25. Januar 2021

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Kunstraub ist keine Kunst

Kunstraub ist keine Kunst

Von Andrea F. G. Raschèr

Kunstraub bringt Menschen in den Museen und die Kunstwerke in Gefahr. Kunstkriminalität ist wie Menschen-, Waffen-, oder Drogenhandel: Ein Geschäft, das mit organisierter Kriminalität professionelle Strukturen aufweist. Die ausführenden Räuber sind meist die Handlanger. Die Verlierer sind die Museen sowie die Besucherinnen und Besucher.

Die vier Räuber brauchten im Februar 2008 lediglich wenige Minuten für den Überfall. Danach war die Sammlung Bührle in Zürich um vier Gemälde im Wert von rund 180 Millionen Schweizer Franken ärmer. So rasch, wie die Täter aufgetaucht waren, genauso schnell verschwanden sie wieder. Zwei Gemälde fand man wenige Tage nach dem Raub. Die beiden anderen wurden vier Jahre später südwestlich von Belgrad im Rahmen einer klug geplanten international konzertierten Polizeiaktion sichergestellt. Was ist die Charakterisierung von Kunsträubern? Welches sind ihre Methoden? Was geschieht mit den Kunstwerken? Wer könnte hinter den Verbrechen stehen?

Kunsträuber und ihre Methoden

Eines ist sicher: Die Figur des «Gentleman-Diebs», wie im Film «The Tomas Crown Affair», ist ein Mythos. Im Alltag sind solche Figuren unbekannt. Im Bührle-Raub gingen die Räuber mit erstaunlicher Brutalität vor, wie man sie bis dahin vorwiegend von Banküberfällen kannte. Munchs «Schrei» wurde 1994 noch heimlich aus dem Museum in Oslo gestohlen, als die Wärter schliefen. Bereits 2004 drangen Räuber, wie in Zürich, mit Waffengewalt ins Osloer Museum, raubten den «Schrei» und verschwanden innert weniger Minuten.

Kriminelle unterscheiden nicht zwischen einem Juweliergeschäft, einer Bank oder einem Museum. Raubüberfälle auf Banken sind aufgrund erhöhter Sicherheitsvorkehrungen und des bargeldlosen Zahlungsverkehrs mit immer grösseren Risiken verbunden. Museen und Kunstsammlungen sind eine gute Alternative. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der grösste Teil der Museen und Sammlungen in Europa – gelinde gesagt – nicht hinreichend gesichert sind.

«Kunsträuber sind von ihrem Psychogramm am ehesten
mit Söldnern zu vergleichen»,

die an der Front den gefährlichen Teil der Arbeit erledigen. Oft stammen sie aus Gegenden, in denen Krieg herrschte oder sie waren Mitglieder militärischer Spezialeinheiten. Mit hemmungsloser Brutalität gehen sie vor. Respekt für Kunstwerke oder Menschenleben ist ihnen beides fremd. Wenn etwas schieflaufen sollte, sind die Menschen in den Museen und die Kunstwerke in Gefahr.

Kunstkriminalität ist wie Menschen-, Waffen oder Drogenhandel ein Geschäft, das mit organisierter Kriminalität professionelle Strukturen aufweist. Die Drahtzieher bleiben im Hintergrund. Ihr Antrieb dürfte mit demjenigen von Wirtschaftskriminellen ziemlich deckungsgleich sein: Geldgier und lohnenswerte Ertragszahlen. Die Hintermänner operieren aus einem relativ sicheren und unverdächtigen Umfeld heraus. Die ausführenden Räuber sind meist die Handlanger. Kunstwerke sind auf dem freien Markt schwer zu verkaufen, da oftmals dokumentiert.

Verkauf geraubter Kunst

Welche Möglichkeiten bleiben den Kriminellen, um den erhofften Gewinn zu erhalten? Sie benötigen einen Hehler. Er bezahlt ihnen wegen seines eigenen Risikos einen Bruchteil des Beutewertes, weshalb sich der Diebstahl erst ab einem gewissen Wert lohnt. Dann verkauft der Hehler die Gemälde selber weiter auf dem Schwarzmarkt.

