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Suchthilfe im Föderalismus: Gemeinsam statt nebeneinander

Wer Unterstützung wegen einer Suchterkrankung sucht, braucht oft weit mehr als eine Therapie. Häufig sind gleichzeitig medizinische Behandlung, Sozialberatung, Arbeitsintegration oder Wohnangebote gefragt. Wo dabei die grössten Herausforderungen liegen und wie sich die Suchthilfe weiterentwickeln lässt, untersucht die HSLU-Publikation «Die Gestaltung der Suchthilfe im föderalen Kontext».

Suchthilfe im Föderalismus: Gemeinsam statt nebeneinander

Wo stösst die Suchthilfe in der Schweiz heute an Grenzen und in welchen Bereichen kann das Hilfesystem trotz grosser kantonaler Unterschiede verbessert werden? Dieser Frage widmet sich die HSLU-Publikation «Die Gestaltung der Suchthilfe im föderalen Kontext» von Jürgen Stremlow, Manuela Eder und Donat Knecht.

Auf Grundlage einer schweizweiten Studie untersuchten die Autor:innen, wie Bund, Kantone, Gemeinden und private Organisationen die Suchthilfe gemeinsam gestalten – und welche Herausforderungen sich aus dem föderalen System ergeben.

Sucht muss breiter gedacht werden

Wenn von Sucht die Rede ist, denken viele zuerst an das Verhalten einzelner Menschen. Doch dieses Bild greift zu kurz, sagt Co-Autor Jürgen Stremlow im HSLU-Forschungspodcast Näher Dran. «Sucht ist sicher beides. Es ist auf der einen Seite ein individuelles Problem, aber es ist ebenso stark ein gesellschaftliches Problem.»

Die Autor:innen gehen von einem biopsychosozialen Suchtverständnis aus. Das bedeutet: Eine Suchterkrankung hat selten nur eine Ursache. Neben biologischen Faktoren spielen auch die psychische Gesundheit, das persönliche Umfeld und gesellschaftliche Einflüsse eine wichtige Rolle. So können etwa Leistungsdruck, belastende Lebensereignisse, soziale Ausgrenzung oder Stigmatisierung das Risiko erhöhen, dass sich eine Suchterkrankung entwickelt.

Dieses Verständnis hat direkte Auswirkungen auf die Suchthilfe. Wer Menschen mit einer Suchterkrankung unterstützen will, braucht oft mehr als eine medizinische Behandlung oder Therapie. Häufig geht es gleichzeitig um Themen wie Wohnen, Arbeit, finanzielle Sicherheit oder die Unterstützung von Angehörigen. Deshalb ist eine gute Abstimmung der verschiedenen Angebote entscheidend.

Gemeinsame Ziele, grosse Unterschiede

Zwar verfolgt der Bund mit der nationalen Suchtstrategie bestimmte Ziele, die konkrete Ausgestaltung der Suchthilfe liegt jedoch weitgehend in der Verantwortung der Kantone. Dadurch sind unterschiedliche gesetzliche Grundlagen, Finanzierungsmodelle und Versorgungsstrukturen entstanden. Die Studie untersuchte erstmals systematisch, wie diese kantonalen Systeme aufgebaut sind, wo ihre Stärken liegen und welche Ansätze sich für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung eignen.

Genau hier setzt die Publikation an. Für Jürgen Stremlow ist die Koordination des Versorgungssystems zentral. «Im Gesundheits- und Sozialbereich gibt es heute eine riesig komplexe Landschaft von Angeboten. Die Koordinations- und Zusammenarbeitsfrage ist heute wichtiger denn je – und wird in den nächsten Jahren noch bedeutsamer werden», erklärt er im Podcast.

St. Gallen: Wie gute Steuerung gelingen kann

Die Publikation zeigt anhand von zehn Praxisbeispielen aus verschiedenen Kantonen, wie die Suchthilfe vor Ort gestaltet wird. Eines davon widmet sich dem Kanton St. Gallen. Das Beispiel veranschaulicht, wie klare gesetzliche Grundlagen, regelmässige Bedarfsanalysen und die Zusammenarbeit über Kantonsgrenzen hinweg dazu beitragen können, die Suchthilfe weiterzuentwickeln. Dass sich eine solche Zusammenarbeit lohnt, betont auch Manuela Eder im Podcast: «Wenn man über die Kantonsgrenzen hinaus Angebote plant, können diese besser ausgelastet werden.»

So setzt St. Gallen insbesondere bei spezialisierten Leistungen auf die Zusammenarbeit mit anderen Kantonen. Dadurch lassen sich vorhandene Ressourcen besser einsetzen und v. a. Angebote geschaffen werden, die für einen einzelnen Kanton allein kaum wirtschaftlich wären. Das Beispiel zeigt, dass nicht jeder Kanton jede Unterstützung selbst bereitstellen muss.

Von der Forschung in die Praxis

Eine der zentralen Empfehlungen der Studie war, die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen zu stärken. Genau daran arbeitet die Hochschule Luzern aktuell zusammen mit den sechs Zentralschweizer Kantonen. Im Podcast berichten die Autor:innen, dass ein regionales Rahmenkonzept für die Suchtpolitik und Suchthilfe entwickelt wird – ein Projekt, das direkt an die Erkenntnisse der Studie anknüpft.

Die Entwicklung eines koordinierten Rahmenkonzepts ist auch deshalb wichtig, weil sich die Suchthilfe ständig neuen Herausforderungen stellen muss. Veränderte Konsummuster oder neue Formen von Suchterkrankungen verlangen oft in kurzer Zeit nach neuen Lösungen. Wie Manuela Eder im Podcast erklärt, braucht es deshalb auch den Mut, neue Ansätze frühzeitig zu testen: «Die Frage ist, ob der politische Wille vorhanden ist, solche Pilotprojekte zu bewilligen.»

Mit ihrer Publikation zeigen die drei Autor:innen, dass Investitionen in Zusammenarbeit und gut abgestimmte Strukturen dazu beitragen, bestehende Lücken zu schliessen und die Suchthilfe langfristig weiterzuentwickeln.

Text: Ismail Osman
Bild: Getty Images
Veröffentlicht am 28. Oktober 2026

Zur Publikation
Die HSLU-Publikation «Die Gestaltung der Suchthilfe im föderalen Kontext – Rahmenbedingungen, Praxisbeispiele und Entwicklungsperspektiven» von Jürgen Stremlow, Manuela Eder und Donat Knecht ist im interact Verlag erschienen. Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet zudem im HSLU-Forschungspodcast Näher Dran ein Gespräch mit den Autor:innen Manuela Eder und Jürgen Stremlow über die Hintergründe der Studie und ihre wichtigsten Erkenntnisse.

Über die Autor:innen

Jürgen Stremlow ist Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen in der Planung und Steuerung sozialer Versorgungssysteme, insbesondere in der Alters-, Sucht- und Behindertenpolitik sowie an der Schnittstelle von Sozial- und Gesundheitswesen.
Manuela Eder ist Soziologin und forscht zu Sucht, Gesundheitsförderung und Prävention. Ihre Arbeit verbindet wissenschaftliche Forschung mit der Entwicklung und Evaluation praxisnaher Präventions- und Gesundheitsförderungsmassnahmen.
Donat Knecht ist Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Seine Schwerpunkte liegen in der Sozialpolitik, Sozialplanung, Gestaltung sozialer Versorgung und Führung sozialer Organisationen.

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