Behinderung und Lebensqualität,

Forschung

Gelassen bleiben bei starken Gefühlen: ein neues Bilderbuch für Erwachsene mit Beeinträchtigungen

Menschen mit Unterstützungsbedarf erleben Gefühle oft intensiv, verfügen jedoch nicht immer über ausreichende Strategien zur Selbstregulation. Das neue Bilderbuch «Kim und Leo: Gelassen bleiben bei starken Gefühlen» von Stefania Calabrese und Nicole Blattmann unterstützt Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen dabei, diese Fähigkeiten zu stärken. Im Interview erläutern die Autorinnen, weshalb herausforderndes Verhalten oft nachvollziehbare Gründe hat und wie Selbstregulation entwickelt werden kann.

Gelassen bleiben bei starken Gefühlen: ein neues Bilderbuch für Erwachsene mit Beeinträchtigungen

Soeben ist die neue Publikation «Kim und Leo: Gelassen bleiben bei starken Gefühlen» erschienen. Was war die Motivation hinter dem Buch und warum wurde es ein Bilderbuch?

Stefania Calabrese: Aus meiner Erfahrung als Sozialpädagogin, aber auch als Mutter, weiss ich, dass es viele schöne Kinderbücher gibt, die die Themen Gefühle und Gefühlsregulierung aufgreifen. Für Erwachsene mit einer kognitiven Beeinträchtigung fehlt es jedoch an solchen Angeboten. Somit war mir klar: Es braucht ein erwachsenengerechtes Bilderbuch, in dem sich die Menschen wiedererkennen und das sie dabei unterstützt, ihre Emotionsregulation zu stärken. Als ich Nicole kennenlernte und mir bewusst wurde, dass sie nicht nur Sozialpädagogin ist, sondern auch Künstlerin, habe ich sie sofort auf diese Idee angesprochen.

Nicole Blattmann: Da geeignete Materialien fehlen, wird im Erwachsenenbereich tatsächlich viel mit Kinderbüchern gearbeitet. Aber diese passen nicht, weil sie die Lebenswelt von Erwachsenen nicht widerspiegeln. Zum Beispiel haben die Abbildungen, seien es Kinder oder Fantasiewesen, nichts mit ihrer Realität zu tun.

Stefania: Dazu besteht dabei die Gefahr der Infantilisierung, denn schliesslich sind es ja erwachsene Menschen und keine Kinder. Das Buch hat daher auch einen Bildungscharakter. Denn in der Sozialpädagogik geht es nicht nur ums Betreuen und Begleiten, sondern auch um Empowerment und Bildung. Das ist ein zentraler Auftrag an uns Fachpersonen.

Was hat Sie zu den Hauptfiguren Kim und Leo inspiriert?   

Nicole: Wenn man länger als Sozialpädagogin arbeitet, lassen sich schon gewisse wiederkehrende Verhaltensweisen oder Charakterzüge beobachten. Obwohl die Figuren fiktiv sind, konnte ich Gestiken und mimische Ausdrücke aus meinem Berufsalltag einfliessen lassen. Gestalterisch war dies sehr anspruchsvoll, aber im Sinne der Zielgruppe zentral. Denn sie sollen sich, wie gesagt, mit Kim und Leo und ihrer Umgebung identifizieren können. Daher haben wir bewusst typischen Szenarien in der Werkstatt oder in der Wohngruppe gewählt.

An wen richtet sich das Buch und wie kann es eingesetzt werden?

Stefania: Das Buch richtet sich in erster Linie an Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen, deren sozio-emotionale Entwicklung etwa einem emotionalen Entwicklungsalter ab 1,5 Jahren entspricht (SEED-Phase 3 und höher). Die Geschichten und Bilder bieten einen niederschwelligen Zugang, um über Gefühle, belastende Situationen und sozial verträgliche Bewältigungsstrategien ins Gespräch zu kommen. Ergänzend enthält das Buch eine Handreichung mit praktischen Hinweisen zur Anwendung sowie Hintergrundinformationen zur Entwicklung von Selbstregulationsfähigkeiten

Was ist unter einer SEED-Einschätzung zu verstehen?

