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Wirksame Hilfe in Notlagen: die psychosoziale Gesundheitsversorgung

Für viele Geflüchtete endet ihr Leid oft nicht mit der Ankunft im Aufnahmeland – die meist schlimmen Erfahrungen durch Flucht, Krieg oder Folter wirken lange nach. Die psychosoziale Gesundheitsversorgung ist daher zentral für die Unterstützung von Geflüchteten und ihre gesellschaftliche Teilhabe. Warum ist das so, was gilt es zu beachten und wie ist die Versorgung in Aufnahmeländern einzuschätzen? Ein interdisziplinäres Team der HSLU hat dies untersucht.

Wirksame Hilfe in Notlagen: die psychosoziale Gesundheitsversorgung

Aufgrund ihrer tiefgreifenden Erfahrungen ist die Prävalenz psychischer Erkrankungen unter Geflüchteten häufig sehr hoch. Viele leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Angststörungen. Auch der Verlust des vertrauten Umfelds wiegt schwer. Es reicht daher in der Regel nicht aus, diese Menschen physisch zu versorgen. Sie brauchen Zeit und Zuwendung, um Angst und Trauer zu überwinden und wieder Zuversicht zu schöpfen.

Wirkungsvolle Unterstützung

Eine psychosoziale Gesundheitsversorgung hilft in solchen Notlagen besonders, da sie umfassend ist: Einerseits stärkt sie die Resilienz und anderseits die Beziehungen der Betroffenen. Wird niederschwellig interveniert, um marginalisierte Gruppen zu unterstützen, hat dies darüber hinaus auch relevante Effekte für die Allgemeinheit. Denn, wer psychisch gesund ist, kann laut WHO «die eigenen Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten». Seelisches Wohlbefinden ist also wichtig für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe. Das heisst, wie etwa die Ärzte ohne Grenzen 2017 festhielten, dass die psychosoziale Gesundheitsversorgung durchaus bedeutsam ist für die  Integration der Betroffenen.

Aufgrund dieser positiven Effekte ist dieses Thema international immer mehr Gegenstand von Untersuchungen. Auch die HSLU-Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Gülcan Akkaya setzt hier an. Das interdisziplinäre Team der Departemente Soziale Arbeit und Wirtschaft hat nationale Angebote für Geflüchtete in den Kantonen Luzern und Basel-Stadt untersucht, sowie internationale in Finnland, Schweden und Deutschland.

Internationaler Forschungsstand

Die HSLU-Studie enthält auch eine Analyse des generellen Forschungsstands zum Thema. Daraus gehen folgende Empfehlungen hervor:

  • Kulturelle Unterschiede beachten: Viele therapeutische Ansätze wurden ursprünglich für westliche Länder entwickelt und sind möglicherweise nicht optimal auf Geflüchtete mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen abgestimmt.
  • Sprachbarrieren abbauen: Es wirkt sich positiv aus, wenn bei den Programmen Dolmetscher:innen anwesend sind. Die eigene Sprache zu hören ist vertrauensbildend.
  • Niederschwellige Lösungen anbieten: Bei der Behandlung von PTBS sollten etwa kognitive Verhaltenstherapien als Standardmassnahmen eingesetzt werden. Interventionen, die niederschwellig beginnen und erst bei Bedarf intensiver werden (Stepped-Care-Modelle), gelten als besonders wirksam. Gruppeninterventionen mit Peers, die sich durch ihren sozialen und kulturellen Einbezug auszeichnen, zeigen ähnlich positive Effekte.

Situation in der Schweiz

Auch auf diese Punkt hin haben die Forscherinnen die Angebote hierzulande sowie spezifisch in Basel und Luzern untersucht. Um die Situation zu erfassen, sprachen sie mit Fachpersonen aus dem Fluchtbereich. Der Fokus lag dabei auf vorläufig aufgenommenen und anerkannten erwachsenen Geflüchteten, die die Bundesasylzentren verlassen haben. Die Auswertung der Interviews zeigt, dass es im Bereich der psychosozialen Gesundheitsversorgung strukturelle Herausforderungen gibt. Gemäss der Befragten wünschen sich die Geflüchteten etwa vor allem sichere, leicht zugängliche Räume, wo sie Belastendes miteinander teilen können. Niederschwellige psychosoziale Beratungsangebote wie diese sind jedoch rar, dazu verschärfen der Mangel an Fachpersonen sowie lange Wartezeiten die Situation. Hinzu kommen, wie auch eine Evaluation zuhanden des BAG bestätigt, eine unzureichende Koordination der Akteur:innen im Gesundheitsbereich und administrative Hindernisse.

