1. Juni 2026
Wie fügen Mitarbeitende, Geschäftsführende, Firmeninhaber oder Organe ihrer Arbeitgeber-Organisation oder ihrem Unternehmen durch wirtschaftskriminelle Handlungen Schaden zu und welche finanziellen Auswirkungen hat dies? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert die Association of Certified Fraud Examiners ACFE im Report to the Nations 2026.
Occupational Fraud, beziehungsweise Betrug am Arbeitsplatz, ist ein Risiko, mit welchem sich Organisationen ununterbrochen befassen müssen. Durch kriminelle Handlungen schädigen Mitarbeitende, Geschäftsführende, Firmeninhaber oder Organe das Unternehmen, für welches sie tätig sind. Der neu erschienene Report «Occupational Fraud 2026: A Report to the Nations» der ACFE, dem weltweit grössten Verband zur Betrugsbekämpfung, umfasst 2’402 untersuchte Fälle aus 143 Ländern und Territorien. Die Gesamtverluste belaufen sich auf über USD 3.4 Milliarden, der Medianverlust pro Fall liegt bei USD 104’000. Die befragten Certified Fraud Examiners (CFEs) schätzen, dass Organisationen pro Jahr rund 5% ihres Umsatzes wegen Fraud verlieren. Der Report beantwortet die Frage, wie am Arbeitsplatz betrogen wird resp. welche kriminellen Handlungen vorkommen, wie diese entdeckt werden, wer betroffen ist, wer die Täter sind und was nach der Entdeckung unternommen wurde.
Betrug am Arbeitsplatz geschieht in erster Linie über Asset Misappropriation, was mit Vermögensveruntreuung übersetzt werden kann. Mitarbeitende stehlen beispielsweise Vorräte aus dem Warenlager oder Geschäftsführende beziehen unberechtigterweise Darlehen. Eine weitere Form ist die Korruption, etwa unerlaubte Leistungen von Lieferanten an Einkaufsverantwortliche oder Interessensbindungen von Verwaltungsräten, die zu firmenschädigenden Entscheiden führen. Beim Financial Statement Fraud (Bilanzbetrug) machen Verantwortliche absichtlich falsche finanzielle Angaben, etwa um einen Bonus zu erlangen oder Vermögensveruntreuung und Korruption zu verschleiern.
Die Vermögensveruntreuung kommt am häufigsten vor: 90% der Fälle bei einem Medianverlust von USD 100’000. Die Korruption ist in 45% der Fälle involviert (Medianverlust USD 150’000). Der Bilanzbetrug bleibt mit 6% der Fälle die seltenste, finanziell jedoch folgenreichste Kategorie (Medianverlust USD 1’000’000). Da Mehrfachnennungen resp. Überschneidungen möglich sind, übersteigt das Total den Wert von 100%. Im Median bleiben Betrugsfälle 12 Monate unentdeckt. Länger dauert die Aufdeckung bei Bilanzbetrug (24 Monate), Spesenbetrug (18 Monate) und dem Betrug mit Eingangsrechnungen (Billing, 14 Monate). Kryptowährungen spielen mit 4% der Fälle weiterhin eine kleine Rolle; wo eingesetzt, dienten sie am häufigsten dem Waschen von Deliktserlösen (50%) sowie der Zahlung von Schmiergeldern (39%).
In über 50% der Fälle trugen Schwächen im internen Kontrollsystem zu den betrügerischen Handlungen bei. In 33% der Fälle fehlten die internen Kontrollen, gefolgt von «Override of existing internal controls», also dem Umgehen von bestehenden internen Kontrollen (19%). Ein funktionierendes internes Kontrollsystem würde demnach bereits einen sehr guten Schutz vor Betrug am Arbeitsplatz bieten.
Hinweise bleiben der wichtigste Weg, um Betrugsfälle aufzudecken: 43 % aller Fälle wurden durch Tipps entdeckt. Damit ist diese Methode fast dreimal so erfolgreich wie die interne Revision, die mit 15 % auf Platz zwei liegt. 55% der Hinweise stammen von Mitarbeitenden, 21% von Kunden, 11% von Lieferanten und 14% von anonymen Quellen. Bei den Meldewegen haben Web- und Online-Methoden mit 46% die Spitzenposition übernommen, gefolgt von E-Mail (34%). Die noch bis vor rund sechs Jahren dominierende Telefon-Hotline ist auf 23% zurückgegangen. Organisationen sollten deshalb mehrere Meldekanäle parallel führen.
