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Digitale Freiheit und die Frage der Haltung

Richard Stallman, Gründer der Free Software Foundation und Pionier der freien Softwarebewegung, war zu Gast an der HSLU-Informatik. Er vertritt radikale und umstrittene Positionen: Wer seine Software nicht kontrolliert, kontrolliert auch sein Leben nicht. ChatGPT? Ein «Bullshit Generator». GitHub? Meiden. Mobiltelefone? Verzichtbar. Bequem machte er es seinem Publikum nicht.

Digitale Freiheit und die Frage der Haltung
Kritisches Denken wird an der HSLU-Informatik bewusst gefördert. Sie lädt internationale Stimmen ein, die auch unbequeme Fragen stellen. Das tat diese Woche auch der international bekannte

«Richard Stallman – Wenn man eine solche Persönlichkeit schon einmal live erleben kann, geht man natürlich an so eine Gastvorlesung.» So brachte es eine Studentin auf den Punkt. Viele Teilnehmende dachten offenbar ähnlich: Unser grösster Hörsaal füllte sich mit Studierenden, Weiterbildungs-Teilnehmenden, Mitarbeitenden und Neugierigen.

Es war die erste Ausgabe der Ada Lovelace Lecture Series – einer neuen Veranstaltungsreihe der HSLU – Informatik, die internationale Stimmen zu KI, Daten und digitalen Systemen nach Rotkreuz bringt.

Ada Lovelace Lecture Series

Die Ada Lovelace Lecture Series bringt herausragende internationale Sprecherinnen und Sprecher an die HSLU. Sie umfasst drei bis vier öffentliche Vorträge pro Jahr über Technologien, die unsere Welt prägen, insbesondere KI, Daten und digitale Systeme.

Das Ziel ist einfach: Ideen aus der aktuellen Entwicklung verständlich machen, diskutieren, was sie ermöglichen (und welche Risiken sie mit sich bringen), und einen Raum schaffen, in dem Studierende, Forschende, Industrie und die breite Öffentlichkeit gemeinsam lernen können.

Die Reihe ist benannt nach Ada Lovelace (1815–1852) – Mathematikerin und Tochter des Dichters Lord Byron. Sie arbeitete mit Charles Babbage an seiner «Analytical Engine» und beschrieb als eine der ersten, wie eine Maschine eine Abfolge von Anweisungen ausführen könnte. Sie gilt vielen als erste Programmiererin der Geschichte.

Netflix, Microsoft, Siri: Stallmann fordert den Bruch mit proprietärer Software

Und schon bald wird Stallmann deutlich: Wer das Smartphone entsperrt, startet proprietäre Software. Wer Microsoft Teams öffnet, Netflix schaut oder Siri nach dem Wetter fragt – überall läuft Software, deren Code geheim ist und die nach den Regeln anderer funktioniert. «Nowadays, our whole life is run by non-free software», sagte Stallman.

Der Abend begann mit einem TED-Talk, der alle auf denselben Stand brachte. Dann sprach Stallman selbst mit einer Lautstärke, die er dem bulgarischen Chorgesang verdankt, den er gezielt studiert hat. In den Sitzreihen lagen Zettel für Fragen aus dem Publikum, die Stallman nach seinem Vortrag beantwortete. Daraus entstand eine dichte, manchmal witzige und oft unbequeme Auseinandersetzung.

Richard Stallman

Richard Stallman gilt als Pionier der freien Softwarebewegung. Ohne seine Arbeit wäre das heutige GNU/Linux-System kaum denkbar. Er ist zugleich eine umstrittene Persönlichkeit. Wer mehr wissen möchte, findet Golem.de eine Einordnung.

Hier sind fünf Kernaussagen:

1. Wer die Software kontrolliert, kontrolliert die Nutzenden

Stallmans These ist klar: Entweder kontrollieren die Nutzenden das Programm oder das Programm kontrolliert sie. Proprietäre Software bedeutet, dass jemand anderes Macht über die Nutzenden ausübt. Etwa ein Konzern, ein Staat oder ein Anbieter. Diese Macht wird fast immer missbraucht: durch Überwachung, Einschränkungen, Hintertüren oder erzwungene Updates. Freie Software gibt diese Kontrolle zurück.

2. Frei wie in Freiheit – nicht wie in Freibier

«Free as in freedom, not free as in free beer.» Freie Software bedeutet nicht kostenlos – es geht um Kontrolle. Stallman definiert vier Freiheiten: die Software nutzen, verstehen, weitergeben und verbessern. Fehlt eine davon, ist die Software nicht frei. Den Begriff «Open Source» lehnt er ab. Er sei technisch nützlich, aber ethisch leer.

3. KI? Stallman nennt es lieber «Bullshit Generator»

ChatGPT und ähnliche Systeme sind für Stallman keine künstliche Intelligenz. Intelligenz bedeutet verstehen und wissen. Das tun diese Systeme nicht. Sie setzen Wörter zusammen, wissen aber nicht, was diese bedeuten, und produzieren dabei regelmässig Fehler – «ohne mit der virtuellen Wimper zu zucken», wie er es formuliert. Das Publikum lacht. Sein Vorschlag: «Pretend Intelligence» – so-tun-als-ob-Intelligenz.

Bei Programmen, die wirklich etwas können, etwa solchen, die Hautkrankheiten zuverlässiger erkennen als Ärztinnen und Ärzte, spricht er durchaus von Intelligenz. Die eigentliche Gefahr sieht er in Systemen, die automatisch über Menschen entscheiden: bei Krediten, auf dem Arbeitsmarkt, vor Gericht.

Jemand hat über dich entschieden. Und du kannst nichts dagegen tun.