Angebote im Kanton Luzern und im Kanton Basel-Stadt

Trotzdem gibt es in der Schweiz aber psychosoziale Angebote, wie die Interviews in den Kantonen Luzern und Basel-Stadt zeigen. Diese Kantone bieten dabei auch Beratungsstellen und Programme an, die sprachliche und kulturelle Unterschiede berücksichtigen und Übersetzer:innen einbinden. Luzern schafft dabei mehr Begegnungsmöglichkeiten, die eher allgemein auf die Integration abzielen, während Basel-Stadt wiederum auf Programme fokussiert, die spezifisch das Thema (psychosoziale) Gesundheit oder bestimmte Alters- und Zielgruppen im Blick haben.

Wie sieht es im Ausland aus?

Das Projektteam wählte die Länder Finnland, Schweden und Deutschland aus, die sich hinsichtlich der Versorgungsmodelle oder rechtlicher bzw. struktureller Bedingungen voneinander unterscheiden. Diese Vielfalt ermöglicht es, Best Practices zu identifizieren.

In Finnland erfolgt die Gesundheitsversorgung für Asylsuchende in enger Kooperation zwischen staatlichen Institutionen, kommunalen Behörden und dem Roten Kreuz. Kurz nach ihrer Ankunft wird Asylsuchenden eine Gesundheitsuntersuchung angeboten. Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf die gleichen Gesundheitsleistungen wie einheimische Kinder. Für Erwachsene existiert dies in dieser Form nicht. Die Grundversorgung ist jedoch staatlich koordiniert und umfasst sowohl physisch wie psychisch notwendige Behandlungen sowie eine spezielle Traumaversorgung für Folteropfer.

In Schweden haben alle Asylsuchenden Anspruch auf dringende medizinische und zahnmedizinische Versorgung. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind dabei von jeglichen Gebühren befreit. Zudem integriert Schweden die psychologische Unterstützung frühzeitig in den Versorgungsprozess und setzt auf kulturell angepasste Angebote.

In Deutschland sind die Angebote heterogen, oft projektbezogen und im europäischen Vergleich rechtlich weniger abgesichert. Positiv aufgefallen in der Untersuchung sind spezifische Einrichtungen in einzelnen Städten. So wurden in Hamburg bereits 2016 erste «aufsuchende psychotherapeutische Sprechstunden» in Erstaufnahmeeinrichtungen etabliert. Zudem konnte das Trauma-Zentrum «centra» in das reguläre Gesundheitssystem integriert werden. In der Berliner Charité wurden Selbsthilfe-Interventionen auf Peer-to-Peer-Basis entwickelt.

Fazit und Ausblick

Wie sich anhand dieser unterschiedlichen Modelle erkennen lässt: Eine koordinierte psychosoziale Versorgung, optimalerweise ohne Sprachbarrieren und Peer-basiert, ist wirksam. Niederschwellige Interventionen tragen dazu bei, Menschen nach traumatischen Erfahrungen zu stärken. Dadurch wird ihre Gesundheit und entsprechend auch ihre Integration gefördert. Dies wiederum eröffnet ihnen auch Perspektiven auf dem hiesigen Arbeitsmarkt und dient somit auch der Gesellschaft. Die Förderung von psychosozialen Angeboten ist also nachweislich zielführend und allgemein bedeutsam. Aufgrund der aussagekräftigen Ergebnisse wird die Studie 2026 fortgeführt.

Text: Anette Eldevik
Bild: Getty Images
Veröffentlicht am: 26. Januar 2026

Zum Projekt
Die Bestands- und Bedarfsanalyse zur psychosozialen Gesundheitsversorgung von Geflüchteten wurde im Kanton Luzern und vergleichend in Basel-Stadt durchgeführt und unter anderem vom Interdisziplinären Netzwerk (IDN) Gesundheit der HSLU finanziell unterstützt. Hier mehr erfahren.

Interdisziplinäres Team

Die Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Gülcan Akkaya (Hochschule Luzern – Soziale Arbeit) war interdisziplinär angelegt. Beteiligt waren Prof. Dr. Rebekka Mörgen (bis 2025 Departement Soziale Arbeit) sowie die Forscherinnen Prof. Dr. Verena Batt, Christine Beeler, Dr. Kaisa Ruoranen, Dr. Katharina Windler (alle Departement Wirtschaft).

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