Prävention und Gesundheit,

Forschung

Was Rumänien und die Schweiz bei der Suchtprävention verbindet

Im Rahmen eines internationalen Projekts begleitet die Hochschule Luzern Fachpersonen in Rumänien dabei, Kompetenzen im Präventionsbereich aufzubauen. HSLU-Professorin Suzanne Lischer spricht über soziale Ausgrenzung, Public Health und die Herausforderung, Präventionsangebote für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.

Was Rumänien und die Schweiz bei der Suchtprävention verbindet

Suzanne Lischer, Sie engagieren sich in einem Projekt zur Suchtprävention in Rumänien. Worum geht es dabei konkret?

Das Projekt ist Teil eines grösseren schweizerisch-rumänischen Gesundheitsprogramms. Ziel ist es, die Prävention und Behandlung von Suchterkrankungen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 10 und 20 Jahren zu stärken. Dabei geht es nicht nur um einzelne Angebote, sondern um den nachhaltigen Aufbau von Strukturen, Fachwissen und Zusammenarbeit. Im Rahmen dieses Projekts führen wir ein sogenanntes «Train-the-Trainer»-Programm durch.

Wie funktioniert dieses?

Aktuell unterstützen wir in Rumänien 24 Gesundheitsfachpersonen verschiedener Berufsgruppen bei der Erstellung eines Lehrplans, mit dem später 1000 weitere Fachkräfte weitergebildet werden sollen. Ziel ist es, die Suchtprävention und Suchthilfe langfristig zu stärken und neue Ansätze nachhaltig in der Praxis zu verankern. Wichtig ist uns dabei, dass das Programm partizipativ funktioniert. Die Teilnehmenden sind keine passiven Empfänger:innen von Wissen, sondern bringen ihre eigenen Erfahrungen, spezifischen Kenntnisse und Perspektiven in die Entwicklung der Inhalte ein.

Sie waren kürzlich selbst in Rumänien. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?

Ich habe vor allem sehr gut ausgebildete und engagierte Fachpersonen kennengelernt – Psychiater:innen, Psycholog:innen, Sozialarbeitende und weitere Gesundheitsfachpersonen, die eine grosse Offenheit gegenüber neuen Ansätzen in der Suchtprävention zeigen. Das hat mich beeindruckt. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass viele Einrichtungen mit begrenzten personellen und infrastrukturellen Ressourcen arbeiten.

Wo sehen Sie die grössten Unterschiede zur Schweiz?

Gewisse Ansätze, die in der Schweiz heute selbstverständlich sind, gewinnen in Rumänien erst langsam an Bedeutung. Die Suchtpolitik ist dort noch stark auf die drei Säulen Repression, Prävention und Behandlung ausgerichtet. Schadensmindernde Angebote sind dagegen erst wenig etabliert. Gerade deshalb war das Interesse an unseren Public-Health-orientierten Konzepten sehr gross.

Welche Formen von Sucht beschäftigen die Fachpersonen vor Ort besonders?

Im Projekt geht es nicht nur um klassische Suchterkrankungen wie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, auch Verhaltenssüchte wie Glücksspiel oder problematische Mediennutzung spielen eine wichtige Rolle. Interessant ist, dass – ähnlich wie in der Schweiz – vor allem Alkohol, Tabak und legales Glücksspiel besonders grosse gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen haben. Trotzdem richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit häufig stärker auf illegale Substanzen.

Welche Themen oder Fragen standen bei den Fachpersonen vor Ort im Zentrum?

Besonders grosses Interesse gab es beim Thema Adoleszenz und beim Umgang mit Substanzkonsum in dieser Entwicklungsphase. Intensiv diskutiert wurden zudem verschiedene theoretische und konzeptionelle Ansätze der Suchtarbeit. Sehr interessiert waren die Teilnehmenden beispielsweise am sogenannten Würfelmodell der Schweizer Suchtpolitik.

Toni Berthel, Camilla Sculco (Sucht Schweiz), Suzanne Lischer (HSLU) and Frank Zobel (Sucht Schweiz).
Toni Berthel and Camilla Sculco (Sucht Schweiz), Suzanne Lischer (HSLU), Frank Zobel (Sucht Schweiz)
Toni Berthel (Sucht Schweiz) and Suzanne Lischer (HSLU)
Toni Berthel, Camilla Sculco (Sucht Schweiz), Suzanne Lischer (HSLU) and Frank Zobel (Sucht Schweiz).
Toni Berthel and Camilla Sculco (Sucht Schweiz), Suzanne Lischer (HSLU), Frank Zobel (Sucht Schweiz)
Toni Berthel (Sucht Schweiz) and Suzanne Lischer (HSLU)

Was genau versteht man unter diesem Würfelmodell?

Das Modell hilft dabei, unterschiedliche Formen von Konsum und verschiedene Präventionsansätze differenziert zu betrachten. Es unterscheidet beispielsweise zwischen risikoarmem Konsum, problematischem Konsum und Abhängigkeit. Dadurch wird deutlich, dass Prävention je nach Situation unterschiedlich aussehen muss. So braucht es etwa andere Botschaften für Jugendliche, die erste Erfahrungen mit Alkohol machen, als für Menschen mit einer schweren Suchterkrankung. Genau diese differenzierte Sichtweise stiess bei den Fachpersonen vor Ort auf grosses Interesse.

