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Schulsozialarbeit mit Gruppen: «Sozialkompetenz lernt man nicht im Einzelsetting»

Mit Gruppen zu arbeiten, fällt vielen Schulsozialarbeitenden schwer. Dabei liegt genau darin grosses Potenzial. Mit ihrem neuen Buch «Arbeiten mit Gruppen im Kontext der Schulsozialarbeit» zeigen Uri Ziegele und Martina Good, wie die Methode im Schulalltag umgesetzt werden kann – und warum sie mehr Aufmerksamkeit verdient.

Schulsozialarbeit mit Gruppen: «Sozialkompetenz lernt man nicht im Einzelsetting»

Martina Good und Uri Ziegele, Sie haben gemeinsam ein Buch zur Gruppenarbeit in der Schulsozialarbeit geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen?

Uri Ziegele: Wir haben über Jahre hinweg zusammengearbeitet und uns immer wieder ausgetauscht. Dabei wurde uns klar, dass es für die Schulsozialarbeit kaum spezifische Konzeptionen zur Gruppenarbeit gibt – vieles wirkt in der Praxis wie ein Flickwerk. Es gibt zwar zahlreiche Bücher und Konzeptionen, aber nur wenige, die auf den Kontext der Schulsozialarbeit zugeschnitten sind.

Martina Good: Gleichzeitig sehen wir in der Ausbildung viele Einsteigende, die grossen Respekt davor haben, mit Gruppen oder ganzen Klassen zu arbeiten. Dabei steckt dort enormes Potenzial. Wir beide haben grosses Herzblut für dieses Thema und wollten unsere langjährigen Erfahrungen bündeln und für die Praxis zugänglich machen.

Was kann es bei Kindern und Jugendlichen bewirken, wenn die Schulsozialarbeit mit Gruppen arbeitet?

Martina Good: Ein wichtiger Punkt ist, dass Kinder und Jugendliche merken, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind und Verantwortung übernehmen können. Es geht nicht einfach darum, ein Problem zu lösen, sondern zu verstehen: «Was hat das Thema mit mir zu tun? Und wie können wir gemeinsam damit umgehen?»

Uri Ziegele: In Gruppen treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Kinder erleben, dass sie mitreden können, ernst genommen werden und gemeinsam Lösungen entwickeln dürfen. Vieles lernen sie dabei voneinander – oft sogar nachhaltiger, als wenn es durch Erwachsene vermittelt wird.

Martina Good: Und man muss klar sagen: Sozial- und Selbstkompetenzen kann man nicht im Büro der Schulsozialarbeit trainieren. Man muss raus in die Erfahrungsräume. Erst dort entfaltet sich die ganze Wirkung.

In der Praxis dominiert oft die Einzelfallarbeit. Wo stösst diese an ihre Grenzen?

Martina Good: Viele Themen lassen sich gar nicht im Einzelsetting lösen. Mobbing ist ein klassisches Beispiel – das ist ein Gruppenthema. Da bringt es wenig, nur mit einer Person zu arbeiten. Grundsätzlich gilt: Wenn Probleme im sozialen Gefüge entstehen, muss man auch dort ansetzen.

Uri Ziegele: Gleichzeitig bietet Gruppenarbeit die Möglichkeit, präventiv zu intervenieren und überfachliche Kompetenzen zu stärken. Themen können gemeinsam bearbeitet werden, bevor sie sich überhaupt als Problem manifestieren.

Sie arbeiten im Buch mit einem «zirkulären integralen Modell». Wie hilft dieses Modell in der Praxis?

Uri Ziegele: Die Arbeit mit Gruppen kann schnell unübersichtlich werden. Das Modell hilft, den Prozess zu strukturieren. Man startet zum Beispiel damit zu klären, wie es den Gruppenmitgliedern geht und was die Gruppe gerade beschäftigt. Daraus entwickelt sich meistens ein relevantes Thema, welches eine Zielsetzung ermöglicht und in dem Dinge ausprobiert und überprüft werden können. Wichtig scheint mir: Dieser Ablauf ist nicht starr. Man kann jederzeit zurückgehen und etwas neu aufnehmen, wobei es trotzdem Sinn macht, sich an der Reihenfolge der Phasen zu orientieren.

Martina Good: Für viele Fachpersonen ist das hilfreich, weil sie eine Art Leitfaden haben. Gleichzeitig bleibt genug Spielraum, um es auf die Gruppe auszurichten und die eigene Arbeitsweise zu gestalten. Wenn man zum Beispiel gleich zu Beginn der Gruppenarbeit merkt, dass eigentlich ein ganz anderes Thema dringender ist als das, was man dachte, lässt das beschriebene Modell eine Anpassung zu.

Was braucht es, damit Gruppenarbeit im Schulalltag mehr Raum bekommt?

