Sozialmanagement und Sozialpolitik,
Dorothee Guggisberg, Direktorin der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, geht Ende August in Pension. Im Interview blickt sie auf zehn Jahre Departementsleitung zurück, spricht über gesellschaftliche Veränderungen und notwendige Kompetenzen in der Sozialen Arbeit.
Ende August gehst du in Pension. Wie ist dein Gefühl zu diesem Schritt?
Ich freue mich auf die neue Lebensphase. Im Moment denke ich allerdings noch weniger an das, was kommt, als an das, was ist. Die Geschäfte im Departement und in der Hochschule laufen auf Hochtouren und haben meine volle Aufmerksamkeit bis am Schluss.
Du warst zehn Jahre Direktorin des Departements. Wie hast du diese Funktion verstanden?
Als Direktorin stehe ich an der Schnittstelle zwischen Departement, Hochschule und dem Umfeld und trage die Gesamtverantwortung. Das tue ich aber nie allein. Ich bin wie alle immer Teil eines Ganzen, eines Teams. Mir gefällt das Bild des Orchestrierens: Ich spiele nicht jedes Instrument selbst, muss aber den Gesamtklang im Blick behalten und die unterschiedlichen Stimmen zusammenführen. Führung bedeutet für mich, Menschen und Perspektiven so zu verbinden, dass das Gemeinsame lebt, das uns zielgerichtet weiterbringt.
Welche Entwicklungen haben deine Zeit besonders geprägt?
In erster Linie waren das die grossen aktuellen Themen: Digitalisierung, Flexibilisierung, Individualisierung. Es sind technische wie gesellschaftliche Veränderungen, auf die wir als Organisation Antworten finden müssen und Transformationsprozesse, die wir gestalten wollen.
Prägend waren jüngst wichtige Entwicklungsschritte im Curriculum zur Sozialen Arbeit und natürlich die Implementierung der Pflege bei uns am Departement und der Aufbau der Gesundheit an der Gesamthochschule.
Ein bisschen weiter zurückgeschaut, war selbstverständlich Corona eine besonders prägende Zeit. Wir haben viel gelernt, umgestellt und Neues versucht. Corona hat uns gezeigt, wie anpassungsfähig Organisationen sein können und wie schnell sich vermeintlich Unveränderliches doch verändern lässt.
Ich denke an viele eindrucksvolle Momente in diesen zehn Jahren zurück. Einer war auch das 100-Jahr-Jubiläum im 2018 – ein bemerkenswerter Meilenstein: Von einer damals karitativen Frauenschule zu einer akademisch anerkannten Hochschule.
100 Jahre Ausbildung in Sozialer Arbeit in Luzern: Von der Gründung 1918 bis 2018. Erfahre mehr zur Entwicklung der Vorgängerschulen und ihre Transformation zur heutigen Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.
Webseite: 100 Jahre Ausbildung in Sozialer Arbeit in Luzern
Worauf bist du besonders stolz?
Ich bin stolz auf unsere Ausbildung, Forschung, Weiterbildung und Dienstleistungen. Ich bin stolz darauf, was die Mitarbeitenden täglich leisten und wie sie damit aufs Ganze einzahlen. Ich bin stolz, dass wir die Pflege bei uns am Departement erfolgreich integriert haben. Und dass wir in ein neues Hochschulgebäude einziehen konnten, das noch bessere Bedingungen zum Lernen und Arbeiten bietet. Und schliesslich: Dass wir die Nase im Wind haben, Chancen packen und offen mit Veränderungen umgehen.
«Viele gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme lassen sich heute nicht mehr allein disziplinär bearbeiten. Es braucht interdisziplinäre und interprofessionelle Lösungen.»
Mit der Integration der Pflege ist das Departement breiter und interprofessioneller geworden. Welche Chancen siehst du in dieser Entwicklung?
Mit dem Bachelor und Master in Pflege leisten wir einen direkten Beitrag für die Gesundheitsversorgung in der Zentralschweiz und darüber hinaus. Die Schnittstellen zu zahlreichen Themengebieten der HSLU können aktiv eingesetzt werden und die Synergien mit der Sozialen Arbeit in unserem Departement liegen auf der Hand. Viele gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme lassen sich heute nicht mehr allein disziplinär bearbeiten. Es braucht interdisziplinäre und interprofessionelle Lösungen und das zusammen mit der Praxis und direkt Beteiligten.. Ich denke beispielsweise an die Gesundheitsförderung, an die psychische Belastung junger Menschen oder an eine unterstützende Infrastruktur für ältere Menschen. Hier sind entsprechende Kompetenzen gefordert, die wir in Lehre und Forschung gezielt fördern und einsetzen.
Dass sich Menschen als Teil des Ganzen fühlen, zahlt immer auf die Stabilität der gesamten Gesellschaft ein. Die Soziale Arbeit ist genau mit diesem Fokus unterwegs.
Was sind aus deiner Sicht die grössten gesellschaftlichen Herausforderungen für die Soziale Arbeit?
