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Menschenwürde, Menschenrechte und Soziale Gerechtigkeit: Warum sie uns alle angehen

Menschenwürde, Menschenrechte und Soziale Gerechtigkeit sind zentrale Grundprinzipien der Sozialen Arbeit. Doch was bedeuten sie, wenn Menschen durchs soziale Netz fallen und Schutzmechanismen versagen? Ein Beitrag über Privilegien, Verantwortung und die Frage, warum Wegschauen keine Option ist.

Menschenwürde, Menschenrechte und Soziale Gerechtigkeit: Warum sie uns alle angehen

«Ein junger Mann muss mit 17 Jahren sterben, weil er auf der falschen Seite geboren wurde.»

Ein Kompass für die Fachpersonen der Sozialen Arbeit

Menschenwürde, Menschenrechte und Soziale Gerechtigkeit – diese drei Grundprinzipien sollen Fachpersonen der Sozialen Arbeit wie ein Kompass leiten. So steht es im überarbeiteten Berufskodex von Avenir Social, der partizipativ entwickelt wurde und sich auf internationale Standards stützt. Diese Prinzipien berühren uns alle, doch bei Fachpersonen der Sozialen Arbeit wird erwartet, dass sie ihr Handeln systematisch und kontinuierlich reflektieren. Ihr Handeln muss nicht nur auf seine Legalität geprüft werden (das ist selbstverständlich), sondern auch auf seine Legitimität – auf den konkreten Kontext bezogen.

Die Fachpersonen der Sozialen Arbeit und die Profession der Sozialen Arbeit tun gut daran, diese Prinzipien genauso konsequent zu beherzigen wie Weisungen und Richtlinien. Eine Instrumentalisierung von Fachpersonen der Sozialen Arbeit wie etwa in der Aktion «Kinder der Landstrasse» soll nie mehr passieren können – und darf nie mehr passieren. Berufsethische Fragen können auch ausgeweitet werden über die Soziale Arbeit hinaus: «Wie behandeln wir einander? Wer hat Rechte – und wer wird unsichtbar gemacht?»

Wenn das System versagt: Assa Traorés Kampf

Assa Traorés Bruder starb an seinem 24. Geburtstag auf einer Polizeiwache in Paris. Sein Tod war kein Einzelfall. Seitdem kämpft Assa Traoré für soziale Gerechtigkeit und gegen Systemgewalt – und macht auf Instagram auf Fälle aufmerksam, die sonst im Verborgenen bleiben würden.

Wer ist Assa Traoré?

Assa Traoré ist eine französische Aktivistin, die sich gegen Polizeigewalt, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit engagiert. Bekannt wurde sie nach dem Tod ihres Bruders Adama Traoré im Jahr 2016 nach einer Polizeikontrolle. Seither setzt sie sich mit dem Kollektiv «La Vérité pour Adama» für Aufklärung und Gerechtigkeit ein.

Wie den eines 17-jährigen Jungen, der an einem frühen Morgen Ende Juni dieses Jahres in Narbonne bewusstlos aufgefunden wurde und Tage später im Krankenhaus starb, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen. Er war von anderen Jugendlichen zusammengeschlagen worden – offenbar, weil er sich wegen Drohungen bei der Polizei gemeldet hatte.

Vielleicht musste er sterben, weil er in einem Heim für Minderjährige lebte, dem unter der aktuellen Politik Frankreichs immer weniger Mittel zur Verfügung stehen. Nach dem Angriff lag er viele Stunden schwer verletzt im Freien, bevor er gefunden wurde. Im Heim wurde er offenbar nicht gesucht, als er am Abend nicht zurückkehrte. Oder vielleicht fiel es gar nicht auf, dass er fehlte an diesem Samstagabend? Ich weiss es nicht. Auch nicht, ob er noch leben würde, wäre er früher gefunden worden – möglich wäre es auf jeden Fall.

Die Fragen hängen in der Luft. Und sie zeigen: Soziale Gerechtigkeit ist konkret, fassbar, da. Sie entscheidet über Leben und Tod. Über Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Über Schutz und Schutzlosigkeit.

Soziale Gerechtigkeit ist konkret, fassbar, da. Sie entscheidet über Leben und Tod. Über Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Über Schutz und Schutzlosigkeit.

