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Was hat Liebe mit Kreativität zu tun – im Zeitalter von KI?

Die Zukunft gehört nicht den intelligentesten Systemen, sondern den Organisationen mit den stärksten Beziehungen.

Von Prof. Dr. Stephanie Kaudela-Baum

Was hat Liebe mit Kreativität zu tun – im Zeitalter von KI?

Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur ein Werkzeug. Sie ist zum epistemischen Akteur geworden: Sie generiert Texte, produziert Bilder, strukturiert Wissen und beeinflusst Entscheidungen. In vielen Organisationen verschiebt sich damit die zentrale Frage weg vom Ob hin zum Wie der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Doch genau an dieser Stelle offenbart sich eine Leerstelle im aktuellen Diskurs: Wir sprechen obsessiv über Effizienz, Skalierung und Automatisierung, aber kaum über die Bedingungen echter Kreativität.

Investitionen in Beziehungen sind essentiell

Oder zugespitzt: Wir versuchen, Kreativität zu technologisieren, ohne ihre menschliche Grundlage zu verstehen.

Und diese Grundlage ist unbequem. Sie ist nicht rational optimierbar. Sie heiss u.a.: Liebe.

Liebe wird in der Forschung definiert als „investment in the well-being of the other for his or her own sake“ (Hegi & Bergner, 2010). Damit ist sie per Definition nicht instrumentell. Sie entzieht sich genau jener Logik, auf der moderne Organisationen und auch KI-Systeme basieren: Zweckrationalität.

Stefano Tasselli (2019) argumentiert, dass Liebe in Organisationen lange ausgeblendet wurde, da sie als zu subjektiv und schwer steuerbar gilt. Doch genau darin liegt das Problem: Was wir ausblenden, verlieren wir als Gestaltungskraft.

Kreativität – insbesondere tiefgehende Kreativität – entsteht nicht primär aus kognitiver Leistung, sondern aus Beziehung, Resonanz und Bedeutung. Kae Tempest formuliert dies radikal: „Creativity is the ability to feel wonder and the desire to respond to what we find startling. Or, more simply, creativity is any act of love” (Tempest 2020, S. 5).

Ein Paradigmenwechsel steht an

Der aktuelle KI-Diskurs leidet unter einem Kategorienfehler: Er setzt Kreativität mit Generativität gleich. KI kann Muster erkennen, Inhalte kombinieren und Varianten erzeugen. Was sie nicht kann, ist Bedeutung erleben, Verantwortung empfinden oder Beziehungen gestalten.

Ein Beispiel: Ein Marketingteam nutzt generative KI, um Kampagnenideen zu entwickeln. Innerhalb kürzester Zeit entstehen zahlreiche Vorschläge. Doch erst im gemeinsamen Diskurs – im Hinterfragen und Weiterentwickeln – entsteht eine wirklich tragfähige Idee. Die kreative Qualität entsteht nicht durch die Maschine, sondern durch die menschliche Auseinandersetzung.

Ein weiteres Beispiel: Ein vollständig remote arbeitendes Team stellt fest, dass trotz effizienter Prozesse die Innovationskraft sinkt. Erst durch gezielte Förderung von Austausch, Vertrauen und Verbindung entstehen wieder neue Ideen. Kreativität braucht Beziehung.

Für Führung bedeutet dies einen Paradigmenwechsel: weg von reiner Effizienzlogik hin zur bewussten Gestaltung von Beziehungen. Studien zeigen, dass Fürsorge und Verbundenheit positive Effekte auf Zusammenarbeit und Leistung haben (Barsade & O’Neill, 2014).

Auch Csikszentmihalyi (2013) zeigt, dass kreative Höchstleistungen aus intrinsischer Motivation und Flow entstehen – also aus zutiefst menschlichen, emotionalen Zuständen.

Die Zukunft ist daher nicht nur digital, sondern relational. Organisationen, die Technologie und Menschlichkeit verbinden, werden langfristig innovativer sein.

Das CAS Creative Leadership for Digital Transformation setzt genau hier an: Es untersucht, wie Führung im Spannungsfeld von Technologie und Menschlichkeit gestaltet werden kann.

Denn letztlich gilt: Die entscheidende Ressource der Zukunft ist nicht Intelligenz, sondern die Qualität unserer Beziehungen.

Literaturverzeichnis

Barsade, S. G., & O’Neill, O. A. (2014). What’s love got to do with it? A longitudinal study of the culture of companionate love and employee and client outcomes in a long-term care setting. Administrative Science Quarterly, 59(4), 551–598.

Csikszentmihalyi. M. (2013). Creativity: Flow and the Psychology of Discovery and Invention. New York, US: Harper Perennial.

Hegi, K. E., & Bergner, R. M. (2010). What is love? An empirically-based essentialist account. Journal of Social and Personal Relationships, 27(5), 620–636.

Tasselli, S. (2019). Love and organization studies: Moving beyond the perspective of avoidance. Organization Studies, 40(7), 1073–1088.

Tempest, K. (2020). On connection. London, England: Faber & Faber.

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