Private, gewinnorientierte Unternehmen wurden mit 44% der Fälle am häufigsten geschädigt mit einem Medianverlust von USD 120’000. Es folgen börsenkotierte Unternehmen (Public Companies) mit 25% der Fälle (Medianverlust USD 140’000), staatliche und öffentliche Organisationen mit 16% (Medianverlust USD 110’000) sowie Non-Profit-Organisationen mit 10% und dem tiefsten Medianverlust von USD 69’000. Grundsätzlich können alle Branchen betroffen sein, wobei die höchste Zahl der ausgewerteten Fälle auch 2026 auf Banken und Finanzdienstleistungen entfällt.
Die Auswertung nach Position zeigt das gewohnte Muster: Mitarbeitende (Employees) verursachen einen Medianverlust von USD 50’000 bei 8 Monaten Mediandauer. Führungskräfte (Manager) kommen auf USD 125’000 und 14 Monate. Inhaber- und Organmitglieder (Owners/Executives) sind zahlenmässig in der Minderheit, verursachen aber mit einem Medianverlust von USD 475’000 und 23 Monaten den grössten Schaden – mehr als das Neunfache des Medianverlusts von Mitarbeitenden. Eine Erklärung liegt darin, dass hochrangige Täter Kontrollen umgehen und untergeordnete Personen einschüchtern können. 84% der Täterinnen und Täter zeigten vor der Aufdeckung mindestens einen behavioralen Red Flag resp. ein Warnzeichen, in den meisten Fällen war es «living beyond means», was so viel wie «über die Verhältnisse leben» bedeutet.
Nach Entdeckung beendeten die betroffenen Organisationen das Arbeitsverhältnis in 68% der Fälle. Mitarbeitende (75%) und Manager (68%) wurden deutlich häufiger entlassen als Inhaber- und Organmitglieder (52%); letztere blieben in 12% der Fälle sogar ganz ohne interne Sanktion. Zivilklagen wurden in 25% der Fälle eingereicht und endeten zu 82% mit Vergleich oder Urteil zugunsten der Geschädigten. 54% der Fälle wurden an die Strafverfolgung überwiesen, wovon 24% zu einer Verurteilung führten. Wo auf eine Anzeige verzichtet wurde, nannten 51% interne Disziplinarmassnahmen als ausreichend, 35% fürchteten den Reputationsschaden, 20% fanden eine private Einigung. 80% der geschädigten Organisationen passten ihre Anti-Fraud-Kontrollen an.
In der Region Westeuropa, welche 16 Länder, darunter die Schweiz, umfasst, wurden 161 Fälle untersucht. Die Schweiz war mit 13 Fällen vertreten; auf die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) entfielen 46 Fälle. Der Medianverlust betrug über die ganze Region hinweg betrachtet USD 150’000. Am häufigsten kam die Vermögensveruntreuung vor (91%), gefolgt von der Korruption (44%) und dem Bilanzbetrug (8%). 38% der Fälle wurden durch einen Hinweis entdeckt, 19% von der internen Revision. Die Täterschaft umfasste 81% Männer und 19% Frauen; im Vergleich betrug der Männeranteil global betrachtet 71% und auf die Frauen entfielen 28% der Fälle.
Vorbeugungsmassnahmen:

Die global abgestützten Erkenntnisse aus dem Report to the Nations 2026 bestätigen, dass Betrug am Arbeitsplatz weiterhin eines der teuersten Finanzdelikte ist. Mehr als die Hälfte der Fälle geht auf fehlende oder umgangene interne Kontrollen zurück. Für Unternehmen und Organisationen bilden die Resultate eine wichtige Grundlage, um Risiken realistisch einzuschätzen, Meldekanäle auszubauen und proaktive Aufdeckungsinstrumente zielgerichtet zu stärken.
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