18. Mai 2026
Der Holzbau erlebt in der Schweiz einen starken Aufschwung – politisch gefördert, technologisch ausgereift und wirtschaftlich zunehmend attraktiv.
Ein Artikel von Dino Alborghetti und Nadine Styger
Die Schweizer Baubranche steht vor einer fundamentalen Weichenstellung. Während der Gebäudesektor für rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich ist, verschärfen sich gleichzeitig die ESG-Anforderungen institutioneller Investoren und die politischen Klimaziele. In diesem Spannungsfeld rückt ein traditionsreicher Baustoff wieder ins Zentrum: Holz.
Laut Holzbau Schweiz wurden seit 2022 bereits über 20 Prozent der Wohngebäude in Holzbauweise erstellt, Tendenz steigend. Frau M.S., Teamleitung Projektentwicklung bei einem führenden Schweizer Holzbau-Unternehmen, sieht den Haupttreiber klar in der Nachhaltigkeitspolitik: „Die Vorteile sind ausser dem nachwachsenden Rohstoff vor allem die Qualität durch hohe Vorfertigungsgrade und die kürzere Bauzeit aufgrund der Element- oder Modulbauweisen.»
Holz ist der einzige Baustoff, der während seines Wachstums aktiv CO₂ aus der Atmosphäre bindet. Ein Kubikmeter verbautes Holz speichert rund eine Tonne CO₂ über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes. Lignum beziffert die graue Energie von Holzbauteilen auf einen Bruchteil dessen, was für Beton oder Stahl aufgewendet werden muss. Hinzu kommt die regionale Wertschöpfung: Schweizer Holz aus Schweizer Wäldern reduziert Transportwege und stärkt lokale Wirtschaftskreisläufe.
Der mehrgeschossige Wohnungsbau gilt als einer der vielversprechendsten Einsatzbereiche für Holz. Moderne Brettsperrholz-Elemente und Holz-Beton-Verbunddecken ermöglichen Gebäude mit fünf bis acht Geschossen. Durch hohe Vorfertigung verkürzen sich die Bauzeiten erheblich, was die Kapitalbindung für Investoren reduziert und Lärmbelastung minimiert.
„Definitiv im Wohnungsbau» sieht M.S. das grösste Potenzial, „aufgrund des Raumklimas, der Optik und der Haptik.» Diese weichen Faktoren werden zunehmend wirtschaftlich relevant, wenn sie zur Differenzierung am Markt beitragen.
Schulen, Kindergärten und Verwaltungsgebäude bieten ideale Rahmenbedingungen für den Holzbau. Holz reguliert die Luftfeuchtigkeit natürlich und trägt nachweislich zum Wohlbefinden der Nutzer bei. Blumer Lehmann (Blumer Lehmann, 2024: Öffentliche Bauten aus Holz für Bildung und Forschung) dokumentiert zahlreiche Referenzprojekte im Bildungs- und Forschungsbereich. Auch im Gesundheitsbau sieht die Expertin grosses Potenzial aufgrund der bauphysikalischen Eigenschaften.
Wüest Partner (Wüest Partner, 2024: Erfolgsfaktoren für grossmassstäbliche Aufstockungen) identifiziert Aufstockungen als erfolgversprechendes Segment. Holz eignet sich aufgrund seines geringen Eigengewichts besonders gut für solche Projekte. „Klarer Vorteil hier gegenüber Massivbau», bestätigt M.S., „aufgrund der Lasten.» Gerade in städtischen Lagen rechnen sich Aufstockungen zunehmend, da die kurze Bauzeit Beeinträchtigungen für bestehende Mieter minimiert.
Hybridkonstruktionen kombinieren die Vorteile verschiedener Baustoffe: Holz übernimmt tragende Funktionen, während Beton für Aussteifung und Schallschutz eingesetzt wird. Implenia zeigt mit ihrer Holzverbundflachdecke, wie durch Hybridbau erhebliche Mengen an Beton und Stahl eingespart werden können.

Abbildung 1: Die Übersicht zeigt die Reduktion von Stahl und Beton die erreicht werden kann mit einem Hybridbau bei einem Hochhaus. Zusätzlich bindet der Baustoff Kohlenstoff. Zusätzlicher Hinweis zur Hybridbauweise, STB- und CLT-Decken kombinieren Stahlbeton (STB) mit Brettsperrholz (CLT). Quelle: Implenia AG
Aus Investorensicht gewinnt Holzbau an Attraktivität, wie die Handelszeitung (Handelszeitung, 2024: Der Holzbau als Investmentchance) berichtet. „Die Qualität durch die Vorfertigung, eine evtl. modulare Bauweise und die verkürzten Bauzeiten sind auch bei Renditebetrachtungen ein Hebel», erklärt M.S..
Dennoch bleibt die Wirtschaftlichkeit die grösste Hürde. „Die Reaktion von Investoren und Bauherren ist gespalten», berichtet M.S.. „Es besteht grosses Interesse aufgrund der Nachhaltigkeitsaspekte. Ein Wermutstropfen ist das Thema Finanzierung.» Beim reinen Blick auf die Wirtschaftlichkeit zeige sich meist eine Preisdifferenz nach oben, vor allem wenn Projekte nicht von Anfang an als Holzbau geplant wurden. „Aktuell ist die Renditebetrachtung der Haupt-K.O.-Faktor.»
