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Gesellschaft & Ethik

KI verändert die Medizin. Jetzt braucht es Governance

Künstliche Intelligenz verändert Diagnose, Therapie und klinische Abläufe. Doch je stärker KI medizinische Entscheidungen prägt, desto wichtiger werden klare Verantwortung, Vertrauen und ethische Leitlinien. Die HSLU-Expertin für digitale Ethik, Ladan Pooyan-Weihs, ordnet ein, warum medizinischer Fortschritt mit KI klare Governance braucht.

KI verändert die Medizin. Jetzt braucht es Governance
KI kann in der Medizin als hilfreiches Werkzeug dienen. Entscheidend sind aber Governance, klare Verantwortung und Fachpersonen, die Patientinnen und Patienten als Menschen ernst nehmen. (Bildquelle: Getty)

Künstliche Intelligenz prägt längst den digitalen Handel, die industrielle Produktion sowie Sicherheits- und Überwachungssysteme. Nun beginnt sie, auch die Medizin grundlegend zu verändern. Von der radiologischen Bildanalyse über personalisierte Therapievorschläge bis hin zu KI-gestützten Chatbots für Erstabklärungen entsteht der Eindruck einer bevorstehenden medizinischen Revolution.

Doch zwischen technologischem Fortschritt, gesellschaftlichen Erwartungen sowie rechtlichen und ethischen Fragen liegt ein Spannungsfeld, das oft unterschätzt wird: Gesundheit ist kein rein technisches Thema.

Ladan Pooyan-Weihs

Informatikerin an der Schnittstelle von Technik und Ethik

Pooyan-Weihs ist Professorin an der Hochschule Luzern – Informatik und Co-Leiterin des CAS Digital Healthcare. Sie forscht und lehrt zu digitaler Transformation, Informationsmanagement, Datenanalyse, Kryptographie und gesellschaftlichen Fragen der Digitalisierung.
In ihrer Arbeit verbindet sie Informatik, Gesundheitswesen und digitale Ethik.
 

Diese Entwicklung verändert mehr als einzelne Abläufe im Gesundheitssystem. Sie prägt die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten, Pflegefachpersonen und Spitälern. Und sie verändert die Rolle der Informatikerinnen und Informatiker, die diese Systeme entwickeln. Software wird im medizinischen Kontext vom Werkzeug zur Mitgestalterin von Entscheidungen. Algorithmen strukturieren Wahrnehmung, priorisieren Risiken und beeinflussen, welche Handlungsoptionen sichtbar werden.

Wer medizinische KI programmiert oder einführt, gestaltet medizinische Entscheidungen indirekt mit.

Damit verschiebt sich auch Verantwortung. Sie verteilt sich über ein Geflecht aus klinischer Praxis, technologischer Entwicklung und institutioneller Governance. Wer medizinische KI programmiert oder einführt, gestaltet diagnostische Prozesse indirekt mit. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob KI Teil der Medizin wird, sondern wie sie eingesetzt wird. Und wer trägt die Verantwortung, wenn datengetriebene Empfehlungen auf individuelle Lebensrealitäten treffen?

KI in der Medizin: präzise Daten, schwierige Entscheidungen

Technologie arbeitet mit Mustern, Daten und Optimierung. Krankheit erscheint als Abweichung messbarer Werte, aus denen Modelle Wahrscheinlichkeiten berechnen. KI kann Tumore früh erkennen, Risiken bei Medikamenten vorhersagen oder klinische Entscheidungen unterstützen. Das gilt besonders dort, wo komplexe Datenmengen die menschliche Wahrnehmung übersteigen.

Doch medizinische Qualität ist nicht identisch mit statistischer Genauigkeit. Gesundheit ist zugleich biologisch, psychologisch und sozial. Patientinnen und Patienten sind keine Datensätze, sondern Menschen mit Kontext, Unsicherheit und eigenen Entscheidungen. Eine technologisch optimale Empfehlung ist deshalb nicht automatisch eine gute medizinische Entscheidung.

KI unterstützt als Werkzeug, aber sie empfiehlt auch

Der KI-Diskurs bewegt sich zwischen starken Zukunftsbildern: präzisere, personalisierte Medizin auf der einen Seite, komplexe menschliche Entscheidungen auf der anderen. KI entfaltet ihren grössten Nutzen als kognitives Werkzeug für Fachpersonen. Sie lässt sich mit Mikroskop oder Magnetresonanztomographie (MRT) vergleichen. Sie unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt: KI produziert nicht nur Bilder, sondern Empfehlungen.

