Aygul Zagidullina arbeitet mit Datenmodellen, KI und technischen Fragen, die bis ins Kraftwerk reichen. Sie lehrt und forscht an der Hochschule Luzern – Informatik und will mit Daten und KI konkrete Probleme lösen. Dabei engagiert sie sich weit über ihre Rolle hinaus. Sie sucht jene Momente, in denen die Augen funkeln: dann, wenn jemand etwas wirklich versteht.
Im Anlagenraum der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) steht Aygul Zagidullina vor meterhohen Maschinen. Diese Pumpen und Generatoren leisten in der Grimselregion im Berner Oberland seit Jahrzehnten ihren Dienst. Heute stellen sich dazu neue, zukunftsweisende Fragen: Wie lässt sich ein Betrieb mit Daten und KI so modellieren, dass Pumpen effizienter arbeiten? Wie erreicht man, dass sie weniger Wasser und Strom verbrauchen? «Diese mächtigen Maschinen inspirieren mich», sagt sie. In Kooperation mit der KWO forscht sie an der Hochschule Luzern – Informatik nach entsprechenden Lösungen.

In diesem Kraftwerk trifft vieles aufeinander, was sie an ihrer Arbeit liebt: reale Systeme und Herausforderungen, der Bedarf an klugen Modellen und das Zusammenspiel von Menschen, mit denen sie gern zusammenarbeitet.
Mit diesem Antrieb bewegt sie sich auch in Rotkreuz an der Hochschule Luzern – Informatik. Aygul Zagidullina forscht und lehrt in der Ausbildung und Weiterbildung auf mehreren Stufen. Sie trägt die Co-Verantwortung für das Themenfeld Applied Data Intelligence, das CAS Machine Learning und ein Bootcamp über SAS LLMs and AI Agents.
Was sie mitbringt, ist ein seltener Mix an Fachwissen: angewandte Mathematik, quantitative Forschung, und Industrieerfahrung. Dazu kommt ihr Fachbuch über statistische Methoden für sehr grosse, komplexe Datensätze. Ausserdem engagiert sie sich in Nachhaltigkeitsfragen sowie bei Women in Data Science Zürich (WiDS), einem Netzwerk, das Frauen in Data Science sichtbar macht und miteinander verbindet.

Bei ihrer Arbeit an der HSLU interessiert sich nicht nur für das, was sie lehrt, entwickelt und erforscht. Sie begeistert sich auch für das, was bei Menschen geschieht, wenn sie beim Lernen Aha-Momente erleben. In der Weiterbildung beglückt es sie, wenn gewisse Teilnehmende mit wenig Vorwissen kommen und am Ende stolz auf komplexe eigene Arbeiten blicken.
Als Dozentin sucht sie diesen Moment, in dem sich beim Gegenüber ein Puzzle vervollständigt. «Ich blicke zu den Lernenden und liebe es, wenn ich plötzlich ‘sparkling eyes’ sehe und weiss: Jetzt hat jemand etwas wirklich verstanden. Dann hat mein Tag Sinn gemacht.»