Digitalisierung und Mobilität sind tiefgreifende, globale Entwicklungen. Wir stehen in einem nachhaltigen Transformationsprozess und haben die Chance und die Aufgabe mitzugestalten. Die Soziale Arbeit nutzt die Digitalisierung aktiv z.B. durch Integration von KI-Tools in Routineaufgaben oder durch neue Formen der digitalen Klient:innenbetreuung. Gleichzeitig schenkt sie ethischen und datenschutzbezogenen Fragen hohe Aufmerksamkeit und thematisiert Möglichkeiten von Zugängen und Inklusion.
Mobilität in Bezug auf Migration und Flucht prägen unsere Gesellschaft seit langem. Die Soziale Arbeit begegnet dabei sowohl den Herausforderungen als auch den Potenzialen, die daraus entstehen. Alle Megatrends haben Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben und damit auf die Soziale Arbeit.
Dass sich Menschen als Teil des Ganzen fühlen, zahlt immer auf die Stabilität der gesamten Gesellschaft ein. Die Soziale Arbeit ist genau mit diesem Fokus unterwegs. Der Sozialstaat ist ein wesentlicher Bestandteil von Inklusion. Soziale Kohäsion – also das gesellschaftliche Zusammenleben und Zusammenwirken – muss aber immer wieder verhandelt werden. Derzeit spüren wir aufgrund weltpolitischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bewegungen, dass es an den sozialen Rändern und auch im Gesamtgefüge rissig wird. Das bereitet Sorge. In der Sozialen Arbeit setzen sich Fachleute und Studierende mit diesen komplexen Themen auseinander. Und wir wissen, dass sich strategische Zukunftsfragen nur diskursiv und interdisziplinär angehen lassen.
Wir haben und brauchen dazu top ausgebildete Leute, die individuelle und gesellschaftliche Problemstellungen ressourcen- und lösungsorientiert bearbeiten können und mithelfen, Transformation aktiv zu gestalten.
Welche Kompetenzen werden für zukünftige Sozialarbeitende immer wichtiger?
Es braucht auch in Zukunft Schlüsselkompetenzen wie Analysefähigkeit, Kommunikation, Konfliktmanagement, strategisches Denken, digitale Kompetenz, um komplexe Prozesse zu steuern. Hinzu kommen grundlegende methodische und fachliche Kenntnisse sowie funktionsbezogene Entscheidungs- und Ermessenskompetenz.
Fundamental bleibt auch in der Sozialen Arbeit, dass wir daten- und faktenbasiert arbeiten. Wir müssen überzeugen – Politik, Vorgesetzte, Arbeitsgruppen. Und wir müssen konkrete Lösungen erarbeiten können – interdisziplinär und interprofessionell. Das erfordert auch die Fähigkeit, mit Menschen zu kooperieren, die manchmal anders denken.
«Unsere Gesellschaft ist auf aktive Mitwirkung angewiesen – im Beruf, neben dem Beruf und nach dem Beruf.»

Du warst 40 Jahre in der Sozialpolitik tätig. Gab es Vorbilder, die dich besonders geprägt haben?
Es gab viele. Aber am meisten haben mich Menschen geprägt, die ich vielleicht gar nicht persönlich kenne. Mutige Frauen und Männer, die weltweit in schwierigen Situationen Akzente gesetzt und Risiken auf sich genommen haben. Und ich habe auch ganz viel gelernt von Leuten, die vielleicht gar nicht ahnen, dass ich von ihnen etwas gelernt habe – im Alltag, auf Bergtouren, hier an der Hochschule. Die Vorbilder sind überall.
Und worauf freust du dich in der Pension?
Ich freue mich, mit etwas mehr Luft durchs Leben zu gehen, meinen Blick auf Neues und Unbekanntes zu richten und vieles auch weiterzuführen. Ich bleibe sozial und sozialpolitisch engagiert. Unsere Gesellschaft ist auf aktive Mitwirkung angewiesen, im Beruf, neben dem Beruf und nach dem Beruf. So werde ich das auch handhaben. Es gibt unglaublich viel Spannendes zu tun.
Dorothee Guggisberg ist seit 2016 Direktorin des Departements Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Sie geht Ende August 2026 in Pension.
Beitrag von: Roger Ettlin
Bilder: Thomas Egli
Veröffentlicht: 14. Juli 2026
Weiterbildung: Berufliche Spezialisierung in elf Themenbereichen
Die Weiterbildungsangebote der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit unterstützen Fachpersonen dabei, ihre Praxis zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Im Sinne des lebenslangen Lernens vermitteln sie anwendungsorientiertes Wissen und fördern individuelle fachliche Kompetenzen.
Mehr Informationen: Webseite Weiterbildung
Soziale Arbeit studieren – Vielfalt, Innovation und Perspektiven
Das Studium der Sozialen Arbeit an der Hochschule Luzern bietet drei Vertiefungsrichtungen:
Neu gibt es zusätzlich den Bachelor in Sozialer Arbeit – neue Konzepte und Innovation. Hier gestalten die Studierenden ihr Studium aktiv mit und bestimmen ihren Weg zur Berufsbefähigung stärker selbst.
Infoveranstaltungen: Hier anmelden
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