Soziokultur

Wenn sich menschliches Leid in Schönheit verwandelt

Wenn sich menschliches Leid in Schönheit verwandelt

Mitte Juli 2022 reiste eine 14-köpfige Delegation des Instituts für Soziokulturelle Entwicklung (ISE) nach Kassel an die Documenta fifteen. Es sollte eine inspirierende Reise werden. Zu denken gibt der die Ausstellung begleitende Skandal.

Die Studienreise umfasste neben individuellen Besuchen der zahlreichen in der Stadt verteilten Ausstellungsorte verschiedene Erkundungen in kleinen Gruppen sowie drei vertiefende Referate respektive organisierte Einblicke. Kunst und Soziokultur, Aktivismus und Partizipation, intermediäre Rolle – die Anschlussmöglichkeiten für die Lehre, aber auch für den professionellen Diskurs der Soziokulturellen Animation sind vielfältig und bereichernd. Im Grund geht es immer um das Gleiche: um ein gutes Zusammenleben, das allen Menschen Raum und Würde gibt.

Im Fokus: entrechtete indigene Völker
«We want land, not handouts (wir wollen Land, keine Flugblätter)», sagen die in leuchtenden Farben gemalten Menschen auf dem grossen Bild im Fridericianum in Kassel, dem Zentrum der Documenta, das heuer wirkt wie ein umtriebiges Atelier (Kita mit hochqualitativen Holzkonstruktionen und Indoor-Sandkasten inklusive). Das Gebäude mit den klassizistischen Säulen sieht aus, wie man sich ein ehrwürdiges Museum vorstellt. Allerdings sind die Säulen dunkel wie eine Wandtafel eingefärbt und von graffiti-artigen Sprüchen übersät, wie mit Kreide geschrieben. Die Werte der 15. Documenta Grosszügigkeit, Humor, lokale Verankerung, Unabhängigkeit, Regeneration, Transparenz und Genügsamkeit sind hier festgehalten. Stets präsent sind diese Werte auch sonst in jeder Location der Ausstellung. Ebenso präsent: die Spannung zwischen brutaler und manifester Gewalt und einer resilienten, manchmal fröhlichen, manchmal galgenhumorigen Ironie. An den Säulen zeigt sich das beispielsweise im Hinweis, der beauftragte Künstler bemale die Säulen – gemeinsam mit Kassels Stadttauben respektive ihren allgegenwärtigen Hinterlassenschaften. Über den Säulen zeigen rote Zahlen, wie schnell die Schulden der australischen Regierung bei den Aborigines wächst, weil sie ihnen ihr Land genommen hat.

Safe Space in Mukuru
In die nahe beim Fridericianum gelegene Documenta-Halle gelangt man durch einen Wellblechtunnel, der schwarz ausgekleidet ist und kaum beleuchtet wird. Aus kleinen Lautsprechern ertönt Strassenlärm, rufende Menschen, Hupen, Motorengeräusche. Der Tunnel ist eine Hommage an Mukuru, einen grossen Slum in Nairobi, der kenianischen Hauptstadt. Das Kollektiv Wajukuu Art Project versucht, Jugendliche von der Strasse zu holen. Die Künstler*innen arbeiten mit den Jugendlichen und ermutigen und befähigen sie dazu, gegen erfahrenes Unrecht anzukämpfen. Das Wajukuu Art Project hat auch eine Bibliothek – die erste und einzige in Mukuru – eingerichtet und schafft dort einen safe space zum Lernen. Nach dem dunklen Tunnel öffnet sich eine grosse Halle. Ein Video vermittelt einen Eindruck von der Arbeitsweise des Wajukuu Art Project. Es erzählt von Widerstandsfähigkeit und der menschlichen Fähigkeit, Leid in Schönheit zu verwandeln. Das Video zeigt unter anderem die Entstehung einer wurzelartigen Holzfigur, die sich der Künstler wie ein geschlachtetes Tier über die Schulter wirft und dann mit einer Schleifmaschine bearbeitet. Seine Kindheit sei bitter gewesen, sagt er, Kunst ist seine Sprache. Die Holzfigur steht neben einer Installation mit Hunderten von Messern, die Klingen abgeschliffen bis auf wenige Millimeter, die Griffe dutzendfach geflickt. Die Messerspitzen zeigen alle zum Boden, eine Myriade von Schlachtwerkzeugen, angenagelt an eine Gitterkonstruktion, welche ihrerseits wie ein Zelt gefaltet ist, so eine gewisse Geborgenheit vermittelt. Das ganze Kunstwerk stellt eine pedalbetriebene Messerschleifmaschine dar, wie es sie auch in Mukuru gibt.

Abfall der Industrienationen im globalen Süden
Unterhalb der Halle eine grosse Wiese. Hier wurde für die Zeit der Documenta ein Garten angelegt mit Gemüse, überdacht von wunderbar leichten, durchbrochenen Bambuskonstruktionen. Es gibt eine «soziale Küche», jeden Mittag wird in der Freiluftküche gekocht, sei es durch beteiligte Künstler*innen oder durch lokale Vereine aus Kassel. Ab 14 Uhr gibt es Essen und Diskussionen.

Weiter unten auf der Wiese steht ein aus grossen Ballen zusammengefügter Pavillon, auch hier tönen Geräusche städtischen Lebens aus Lautsprechern. Es klingt, wie wenn ein lauter Rufer etwas versteigern möchte. Auf der Wiese verstreut wie Findlinge weitere Ballen von Altkleidern und Elektroschrott, mit Kabelbindern zusammengeschnürt zu undurchdringlichen Riesenwürfeln. Im Inneren lassen sich Schulklassen und auch unsere Gruppe den Weg der Altkleider erklären, die im globalen Norden entsorgt werden, nicht selten als gute Tat deklariert. Im globalen Süden gelangen neben einigen wenigen tragbaren Kleidern auch viele Probleme auf den Markt: Viele Kleider sind schmutzig oder kaputt. Sie tragen zu einem wachsenden Abfallproblem bei. Es werden auch lokale Handwerkstraditionen zerstört und die Menschen stellen sich die Frage, was es bedeute, die Kleider tragen zu müssen, welche jemandem anderen gehört haben.