Eine weitere Variante stellt das genannte «Artnapping» dar, bei dem die Kriminellen das Gemälde dem bestohlenen Museum oder der Versicherung gegen Bezahlung eines Lösegeldes anbieten. Die Parallelen zum «Kidnapping» sind bei dieser Vorgehensweise offensichtlich: Kunstwerke grosser Meister sind einzigartig und haben neben dem monetären, einen sehr hohen ideellen Wert. Kriminelle nützen das aus: Wer sich nicht rasch auf die Lösegeldforderungen einlässt, riskiert im einen Fall ein Ohr der entführten Person, im anderen einen ausgeschnittenen Teil des Gemäldes zu erhalten. Bei Gemälden liegt die Höhe des Lösegeldes üblicherweise bei 10 bis 20 Prozent des Marktwertes. Ist das Gemälde hoch versichert, könnte eine Versicherung versucht sein, eher ein Lösegeld statt des gesamten Versicherungsbetrages zu zahlen – eine juristische Gratwanderung, denn bei einem solchen Deal wird die Versicherung zum Hehler.

In den letzten Jahren mehren sich Diebstähle in die Münz- und Schmuckabteilungen der Museen. Solche Kulturgüter werden gestohlen, um sie «auszuweiden», das heisst, um ihr Material wiederzuverwerten. In solchen Fällen bleiben die Kulturgüter unwiederbringlich verloren: Allfälliges Gold wird eingeschmolzen, Edelsteine werden geschliffen und in den Markt gebracht.

«Die rund hundert Kilo schwere Goldmünze «Big Maple Leaf»
wurde eingeschmolzen».

Sie wurde von Mitgliedern eines berüchtigten Familienclans im März 2017 im schlecht gesicherten Bode-Museum in Berlin aus dem Fenster geworfen und mit einer Schubkarre zum Fluchtauto gebracht. Ähnlich gingen die Diebe im November 2019 beim Diebstahl von drei Juwelengarnituren mit Dutzenden von Teilen aus dem Dresdner «Grünen Gewölbe» vor: Sie stiegen über ein Fenster ein, zerstörten das Sicherheitsglas der Vitrinen nahmen den Schmuck und waren Minuten später verschwunden. Auch hier ist zu befürchten, dass Sachsens «Staatsschatz des 18. Jahrhunderts» zerstückelt wurde.

Illegaler Handel mit Kulturgütern

In den letzten Jahrzehnten hat der internationale Handel mit Kulturgütern deutlich zugenommen – die Preise explodieren in geradezu astronomische Höhen. Parallel zu dieser Entwicklung nimmt der illegale Handel zu, der in einem beinah eigenständigen Markt organisiert ist. Der illegale Handel mit Kulturgütern ist gemäss Interpol für Kriminelle mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität ein Geschäft mit geringem Risiko und hohen Gewinnen:

«Der weltweite Umsatz beim Handel mit illegalen Kulturgütern wird auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr geschätzt».

Die Gewinner dieser kriminellen Taten sind selten die Räuber selbst – häufig sind es ihre Hintermänner und das Organisierte Verbrechen, aber auch Versicherungen und Anbieter von Sicherheits- und Überwachungsdipositiven für Museen. Die Verlierer sind dagegen die Museen. Unter dem Druck erhöhter Präventions- und Sicherheitsmassnahmen leidet nicht zuletzt die Unmittelbarkeit des Kunsterlebnisses der Besucherinnen und Besucher. Kunstraub ist wahrlich keine Kunst.

Autor: Andrea F. G. Raschèr

Andrea F. G. Raschèr hat Musik studiert und danach Jus. Zudem inszenierte er Opern bevor er 1995 als Jurist ins Bundesamt für Kultur (BAK) wechselte. 2001 bis 2006 leitete er die Abteilung Recht und Internationales und arbeitete das Kulturgütertransfergesetz aus. Seit 2007 ist er Inhaber von Raschèr Consulting in Zürich. Das Beratungsunternehmen ist spezialisiert auf Kunstrecht und Kulturpolitik sowie Mediation und Organisationsentwicklung. Weiter ist er Lehrbeauftragter für Kulturrecht, Kulturpolitik und Compliance im Kunsthandel. 

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