4. Vertrauen ist eine Frage der Kontrolle

Kannst du deinem Computer vertrauen? Stallmans Antwort: Vertrauen ist eine Frage der Möglichkeit zur Kontrolle. Proprietäre Software kann so gestaltet sein, dass sie nicht dir, sondern ihrem Hersteller dient. «Jemand hat entschieden, dich auszunehmen. Und du kannst nichts dagegen tun.» Freie Software gibt zumindest die Option, die Kontrolle zurückzuholen.

Ob Smart Home, Drucker oder Sexspielzeug, das Stallman als Beispiel brachte und für Lacher sorgte – sie alle folgen derselben Logik: Wer die Software kontrolliert, kontrolliert das Gerät und letztlich die Nutzenden. Digitale Souveränität beginnt deshalb nicht mit nationalen IT-Strategien, sondern mit freier Software.

5. Kompromisslosigkeit ist eine politische Entscheidung

Stallman benutzt keine Google-Dienste, kein GitHub, keine Web-Apps, kein Zoom. Er arbeitet bewusst mit einem älteren Computer. Nicht weil er altmodisch ist, sondern weil er ihn kontrollieren kann. In seiner Wohnung steht in jedem Zimmer ein Festnetztelefon – ausser im Bad, weil dort kein Anschluss ist. Ein Mobiltelefon besitzt er nicht. Wer ihn über proprietäre Kanäle erreichen will, bekommt zu hören: «Find another way.»

Stallman ruft sein Publikum dazu auf, ähnliche Schritte zu gehen: freie Alternativen ausprobieren, in Schulen für deren Einsatz eintreten, darüber sprechen. Öffentliches Geld sollte in freie Software fliessen und nicht in Lizenzgebühren an Konzerne.

Kritisches Denken: an der HSLU-Informatik auf der Agenda

Stallmans Forderung nach kritischem Denken trifft an der HSLU-Informatik auf offene Ohren. Seit Frühling 2023 gibt es ein eigenes Modul zu Critical Thinking. «Kritisches Denken wird immer wichtiger», sagt Sarah Hauser, Direktorin der HSLU – Informatik. «Studierende müssen hinterfragen, woher ein Ergebnis kommt. Sie brauchen Wissen im Umgang mit Datenschutz und ein Bewusstsein für Verzerrungen und digitale Filterblasen.»

Stimmung im Raum: Zwischen Lachen und Unbehagen

Stallman ist ein unbequemer Redner. Direkt, manchmal trocken humorvoll. Wer fragte, wie man mit freier Software Geld verdiene, bekam eine nüchterne Antwort: Man bezahle nicht für die Erlaubnis, ein Programm zu nutzen, sondern für die Arbeit. Es gebe Unternehmen, die das erfolgreich beweisen, auch wenn sie in der Minderheit seien.

Wer fragte, ob freie Software nicht einfacher und zugänglicher sein müsste, bekam eine ehrliche Antwort: Das wäre möglich. Aber vielleicht ist das nicht das, was die Community will. Wer fragte, ob er sich manchmal isoliert fühle, bekam die Antwort: «Das Isolierende in meinem Leben ist nicht die Technologie, es sind die Umstände des Lebens.»

It’s not a matter of technical ability – it’s a matter of ethics and trust.

Stallman ist nicht kompromissbereit und will es auch nicht sein. Und er zeigt, dass hinter jeder scheinbar technischen Entscheidung auch eine politische steckt. «It’s not a matter of technical ability – it’s a matter of ethics and trust.»

Zum Schluss gab es eine kleine Auktion zugunsten der Free Software Foundation. Ein GNU-Plüschtier und Bücher wechselten den Besitzer. Eine unerwartete Note, die zeigte: Diese Bewegung hat auch Humor.

Was wünscht ihr euch von der HSLU? Die Open Question Wall

Das Living Lab für Digitale Nachhaltigkeit am Departement Informatik sammelt anonym Impulse von Studierenden und Mitarbeitenden. Diese werden auf einer physischen Pinnwand gesammelt, die an verschiedenen Veranstaltungen aufgestellt wird.

Auch am Abend mit Richard Stallman war die Wall dabei. Die Frage lautete: Was könnte die HSLU tun? Die Antworten waren konkret:

Ein erster Schritt: Als Institution mehr zu Open-Source-Projekten beitragen – und institutionelles Mitglied der Free Software Foundation werden.

Schwierig, aber möglich: Weg von Microsoft Office – und hin zu freien Alternativen wie LibreOffice, dessen Quellcode offen, kostenlos nutzbar und nicht an einen Konzern gebunden ist. Digitale Studentenausweise ohne Google Wallet oder Apple Wallet. Und: Der IT-Service soll FOSS-Clients nicht länger blockieren.

Realistisch – sofort umsetzbar: GNU/Linux einsetzen. Freie Software wie Thunderbird nicht verbieten. MS Teams durch Alternativen ersetzen. Cloud: Filen.io oder Switch Drive. Mail: Protonmail. Und: Das alles in den Unterricht einbringen.

Weiterführende Links

Richard Stallman & die Free Software Foundation
gnu.org – Das GNU-Projekt und die vier Freiheiten
stallman.org – Stallmans persönliche Website
fsf.org – Free Software Foundation
fsfe.org – Free Software Foundation Europe, mit konkreten Vorteilen freier Software

Nachhaltige Digitalisierung
nachhaltige-digitalisierung.de – Digitalisierung ökologisch und sozial gestalten

Alternativen & Werkzeuge
taler.net – GNU Taler, das anonyme Zahlungssystem
ch-open.ch – Schweizer Verein zur Förderung von Open Source Software
sovereigntechfund.de – Förderung offener digitaler Basistechnologien

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Veröffentlicht: 12. März 2026
Von: Yasmin Billeter

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