Martina Good: Es braucht Ressourcen, also Zeit und Personal. Wenn eine einzelne Fachperson für sehr viele Schülerinnen und Schüler zuständig ist, wird es schwierig, solche Angebote umzusetzen. Aber zentral ist die Kooperationsbereitschaft. Lehrpersonen, die bereit sind, Verantwortung zu teilen und der Schulsozialarbeit zu vertrauen, öffnen ihren Unterricht. Dann werden beide Expertisen, die der Lehrperson und die der Schulsozialarbeit, gleichwertig anerkannt.

Uri Ziegele: Am Ende geht es darum, wie die Schule sich selbst verstehen möchte. Geht es nur darum, Wissen zu vermitteln? Oder auch darum, gemeinsam den Alltag zu gestalten? Gruppenarbeit funktioniert vor allem dort, wo Schule als gemeinsamer Lern- und Lebensraum verortet wird. Das heisst: Probleme werden gemeinsam angegangen und nicht einfach weitergereicht.

Uri Ziegele, Sie haben die Schulsozialarbeit über viele Jahre begleitet und weiterentwickelt. Welche Aspekte haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert?

Uri Ziegele: Die Schulsozialarbeit ist heute breit etabliert und ist aus der Schule nicht mehr wegzudenken. Wir sind aus der Pionierphase heraus und eher in einer Konsolidierungsphase. Gleichzeitig gibt es immer noch grosse Unterschiede zwischen den Schulen und Kantonen. Und auch die Ressourcen bleiben weiterhin eine Herausforderung – gerade wenn man Schulsozialarbeit breiter denkt als reine Einzelfallhilfe.

Wo sehen Sie aktuell kritische Entwicklungen?

Uri Ziegele: Ich wünsche mir, dass Schule stärker als Lern- und Lebensort verstanden wird, an dem sich Schülerinnen und Schüler mit sich selbst und der Welt auseinandersetzen können. Dafür braucht es mehr Austausch und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen schulischen und schulnahen Disziplinen – mit dem Ziel, diesen Raum gemeinsam zu gestalten. Eine zunehmend reaktive Spezialisierung der Fachkräfte halte ich dabei für wenig zielführend.

Martina Good, wo sehen Sie aktuell den grössten Entwicklungsbedarf in der Schulsozialarbeit?

Martina Good: Es hat sich vieles positiv entwickelt, etwa die breite Verankerung der gesetzlichen und institutionellen Grundlagen und die stärkere Anerkennung der Profession. Schulsozialarbeit etabliert sich mittlerweile vom Kindergarten bis bald an die Universitäten. Gleichzeitig braucht es mehr Klarheit in der Ausbildung und ein stärkeres Selbstverständnis. Schulsozialarbeit ist keine «freiwillige Zusatzleistung», sondern eine eigenständige Profession – und sollte auch entsprechend auftreten.

Wie meinen Sie das?

Martina Good: Damit meine ich vor allem die Haltung in der Praxis: Schulsozialarbeit sollte nicht nur reagieren, wenn sie angefragt wird, sondern sich stärker proaktiv einbringen. Also nicht erst dann aktiv werden, wenn ein Problem auftritt, sondern frühzeitig Themen aufgreifen, Angebote initiieren und im Schulalltag präsent sein.

Text Ismail Osman
Bild: Lambertus Verlag
Veröffentlicht am 13. Mai 2026

«Coverbild Buch mit dem Titel Arbeiten mit Gruppen. Es zeigt viele Hände auf grünem Grund.Arbeiten mit Gruppen im Kontext der Schulsozialarbeit» Das Fachbuch von Martina Good und Uri Ziegele zeigt, wie Gruppenarbeit im Schulalltag wirksam eingesetzt werden kann – von der theoretischen Grundlage bis zur konkreten Umsetzung. Im Fokus stehen die Stärkung von Kindern und Jugendlichen sowie partizipative Prozesse in der Gruppe. Das Buch richtet sich an Schulsozialarbeitende und weitere Fachpersonen, die Gruppenangebote professionell gestalten möchten. Es erscheint demnächst im Lambertus Verlag und kann über den interact-Verlag bezogen werden. Die Autor:innen danken insbesondere Lektorin Mirjam Kilchmann und die Reviewerin Angelika Iser für ihre wertvolle Unterstützung.

Uri Ziegele

Uri Ziegele ist seit 2011 Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Vorher war er als Schulsozialarbeiter tätig, kennt aber auch die beruflichen Herausforderungen einer Lehrerperson und eines Soziokulturellen Animators. In unterschiedlichen Forschungsprojekten evaluierte er die Schulsozialarbeit in verschiedenen Regionen der Schweiz und Deutschland und hat mit anderen Dozierenden das Luzerner Modell für die Soziale Arbeit in der Schule entwickelt.

Martina Good

Martina Good ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement Soziale Arbeit der OST – Ostschweizer Fachhochschule und war von 2016 bis 2026 Vorstandsmitglied des Schulsozialarbeitsverbands (SSAV). Zuvor war sie mehrere Jahre als Schulsozialarbeiterin tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in der Schulsozialarbeit, der sozialen Gruppenarbeit und der Beratung im schulischen Kontext.

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