Stefania: Das Modell der emotionalen Entwicklung ermöglicht es, den emotionalen Entwicklungsstand eines Menschen einzuschätzen. Bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen entspricht dieser häufig weder ihrem Lebensalter noch ihrem kognitiven Entwicklungsniveau. Die Fähigkeit zur Selbstregulation muss man immer in Abhängigkeit davon sehen. Die SEED-Phase 3 entspräche z. B. dem Referenzalter eines eineinhalb- bis dreijährigen Kindes. Wobei man mit diesen Vergleichen aufpassen muss, da es sich letztlich eben nicht um Kinder, sondern um Erwachsene handelt. Dennoch hilft es. Denn genauso wenig, wie ich einem einjährigen Kind sagen würde «Jetzt reiss dich mal zusammen», kann ich das von einem erwachsenen Menschen erwarten, wenn sein emotionales Entwicklungsalter diesem Stand entspricht.

Mehr über SEED erfahren

Die Skala der Emotionalen Entwicklung – Diagnostik (SEED) hilft, die Betreuung von Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung auf die basalen emotionalen Bedürfnisse der Klient:innen abzustimmen, sodass diese mehr im Einklang mit sich selbst und ihrer Umwelt leben können. Denn es hängt vom emotionalen Entwicklungsniveau ab, ob und wie sich ein Mensch in Hinsicht auf Frustration und Aggressionen regulieren kann und wie intensiv er im Alltag auf Betreuungspersonen angewiesen ist, um sich sicher zu fühlen. Aus diesem Grund ist es für eine optimale Förderung unerlässlich, neben dem kognitiven auch den emotionalen Entwicklungsstand zu kennen. (Quellen Testzentrale.ch und Hfh.ch)

Nicole: Ja, die Entwicklungsphase einer Person zu reflektieren, ist sehr wichtig, um ihnen gerecht zu werden. Denn es geht nicht um unsere Bedürfnisse, sondern um ihre.

Stefania: Ja, sonst überfordert man sie. Und Überforderung ist ein guter Nährboden für die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten.

Nicole: Wir sind gewissermassen Regulationsübersetzer:innen. Damit sich die Menschen im Alltag zurechtfinden, ist es entscheidend, die Kommunikation und Sprache anzupassen und zu übersetzen. Unser Ziel muss sein, eine für sie stimmige Welt zu kreieren. Entsprechend wichtig sind daher auch Erfolgserlebnisse. Wenn etwas gut gelingt, sollte das unbedingt gelobt und gefeiert werden. Lob ist zentral in der Begleitung – und wird im hektischen Alltag doch manchmal vergessen.

Herausforderndes Verhalten wurde früher als Problemverhalten taxiert. Was steckt aber eigentlich dahinter?

Stefania: Es gibt verschiedene Deutungen. An der HSLU fokussieren wir uns auf die systemische Perspektive. Diese geht davon aus, dass sich herausforderndes Verhalten aus einer ungünstigen Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt ergibt. Es gibt immer gute Gründe, weshalb jemand in einer Stresssituation wütend oder ängstlich reagiert oder auch etwas umwirft. Oft hat es mit der Regulationsfähigkeit zu tun, aber unter Umständen auch damit, dass manche in ihrem Leben leider bereits viel Ablehnung und Kritik erfahren haben. Deshalb liegt es auch in der Verantwortung der kompetenteren oder geschulten Person, einen professionellen, entwicklungsförderlichen Blick zu wahren und zu überlegen, wie man sie am besten unterstützt.

Das ist allerdings ehrlicherweise auch manchmal leichter gesagt als getan, wenn im Alltag der Zeitdruck steigt – etwa, wenn das Taxi wartet, jemand aber partout nicht einsteigen will. Davon kannst du, Nicole, sicher ein Lied singen.

Nicole: Ja, gerade diese Übergangssituationen sind ein zentrales Thema in unserem Alltag. Deshalb greifen wir sie auch im Buch auf.

Herausfordernde Verhaltensweisen, etwa Verweigerungsreaktionen, werden häufig von aussen stigmatisiert. Wer die Menschen jedoch näher kennt, merkt schnell, dass viele ihre eigenen Emotionen gar nicht erkennen oder benennen können. Wie soll man etwas regulieren, wenn einem die Worte dafür fehlen? Umso wichtiger ist es, Beziehungen und Vertrauen aufzubauen. Das ist auch insgesamt der entscheidende Schlüssel für eine gelingende Begleitung.