Aygul Zagidullina wuchs in Mirny in Jakutien auf, im Nordosten Sibiriens. Dort kann es bis zu minus 50 Grad kalt werden. Die Stadt ist vom Diamantenabbau geprägt, von Zweckmässigkeit, flachem Land bis zum Horizont und einem Alltag, der sich dem rauen Klima anpassen muss. Sie stammt aus einer tatarischen Familie, wuchs zweisprachig auf, mit Russisch und Tatarisch. Schon früh bewegte sie sich zwischen verschiedenen kulturellen Räumen. Diese Erfahrung hat sie geprägt und ihren Blick auf Menschen, Sprachen und Kulturen geweitet.
Später führte ihr Weg über Moskau, Konstanz und Frankfurt am Main in die Schweiz. Zürich besuchte sie an einem Wochenende als Touristin. Es traf sie mit Wucht. «Ich fand die Stadt unglaublich schön», sagt sie. Wer in einer funktionalen Bergbaustadt in Sibirien aufgewachsen ist, sieht in Zürich vermutlich mehr als nur Schweizer Ordnung und Nüchternheit.
Dass sie heute in Data Science und KI arbeitet, fusst auf Interessen, die sie bereits in ihrer Kindheit pflegte. Mit neun Jahren hatte sie ihren ersten eigenen Desktop-Computer, damals noch ein grosser Klotz. Erst spielte sie damit. Dann begann sie, sich für das zu interessieren, was dahinterliegt. Wie funktioniert das Innenleben eines Systems? Woher kommen Bewegung und Bilder? Diese Fragen trieben sie an.
Später beschloss sie, wie sie selbst sagt, «etwas Gutes für die Menschen» zu tun. Als Jugendliche fragte sie sich, ob sich soziale Probleme mit Daten, Modellierung und klugen Verteilungen lösen liessen. Angestossen wurde dieser Gedanke durch ein Zivilprogramm, an dem sie sich damals in Russland beteiligte. Schon früh entwickelte sie Ehrgeiz und die Überzeugung, dass Wissen und Daten Gesellschaften verändern können.
Mathematik fasziniert sie dabei nicht nur als Werkzeug. Sie sieht darin auch Sinn und Schönheit. Mit ihrem Hintergrund in angewandter Mathematik verweist sie auf mathematische Gesetze, die sich in der Natur zeigen und auch darin, wie wir Menschen Gesichter oder Architektur als harmonisch erleben. Diese Freude an der Präzision und am Staunen prägt ihr Tun.
Vor ihrer Zeit an der HSLU arbeitete Aygul Zagidullina in der Industrie, unter anderem im Finanz- und Risikoumfeld. Das Fachwissen aus dieser Zeit begleitet sie bis heute, im Beruf und auch privat beim Investieren. Anderes hat sie gern hinter sich gelassen: Sie habe damals in der Bank die Maske der «Boss-Lady» getragen, sagt sie. Diese Einordnung spiegelt viel von ihrer damaligen Arbeitswelt: Wettbewerb, Härte und ein Umfeld, das oft männlich geprägt war.
Sie schildert ein Erlebnis aus dem Investmentbanking, das viel über sie aussagt: In einem Bankprojekt entdeckte sie als junge Mitarbeiterin einen fundamentalen Fehler in der Risikoeinschätzung. Andere wollten ihn übergehen, weil eine Korrektur das Vorhaben verzögert hätte. Aygul Zagidullina beharrte auf einer Korrektur. «Ich war bereit, deswegen gefeuert zu werden», sagt sie. Ja, sie könne stur sein, gibt sie zu und lacht. Und sie achte auf Details.

Heute arbeitet sie an einem Ort, der besser zu ihr passt. In Rotkreuz hat Mitarbeitende, die einander unterstützen, Raum für Ideen und einen Campus, der sie inspiriert. «Es klingt nach Marketing, aber ich bin hier wirklich sehr happy», sagt sie. Wohl darum übernimmt sie auch immer wieder Aufgaben, die nicht in ihrem Pflichtenheft stehen.
Hier ein Extra, da ein Zusatzengagement: Aygul Zagidullina steht nicht nur vor Hörsälen, Whiteboards und Maschinen. Sie stand auch als Laiendarstellerin auf einer Theaterbühne in Zürich und später in Rumänien. Das Stück «White on Black» beruht auf einer tragischen Geschichte aus postsowjetischer Zeit. Sie spielte eine fremde Rolle: nicht die Dozentin, nicht die Forscherin, sondern einen Jungen im Rollstuhl. «Ich hatte für das Stück spontan zugesagt und schon war ich ‘out of the comfort zone’», sagt sie dazu.
Diese Bereitschaft, neue Rollen anzunehmen, zeigt sich auch anderswo. Bei einem Robotik-Camp für Mädchen war sie mit ihrer Tochter drei Tage vor Ort. Eigentlich nicht für die Küche, aber kaum war sie angemeldet, wurde sie dort als «Chefköchin» einberufen. Sie kochte, organisierte, improvisierte – auch das verrät viel über ihr Temperament und Tempo. Jemand fragt – sie sagt zu. Etwas muss getan werden – sie packt es an.