Holzbau ist kein Allheilmittel. Brandschutzvorschriften setzen bei reinen Holzbauten praktische Grenzen. Holzdecken erfordern sorgfältige Planung für ausreichenden Schallschutz. Bei gewerblichen und industriellen Nutzungen ist der Holzbau oft zu hinterfragen, wie M.S. betont: „aufgrund höherer Spannweiten und damit grösserer notwendiger Dimensionierungen, die sich erheblich auf Kosten aber auch Volumen auswirken.»
Das gescheiterte Winterthurer Holz-Hochhausprojekt, über das der Tages-Anzeiger (Tages-Anzeiger, 2025: Doch kein 100-Meter-Holz-Hybrid-Hochhaus für die Lokstadt) berichtete, illustriert, wie wirtschaftliche und technische Herausforderungen ambitionierte Vorhaben scheitern lassen können.
Erne Holzbau (IEU Kommunikation AG / Erne Holzbau, 2025: Warum Holz-Hybridbau die Bauindustrie revolutioniert)argumentiert, dass Hybridbau die Bauindustrie revolutioniert, weil er ökologische Vorteile mit bewährter Robustheit verbindet. M.S. glaubt „eher, dass es eine Durchmischung geben wird. Reinen Massivbau, die beiden Hybridbautypen aber auch den klassischen Holzbau.» Die Zukunft lautet nicht «Holz versus Beton», sondern «Holz mit Beton» – intelligent kombiniert.
Basler & Hofmann (Basler & Hofmann, 2024: Studie zu Anreizen und Hürden beim Bauen mit Holz) zeigen in einer Studie für die Stadt Zürich: Regulatorische Hürden sind eine der grössten Bremsen. Notwendig sind Anpassungen von Normen, Vereinfachung von Bewilligungsverfahren und finanzielle Anreize.
„Die Planung ab Phase 0 als Holzbau» identifiziert M.S. als wichtigsten Erfolgsfaktor: „Hier können die Kosten absolut optimiert werden und die Vorteile sichtlich hervorgehoben.» Ein häufiges Problem ist der nachträgliche „Vergleich zwischen Massiv- und Holzbau, wo Äpfel und Birnen verglichen werden.»
Die Nachfrage nach Holzbau wächst schneller als die aktuellen Produktionskapazitäten. Die ETH Zürich (ETH Zürich, 2025: wie bauen wir in Zukunft?) betont: Nachhaltiger Holzbau umfasst den gesamten Weg des Materials, vom Wald über die Verarbeitung bis hin zum Rückbau und Recycling am Ende der Nutzung. Entscheidend dafür sind gut funktionierende regionale Netzwerke zwischen Forstbetrieben, Sägereien und Holzbauunternehmen.
Im Gespräch mit noch unentschlossenen Kundinnen und Kunden spielen laut M. S. vor allem folgende Punkte eine wichtige Rolle: „der geringere CO₂-Fussabdruck, Holz als nachwachsender Rohstoff, die Nähe zur Natur, die hohe Qualität sowie die Fertigung im eigenen Werk. Auch der Elementbau mit gut planbaren Bauzeiten und das angenehme Raum- und Wohnklima überzeugen viele.“

Die Chancen sind real: CO₂-Speicherung, regionale Wertschöpfung, verkürzte Bauzeiten und verbesserte ESG-Performance. Gewinner-Sektoren umfassen mehrgeschossigen Wohnungsbau, öffentliche Bauten, Aufstockungen und Hybridkonstruktionen. Holzbau entfaltet sein Potenzial jedoch nur mit modernisierten Normen, vereinfachten Prozessen und integraler Planungskultur, vor allem bei überzeugender Wirtschaftlichkeit. „Wer ein Holzgebäude wünscht, kann dieses in der Regel adäquat eines Massivbaus erhalten», fasst M. S. zusammen, „und das ganzheitlich betrachtet auch nicht wirklich teurer, auch vor dem Hintergrund, was man dafür an Qualität und Wohnraumgefühl erhält.»
20 Minuten (20 Minuten, 2025: Das älteste Holzhaus Europas steht in der Schweiz) berichtet, dass das älteste Holzhaus Europas in Schwyz steht und aus dem Jahr 1176 stammt. Diese jahrhundertelange Tradition mit modernem Ingenieurwissen und nachhaltigem Wirtschaften zu verbinden, ist die Chance der Gegenwart – nicht als dogmatischer Alleingang, sondern als intelligenter Teil eines vielfältigen Baukultur-Portfolios.
Zukünftige Treiber sind Normierung zur Kostensenkung, digitale Fertigungsprozesse (BIM) als Standard, konsequente Klimapolitik macht Holzbau wirtschaftlich attraktiver. Die graue Energie rückt stärker in den Fokus von Bauvorschriften. Fokus auf graue Energie sowie Kreislaufwirtschaft mit Rückbau und die Kreislaufwirtschaft mit Rückbau und Wiederverwertung wird zum Qualitätsmerkmal.
Die Schweizer Baukultur profitiert von Holzbau, wenn regulatorische Hürden abgebaut, Planung frühzeitig integriert und Wirtschaftlichkeit nachgewiesen werden. So entsteht eine nachhaltige Vielfalt, die CO₂ spart und Lebensqualität steigert, ausgewogen und pragmatisch.
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