Beeinträchtigte: Warten auf Selbstbestimmung
Cosmologies of Care heissen die konzentrischen Kreise, die in Hastings (UK) vom Kollektiv Project Art Works erstellt worden sind. Sie zeigen die erfüllten und die offen gebliebenen Wünsche und Bedürfnisse von neurodiversen Menschen auf. In der Schweiz warten viele Menschen trotz ratifizierter UN-Behindertenrechtskonvention auf die Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Die Cosmologies of Care weisen darauf hin, dass dies in Grossbritannien nicht anders ist.

Lumbung: Individuelle Reserven für alle
Die künstlerische Leitung der aktuellen Documenta liegt (erstmals in der Geschichte) nicht bei einer einzelnen Person, nicht bei einer Koryphäe, sondern bei einem Kollektiv. Das indonesische Künstler*innen-Kollektiv ruangrupa hat wiederum weitere Künstler*innenkollektive aus aller Welt eingeladen ihre Werke auszustellen. Zentral ist der Diskurs, der Austausch, die Herstellung eines Kontexts all dieser Kunstwerke und -aktivitäten. Vor Ort funktioniert dieser Austausch gut, mitunter auch dank der sobat-sobat, mit denen die ISE-Gruppe wiederholt unterwegs war. Diese Vermittler*innen verstehen sich nicht als Guides, sondern als Begleiter*innen. Sobat ist das indonesische Wort für Freund*in, Gefährt*in, sobat-sobat die Pluralform.

Die ganze Documenta ist dem indonesischen Konzept des lumbung verpflichtet. Lumbung beruht darauf, individuell erzielte Überschüsse als Ressourcen allen Beteiligten zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich für Nahrungsmittel konzipiert, teilen die lumbung-Mitglieder der Documenta fifteen nun Wissen, Geld, Ausstellungsräume und auch eine gemeinsame Plattform. Das lumbung-Netzwerk ist lebendig und erweiterbar. Die Aussteller*innen leben vor Ort, wohnen zusammen. Die Documenta fifteen ist auch ein temporärer Ort des Zusammenlebens. Die kreative, produktive, ausprobierende, neugierige Stimmung, halb Lagerleben, halb Kunstakademie, ist auf Schritt und Tritt spürbar. Immer wieder fällt das Wort Praxis. Lumbung ist eine Praxis, die Verbindung von Kunst und zivilgesellschaftlichem Engagement ist eine Praxis, nongkrong ist eine Praxis. Das Wort ist indonesischer Slang und bedeutet «gemeinsam abhängen». In der nonkrong-Praxis geht es darum, Zeit, Ideen, Essen zu teilen und sich Zeit für ein informelles Gespräch zu nehmen.

Schatten über der Documenta
Die Energie des Austauschs ist omnipräsent, mit der sprudelnden Interaktion allerorts. Aber – so anregend die Atmosphäre ist, ganz unbelastet lässt sie sich nicht geniessen. Skandale gehören zur Documenta zwar seit jeher dazu – diesmal waren die Dimensionen jedoch gravierend: Antisemitische Inhalte in der Ausstellung und homophobe, rechtsradikale Übergriffe gegen Künstler*innen. Die Geschäftsleitung hat sich in Schweigen gehüllt und die künstlerische Leitung alleingelassen. Das anstössige Bild wurde entfernt, getilgt, nichts mehr weist darauf hin, dass da mal was war. Der Stachel des «Wie konnte es soweit kommen?» bleibt.

Land fordern die Aborigines. Was bräuchte es an der Documenta fifteen in Kassel? Diskurs, Auseinandersetzung, Reflexion und Weiterentwicklung und zwar über die Kunsthallen hinaus. Mit Beteiligung von allen Seiten. Mittlerweile ist die zuständige Geschäftsleitung zurückgetreten, um die Aufarbeitung der Vorwürfe zu ermöglichen. Die zweifellos komplexe Aufarbeitung würde vielleicht besser möglich, würde man anstatt von Schuldzuweisungen mehr auf Kommunikation setzen. Wollen wir hoffen, dass die Aufarbeitung die nötigen Erkenntnisse zutage fördert, um der Documenta eine gute Grundlage für die Zukunft zu geben.

Lucius Burckhardt, der Soziologe, Stadtspaziergänger und visionäre Landschaftstheoretiker, der an der Kunsthochschule Kassel gelehrt hat und dessen Schriften heute ebendort von Martin Schmitz im eigenen Verlag gepflegt werden, hat gesagt: «Bestimmte Perspektiven kann man wohl nur durch Kunst vermitteln, da die Beschränkung des Blickes heute so weit verbreitet ist, dass die Leute kaum mehr die Distanz haben, sie aufzuheben. Das kann nur die Kunst vermitteln, (…).»

Von: Simone Gretler Heusser
Bilder: Simone Gretler Heusser
Veröffentlicht am: 8. September 2022

Simone Gretler Heusser

Prof. Simone Gretler Heusser

Die Dozentin und Projektleiterin ist Verantwortliche des Kompetenzzentrums Zivilgesellschaft und Teilhabe und
Co-Leiterin des Interdisziplinären Themenclusters Digitale Transformation der Arbeitswelt an der Hochschule Luzern.

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