Welche Rolle spielen soziale Faktoren vor Ort bei Suchterkrankungen?

Ein wichtiges Thema war die Frage, wie Armut, Ausgrenzung oder Diskriminierung Suchterkrankungen beeinflussen können. Menschen, die gesellschaftlich benachteiligt werden, finden oft schwieriger Zugang zu Unterstützung und Präventionsangeboten. Darüber wurde im Kurs intensiv diskutiert – etwa mit Blick auf Roma oder LGBTQ-Personen. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es ist, Menschen nicht einfach über einen Kamm zu scheren, sondern ihre jeweilige Lebenssituation mitzudenken.

Was bedeutet das konkret für die Präventionsarbeit?

Dass es eigentlich keine schwer erreichbaren Gruppen gibt, sondern lediglich schwer erreichbare Angebote.  Entscheidend ist, Angebote so zu gestalten, dass jene Anspruchsgruppen erreicht werden, die man tatsächlich ansprechen will, und dass sie Zugang zu Unterstützung finden.

Das betrifft im Übrigen nicht nur Rumänien. Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die nur schwer Zugang zu Präventions- und Unterstützungsangeboten finden – etwa aufgrund von Flucht- oder Diskriminierungserfahrungen.

Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen für das Projekt?

Eine grosse Herausforderung ist sicher die politische Unsicherheit im Land. Solche langfristigen Projekte brauchen stabile Rahmenbedingungen, und diese können sich derzeit relativ schnell verändern. Dazu kommt der sogenannte Brain Drain. Viele gut ausgebildete Fachpersonen verlassen Rumänien, weil sie anderswo bessere Arbeitsbedingungen finden. Für den nachhaltigen Aufbau von Strukturen ist das natürlich schwierig. Ein weiteres Thema bleibt die Stigmatisierung von Menschen mit Suchterkrankungen. Auch wenn sich bereits einiges verändert, ist die gesellschaftliche Akzeptanz vielerorts noch begrenzt.

Wenn Sie auf die ersten Schritte des Projekts zurückblicken: Was macht Sie zuversichtlich?

Mich stimmt vor allem die hohe Motivation der Beteiligten zuversichtlich. Die Teilnehmenden bringen viel Fachwissen mit und zeigen grosses Interesse daran, neue Perspektiven in ihre Arbeit zu integrieren. Gleichzeitig ist klar, dass nachhaltige Veränderungen Zeit brauchen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die entwickelten Ansätze langfristig in den bestehenden Strukturen zu verankern und genügend Ressourcen bereitzustellen.

Was haben Sie persönlich aus der Zusammenarbeit mit den Fachpersonen vor Ort mitgenommen?

Die Zusammenarbeit ist für mich sehr bereichernd. Das Projekt bringt Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen – von Psychiatrie über Neurowissenschaften bis zur Sozialen Arbeit. Dieser Austausch erweitert auch das eigene Verständnis von Sucht immer wieder.

Gleichzeitig zeigt sich, dass viele Fragen nicht nur Rumänien betreffen. Gerade beim Zugang zu Präventions- und Unterstützungsangeboten stehen beide Länder vor ähnlichen Herausforderungen. Der Austausch vor Ort hat deshalb auch den Blick auf die Situation in der Schweiz nochmals geschärft.

Text: Ismail Osman
Bild: Suzanne Lischer, Sucht Schweiz, Getty Images
Veröffentlicht am: 8 Juli 2026, zur englischen Version des Textes

So funktioniert das Gesundheitsprogramm in Rumänien

Das Projekt «Train the Trainer» ist Teil eines grösseren schweizerisch-rumänischen Gesundheitsprogramms zur Prävention und Behandlung von Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Verantwortlich für die Umsetzung vor Ort ist das rumänische National Center for Mental Health and Fight Against Drugs (CNSLMA). Die Hochschule Luzern begleitet im Rahmen des Programms den Aufbau und die Weiterbildung von Fachpersonen im Bereich Suchtprävention.

Das Programm verfolgt drei zentrale Ziele:

  • Die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Sozialarbeit und Bildung soll verbessert werden.
  • Jugendliche und junge Erwachsene sollen besser über Sucht, Prävention und gesundheitliche Risiken informiert werden.
  • Fachpersonen und Mental-Health-Zentren in verschiedenen Regionen Rumäniens sollen langfristig gestärkt werden.

Begleitet werden Teile des Programms von der Stiftung Sucht Schweiz. Ziel ist es, Präventions-, Beratungs- und Behandlungsangebote langfristig auszubauen und besser zugänglich zu machen. Mehr Informationen zum Programm «Health services programme – increasing the capacities for prevention and treatment of addiction of children and adolescents in Romania» finden Sie hier. Das Programm wird von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) im Rahmen des zweiten Schweizer Beitrags an ausgewählte EU-Mitgliedstaaten kofinanziert.

Suzanne Lischer

Prof. Dr. Suzanne Lischer

Suzanne Lischer ist seit 2011 Dozentin und Projektleiterin der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Sie ist diplomierte Sozialarbeiterin, hat einen Doktortitel in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin sowie einen Master of Public Health der Universitäten Basel, Bern und Zürich. Ihre beruflichen Schwerpunkte umfassen Prävention und Gesundheitsförderung im Kontext der Sozialen Arbeit.

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