Wenn KI mitentscheidet: Wer trägt die Verantwortung?

Mit Künstlicher Intelligenz entstehen geteilte Entscheidungsprozesse. Entwicklerinnen und Entwickler, Datenlieferanten, Spitäler und medizinisches Personal wirken in einem gemeinsamen soziotechnischen System zusammen. Klassische Haftungsmodelle geraten dadurch unter Druck.

Besonders kritisch ist die Intransparenz moderner Modelle. Viele Systeme erzielen starke Resultate, lassen sich aber nur begrenzt erklären. Entscheidungen stützen sich teilweise auf statistische Korrelationen, deren kausale Grundlage unbekannt bleibt. Verantwortung setzt jedoch Nachvollziehbarkeit voraus. Wenn selbst Fachpersonen nicht vollständig erklären können, wie eine KI zu ihrer Empfehlung kommt, stösst das Rechtssystem an Grenzen. Regulierungen wie der europäische EU AI Act reagieren darauf. Doch Verantwortung lässt sich nicht automatisieren.

Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob KI Teil der Medizin wird. Entscheidend ist, wie sie eingesetzt wird und wer Verantwortung trägt.

Vertrauen als eigentliche Infrastruktur

Technologische Innovation scheitert selten nur an der Technik. Häufig fehlt das Vertrauen. Patientinnen und Patienten müssen spüren, dass KI ihre Behandlung verbessert und sie als Menschen im Blick behält. Ärztinnen und Ärzte müssen erleben, dass Systeme ihre Erfahrung erweitern. Institutionen brauchen klare ethische Leitlinien und rechtliche Rahmenbedingungen.

KI erweist sich damit weniger als rein technische Innovation, sondern vielmehr als institutionelle Transformation. Ihr Erfolg entscheidet sich nicht im Code, sondern in ihrer Einbettung in professionelle Routinen und Verantwortungsstrukturen. Governance wird damit zur zentralen Voraussetzung.

Das verändert auch die Ausbildung: Neben klinischem Wissen werden Datenkompetenz, algorithmisches Verständnis und ethische Reflexion zu Kernqualifikationen. Von zentraler Bedeutung wird sein, dass Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeiten und Grenzen von KI souverän einschätzen können.

KI in der Medizin verändert unser Bild von Gesundheit

KI zwingt uns, Gesundheit neu zu definieren. Wenn Systeme Risiken laufend berechnen und Prävention datengetrieben organisieren, verschiebt sich Medizin von der Behandlung hin zur kontinuierlichen Risikoüberwachung. Dabei können Systeme Patientinnen und Patienten vom Zentrum der Versorgung an den Rand drängen und zu Datenquellen machen.

Das eröffnet Chancen für präventive Medizin. Zugleich wächst die Gefahr einer schleichenden Medikalisierung des Alltags. Wenn sich jede Abweichung messen lässt, wächst der Druck, den eigenen Körper laufend zu verbessern.

Gesundheit technologisch zu denken, heisst deshalb: Menschliche Medizin bleibt entscheidend. KI kann Wahrscheinlichkeiten berechnen, aber keine Bedeutung geben. Sie kann Muster erkennen, aber keine Verantwortung empfinden.

Die Medizin der Zukunft wird hybrid sein: ein Zusammenspiel aus algorithmischer Präzision und menschlichem Urteil. Fortschritt zeigt sich daran, dass Menschen mit intelligenten Systemen verantwortungsvoll handeln und Entscheidungen nicht an Maschinen abgeben.

Entscheidend ist am Ende nicht, was KI kann, sondern wofür wir sie einsetzen.

Zwischen Hype, Hoffnung und Haftung liegt die zentrale Aufgabe: Technologie so zu gestalten, dass sie der Gesundheit dient – und nicht umgekehrt. Massgeblich ist letztlich, zu welchem Zweck wir KI einsetzen.

Veröffentlicht: am 26. Juni 2026

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst im Fachmagazin topsoft. Wir übernehmen ihn in leicht redigierter Form mit Verweis auf die Originalpublikation.

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