Fiktion als Spiegel der Realität: die Macht der Privilegien

Manchmal hilft Fiktion, die Wahrheiten zu erkennen. In Staffel vier von Bridgerton, einer im Corona-Jahr 2020 gestarteten Netflix-Serie, wird Sophie Baek, eine Aschenputtel-Version, von ihrer Stiefmutter um Erbe und Zukunft betrogen. Doch damit nicht genug. Die Stiefmutter beschuldigt die Heldin des Diebstahls und lässt sie verhaften und in den Kerker werfen. Vor Gericht darf Sophie nicht einmal sprechen – einfach, weil sie nicht adlig ist, sondern eine Dienstmagd. Zum Glück wird sie von einem Bridgerton gerettet – sein Adelstitel ist höher als der der Stiefmutter, sein Wort gilt mehr als ihres.

Die Botschaft ist klar: Je höher der Stand, desto mehr Rechte. Oder: Wer nicht adelig ist, hat keine Rechte, nicht einmal eine Stimme. Heute leben wir nicht mehr in einer Standesgesellschaft. Die Französische Revolution hat Gleichheit, Freiheit und Solidarität versprochen. Doch die Realität sieht anders aus. Im Sommer 2026 stirbt ein 17-Jähriger, weil er «auf der falschen Seite» geboren wurde. Er war deprivilegiert. Nicht nur das, entrechtet war er. Er hatte keine Privilegien, die ihn schützten: Eltern, Geld, Beziehungen. Und jene, die ihm basale Rechte hätten zugestehen müssen – rechtliches Gehör, Schutz als Minderjährigem, haben versagt. Ein System, das ihm die grundlegendsten Rechte verweigerte.

Wegschauen heisst, sich mitschuldig machen

Die Geschichten, die Assa Traoré publik macht und die die Netflix-Serie erzählt, mögen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Doch zeigen beide: Soziale Ungerechtigkeit ist kein Zufall. Sie ist systemisch. Sie zeigt sich in Polizeigewalt, in unterversorgten Heimen, in Justizsystemen, die manche Stimmen zum Schweigen verdammen.

Der Berufskodex der Sozialen Arbeit erinnert uns daran, dass Menschenwürde nicht verhandelbar ist. Dass Menschenrechte für alle gelten – nicht nur für die Privilegierten, die sich wehren können. Soziale Gerechtigkeit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Was bleibt? Am Ende bleiben Fragen. Und die Gewissheit, dass wir nicht wegschauen dürfen. Dass wir die Geschichten derer hören müssen, deren Stimmen kein Gehör finden. Dass wir erkennen müssen, dass Soziale Gerechtigkeit kein Privileg ist – sondern ein Menschenrecht.

Denn wenn ein 17-Jähriger stirbt, weil das System versagt, dann geht das uns alle an. Dann ist es an der Zeit, den Kompass neu auszurichten – nicht nur in der Sozialen Arbeit, sondern in unserem gesamten Zusammenleben.

Ein junger Mensch. Ein ungerechtes System, das seine Ansprüche nicht erfüllt.

Und wir? Was tun wir dagegen?

Simone Gretler Heusser

Prof. Simone Gretler Heusser

Die Dozentin und Projektleiterin ist Verantwortliche des Kompetenzzentrums Zivilgesellschaft und Teilhabe und Co-Leiterin des Studiengangs BSc Neue Konzepte und Innovation. Ihre Schwerpunkte sind Partizipation, demographischer Wandel und soziale Ungleichheit.

Von: Simone Gretler Heusser
Bild: Simone Gretler Heusser
Veröffentlicht: 1. September 2026

Bachelor in Sozialer Arbeit – neue Konzepte und Innovation

Der Bachelor verbindet selbstorganisiertes Lernen mit konsequenter Praxisnähe. Studierende gestalten ihren Lernprozess aktiv mit und arbeiten eng mit Mitstudierenden, Dozierenden und Fachpersonen aus der Praxis zusammen.

Warum dieser Bachelor? Die Soziale Arbeit steht vor neuen gesellschaftlichen Herausforderungen. Der Studiengang fördert deshalb nicht nur Fachwissen, sondern insbesondere die Fähigkeit, in komplexen Situationen selbstständig, kooperativ und innovativ zu handeln.

Du lernst im Bachelor:

  • Lernprozesse eigenverantwortlich zu gestalten
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  • Praxisfragen mit theoretischem Wissen zu verbinden
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Infoveranstaltungen:

Mehr Infos: Webseite Bachelor in Sozialer Arbeit neue Konzepte und Innovation

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