Auch in Frauenfragen will sie noch vieles bewegen. Aygul Zagidullina engagiert sich seit 2022 bei Women in Data Science Zürich (WiDS). Es ist ihr wichtig, dass diese Fachfrauen sichtbar werden und sich vernetzen. In den letzten Jahren hat sie bei WiDS Verantwortung in der Organisation, als Buchhalterin und als Vizepräsidentin übernommen.
Dahinter steckt viel Arbeit, zum Beispiel für die Sponsorensuche. Aygul Zagidullina gelang es kürzlich erneut, Sponsoren zu überzeugen, diese Frauen-Community mitzutragen. Es sei hart gewesen, die Gelder aufzutreiben, aber nun seien WiDS bereits bis Ende 2027 gesichert.

Ob im Austausch mit den Fachfrauen oder ihren männlichen Data-Science-Kollegen: Aygul Zagidullinas Interessen gehen über das rein Fachliche hinaus. Sie sieht auch die grösseren Linien: ethische Fragen, gesellschaftliche Folgen, wirtschaftliche Kontexte. Vielleicht, weil sie Data Science nie nur als Technik verstanden hat. Sondern immer auch als etwas, das in die Welt eingreift.
Wenn sich die Aufgaben zu sehr türmen, wandert sie gerne ihn die Höhe: In ihrer freien Zeit zieht es sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter Nicole oft in die Berge. Sie liebt den Überblick, den diese bieten – auch im übertragenen Sinn. Auf dem Gipfel kann Zagidullina Programme oder Projekte ausblenden und stattdessen Perspektiven geniessen: «Die Berge waren vor uns da. Und sie werden auch nach uns noch da sein.»
Da verspürt Aygul Zagidullina eine Ahnung von Ewigkeit. Gegen diese Ruhe und Grösse würden viele Alltagsprobleme klein, sagt sie. Die Berge stärken sie – sind ein Kraftfeld, an dem sich vieles ordnet. So kehrt sie jeweils aus der Höhe geerdet zurück nach Rotkreuz. Mit frischer Energie. Bereit, wieder vieles anzustossen und andere mitzuziehen.

Sie ist vieles zugleich: Dozentin, Forscherin, Organisatorin, Mutter, Berggängerin, Improvisatorin, ein wahres Energiebündel! Sie denkt in Mustern, arbeitet mit Menschen und bringt beides zusammen. Dahinter steht ein klarer Antrieb. Und die Freude daran, wenn bei anderen ein Funke überspringt. Aygul Zagidullina weiss, warum sie so viel in Bewegung setzt.
Veröffentlicht am: 22. Mai 2026
Von: Gabriela Bonin

Forscherin, Programmleiterin, Dozentin: Aygul Zagidullina ist Co-Themenfeldverantwortliche für Weiterbildungen in Applied Data Intelligence und Co-Founder des Applied AI Center an der Hochschule Luzern – Informatik. Ebenso ist sie in der Co-Leitung für das CAS Machine Learning sowie für ein Bootcamp über SAS LLMs and AI Agents zuständig. Sie lehrt in der Ausbildung auf Bachelor- und Master-Stufe sowie in der Weiterbildung und ist auch in der Forschung tätig. Sie bringt die Perspektive der Hochschule Luzern in die «Swiss AI Action Plan»-Initiative ein und engagiert sich dort für die Weiterentwicklung von Forschung und Bildung im Bereich Künstliche Intelligenz.
Aygul Zagidullina studierte angewandte Mathematik, promovierte mit Fokus auf quantitative Forschung und absolvierte an der ETH Zürich eine Weiterbildung in Computer Science. Vor ihrer Tätigkeit an der HSLU arbeitete sie in der Industrie als Quantitative Modeler und Data Scientist, unter anderem im Finanz- und Risikoumfeld. Zu ihren fachlichen Schwerpunkten zählen Data Science, Machine Learning und Artificial Intelligence. Zudem engagiert sie sich bei Women in Data Science (WiDS) und ist Mitglied bei der Women-in-AI-Initiative. 2021 veröffentlichte sie bei Springer ein Fachbuch zur Schätzung hochdimensionaler Kovarianzmatrizen.
Lernen und forschen an der Hochschule Luzern – Informatik: Hier findest du Informationen über die Weiterbildungsbereiche in Applied Data Intelligence, die Aygul Zagidullina mitverantwortet. Die Hochschule Luzern – Informatik bietet Bachelor- und Master-Studiengänge, anwendungsorientierte Forschung sowie Weiterbildungsangebote auf einem Campus.
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