Erziehung, Bildung und Betreuung,
Kindes- und Erwachsenenschutz,
Wie erleben Jugendliche ihre Lebenswelt heute – und welche Rolle spielen Peers, Familie und Fachpersonen dabei? Diese Fragen standen im Fokus der diesjährigen Fachtagung des Fachverbands Sozialpädagogische Familienbegleitung. Wissenschaftliche Inputs, praxisnahe Workshops und persönliche Einblicke von betroffenen Peers prägten die Tagung.
Die Fachtagung des Fachverbands SPF Sozialpädagogische Familienbegleitung wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit am 29. Januar 2026 durchgeführt.
Den ersten Input lieferte Prof. Dr. Peter Rieker mit seinem Referat zu peerspezifischen Sozialisationsprozessen im Jugendalter. Anhand von drei Forschungsprojekten zeigte er eindrücklich auf, wie zentral Peers für die Entwicklung von Jugendlichen sind. Peers sind weit mehr als nur Freundschaften – sie sind Orte von Aushandlung, Orientierung und Entscheidung.
Was sind Peers?
Peter Rieker definierte Peers an der Tagung als «Gleichaltrige und Gleichrangige» im Kontext von Jugendlichen Peers. Peers sind Personen, die sich auf derselben Ebene befinden und einen ähnlichen Status, ein ähnliches Alter oder eine vergleichbare Rolle haben.
Peerbeziehungen sind ambivalent: Einerseits können sie mit Gruppendruck, Risikodynamiken und abweichendem Verhalten verbunden sein und werden von Erwachsenen deshalb häufig problematisch wahrgenommen. Andererseits bieten sie Jugendlichen Rückhalt, Anerkennung, Zugehörigkeit und emotionale Sicherheit. In Peergruppen finden wichtige Prozesse der Identitätsfindung, der Ablösung vom Elternhaus sowie der Selbstorganisation statt. Jugendliche lernen hier, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte auszutragen und ihren Platz in der sozialen Welt zu finden. Fazit: Peers sind wichtig, entscheidend ist die Qualität der Peerbeziehungen.
Im zweiten Inputreferat widmete sich Dr. Philipp Streit dem Konzept der Neuen Autorität und dessen Bedeutung im Umgang mit herausforderndem Verhalten von Jugendlichen. Im Zentrum steht dabei nicht Kontrolle und Sanktion, sondern die bewusste Gestaltung von Beziehung. Eltern – und auch Fachpersonen – werden gestärkt, ihre Verantwortung klar wahrzunehmen: durch Präsenz, Verlässlichkeit und Struktur.
Gleichzeitig betonte Dr. Streit, dass Neue Autorität auch Widerstand und Beharrlichkeit einschliesst, jedoch stets verbunden mit Liebe, Zugewandtheit, echtem Interesse und Anteilnahme am Leben des Jugendlichen. Beziehung halten, auch wenn es schwierig wird, erwies sich als zentrale Botschaft dieses Inputs.
In den Workshops wurden die Inhalte der Referate praxisnah vertieft und mit konkreten Fragestellungen aus dem Berufsalltag verknüpft. Neben den Inputreferaten wurden die folgenden Themen in Workshops vertieft:
Die Workshops boten Raum für Austausch, Reflexion und die Verbindung von Theorie und Praxis.
Workshop 1: Freundschaften-Peergroups und soziale Netzwerke als Ressource im Jugendalter mit Giovanna Hartmann Schaelli, Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich
Workshop 2: Stark und Positiv im Umgang mit Jugendlichen mit Dr. Philip Streit, klinischer und Gesundheitspsychologe, systemischer Psychotherapeut
Workshop 3: Umgang mit Stress und Belastungen bei Jugendlichen mit Fabio Botta, Sozialpädagoge HF und MAS Sozialmanagement
Workshop 4: Die Lebensrealität von queeren Jugendlichen von Milchjugend
Workshop 5: Fit in Sachen Medienkompetenz für Begleiter:innen von Jugendlichen mit Daniel Betschart, Programmverantwortlicher Medienkompetenz, Pro Juventute
Workshop 6: Jugend und Armut in der Schweiz mit Marie-Rose Blunsch von ATD (all together for dignity-gemeinsam für die Würde aller)
Ein besonderes Highlight der Tagung war das Podium, das sich aus persönlich Betroffenen zusammensetzte. Diese berichteten offen über ihre persönlichen Erfahrungen zu den Themen Armut, sexuelle Identität und Migration. Die authentischen Einblicke beeindruckten und machten deutlich, wie wichtig es ist, zuzuhören und die Perspektiven von Betroffenen ernst zu nehmen.
Die Fachtagung machte deutlich: Wer mit Jugendlichen arbeitet, muss bereit sein, in ihre Lebenswelten einzutauchen – mit Offenheit, fachlicher Kompetenz und echter Beziehungsgestaltung. Die Kombination aus Forschung, Praxis und persönlichen Stimmen schuf einen wertvollen Raum für Lernen, Austausch und Inspiration.
Beitrag von: Annette Dietrich
Veröffentlicht: 17. Februar 2026
Bilder: Riccarda Achermann
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