Stefania: Die wirksamste Form der Deeskalation ist übrigens die eigene Selbstregulation. Gelingt es mir, in einer herausfordernden Situation selbst ruhig und gelassen zu reagieren, überträgt sich dies häufig auch aufs Gegenüber.

Nicole: Das ist enorm wichtig, ja. Das weiss man auch von der Polizei und von Rettungskräften. Sie zählen vor einem Einsatz oft innerlich auf zehn.

Nicole, hilft Ihnen Ihr künstlerischer Background in der pädagogischen Arbeit?

Nicole: Die künstlerische Tätigkeit ist mehr mein Ausgleich zur Arbeit. Sie trägt aber auch dazu bei, alltagskreativ zu sein und spontan zu reagieren. Wenn jemand z. B. keine Lust hat aufs Atelier, nehme ich auch mal einen Stift und sage: «Wer diesem Zauberstab folgen mag, bekommt eine Belohnung.» Das kann solche Übergänge erleichtern. Dieses Kreative und Abwechslungsreiche schätze ich sehr an der Pädagogik, genauso wie das Teamwork. Gute Teams sind das A und O in unserer Arbeit.

Zum Schluss: Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse oder Modelle liegen dem Buch zugrunde?

Stefania: Neben dem SEED-Modell wohl eine der zentralen entwicklungspsychologische Erkenntnisse: Kein Mensch – ob mit oder ohne kognitive Beeinträchtigung – kommt mit der Fähigkeit zur Selbstregulation auf die Welt. Sie entwickelt sich im Laufe des Lebens, idealerweise mit der Unterstützung von Bezugspersonen und in einem anregenden Umfeld. Denn Entwicklung findet immer in Wechselwirkung mit der Umwelt statt.

Genau deshalb braucht es auch im Behindertenbereich ein entwicklungsförderliches Milieu. Um den «Dauerbrenner» Herausforderndes Verhalten in Institutionen gut begleiten zu können, sind geeignete Werkzeuge, Strategien und Inspirationen wichtig. Genauso ist das Buch zu verstehen: als schön illustriertes Tool, das Freude bereiten und die Lust am Thema wecken soll.

Stefania Calabrese

Prof. Dr. Stefania Calabrese

Stefania Calabrese ist Professorin für Sozialpädagogik im Kontext von intellektueller Beeinträchtigung an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und leitet das Kompetenzzentrum Behinderung und Lebensqualität. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen im Verstehen und im professionellen Umgang mit herausforderndem Verhalten von Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Nicole Blattmann

Nicole Blattmann

Nicole Blattmann ist Künstlerin und Sozialpädagogin. In ihrer künstlerischen Arbeit setzt sie sich intensiv mit dem Menschen auseinander – insbesondere mit Erfahrungen von Flucht, Identität und Verletzlichkeit. Im Zentrum stehen dabei persönliche Geschichten und emotionale Ausdrucksformen. Parallel dazu ist sie in Ausbildung zur Aggressionstrainerin nach NAGS und beschäftigt sich in ihrer sozialpädagogischen Praxis mit dem professionellen Umgang mit herausforderndem Verhalten.

Über das Buch

Menschen mit Unterstützungsbedarf erleben Gefühle oft sehr intensiv. In belastenden Situationen kann es schwer sein, diese Gefühle zu verstehen und damit umzugehen. Dann reagieren Menschen manchmal auf eine Weise, die für sie selbst oder andere schwierig ist. Das Buch «Kim und Leo: Gelassen bleiben bei starken Gefühlen» zeigt anhand alltagsnaher Geschichten und einfacher Strategien, wie man zur Ruhe kommt und passende Lösungen findet. Das Buch richtet sich an erwachsenen Menschen mit Unterstützungsbedarf und ist im Verlag der Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. erschienen.

Möchten Sie mehr erfahren?

Eine Gelegenheit dazu besteht am 10. September 2026 im Rahmen des SEED-Symposiums an der HSLU. Stefania Calabrese und Nicole Blattmann leiten dort einen Workshop zum Thema «SEED und Sozialkompetenztrainings für Klient:innen» und stellen ihr neues Bilderbuch vor. Hier mehr erfahren.

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