die Zusammenarbeit von Gemeinschaft und professioneller Hilfe.

Mehr Informationen: Webseite Fachkurs Familienrat

Familienrat/Family Group Conference – Starke Netzwerke für gemeinsame Lösungen

Das Buch Cover Buch Familienratentstand in Kooperation mit Praxisstellen, im Diskurs mit (inter-)nationalen Netzwerken, im Rahmen von Bachelor- und Master-Arbeiten und in einem Kooperationsprojekt der Fachhochschule St. Pölten in Österreich und der HSLU. Darin soll dem Bedürfnis nach Beispielen, nach praktischen Arbeitsmaterialien, nach fachlichem Austausch und kritischer Auseinandersetzung mit dem Vorgehen entsprochen werden. Das Buch ist im interact-Verlag erhältlich.

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