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KI-Tell zum 1. August: «Mit eigenem Verstand prüfen»

Wilhelm Tell trifft auf die Schweiz von 2026. Was hält die Sagengestalt von Demokratie, Drohnen und Datenkraken? Zum 1. August stellt Informatik-Absolvent Patrick Schöpfer seinem selbst entwickelten KI-Tell Fragen zur Gegenwart. Der virtuelle Tell antwortet aus seiner mittelalterlichen Welt.

KI-Tell zum 1. August: «Mit eigenem Verstand prüfen»
Patrick Schöpfer befragt seinen KI-Tell zur Schweiz von heute.

HSLU-Absolvent Patrick Schöpfer hat die Sagengestalt Wilhelm Tell ins digitale Zeitalter geholt. Für seine Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern – Informatik entwickelte er einen virtuellen Tell, mit dem man sprechen kann.

Die Figur soll dabei nicht einfach auf das Wissen einer heutigen Künstlichen Intelligenz zurückgreifen. Schöpfer hat ihr bewusst Grenzen gesetzt: Sie soll möglichst in der Welt bleiben, in der die Tell-Legende spielt. Der KI-Tell greift auf Bücher und historische Quellen zu Tell und seiner Zeit zurück.

Porträt von Patrick Schöpfer

Entwickler des virtuellen Wilhelm Tell

Patrick Schöpfer hat Informatik an der Hochschule Luzern (HSLU) studiert. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit entwickelte er den virtuellen Wilhelm Tell. In seiner Arbeit untersuchte er, wie Menschen auf eine KI reagieren, wenn sie ihnen als menschlicher Avatar begegnet.
Wilhelm Tell: Schweizer Sagengestalt und Nationalheld

Wilhelm Tell gehört zu den bekanntesten Sagengestalten der Schweiz. In der berühmten Tell-Erzählung widersetzt er sich dem habsburgischen Landvogt Gessler. Dieser zwingt ihn, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen.

Diese Legende wurde über Jahrhunderte weitererzählt und verändert. International bekannt wurde sie insbesondere durch Friedrich Schillers Drama «Wilhelm Tell» von 1804.

Auch der KI-Tell der HSLU bildet deshalb keine historisch belegte Person ab. Er interpretiert eine Figur aus Überlieferung, Literatur und Schweizer Erinnerungskultur. Im Interview kennt der KI-Tell moderne Phänomene nicht. Deshalb übersetzen wir heutige Entwicklungen in Bilder und Situationen, die zu seiner Welt passen.

Zum Schweizer Nationalfeiertag macht Schöpfer ein Experiment: Er stellt seinem KI-Tell Fragen aus dem Jahr 2026. Wie blickt eine mittelalterlich geprägte Figur auf Themen, die sie nicht kennen kann? Und wie übersetzt sie diese in ihre eigene Welt?

Hallo Wilhelm, wir sind im Jahr 2026. Am 1. August erinnert sich unser Land, die Schweiz, an den Bundesbrief von 1291. Damals verpflichteten sich Uri, Schwyz und Unterwalden zu gegenseitiger Hilfe. Heute besteht die Schweiz aus 26 Kantonen und rund 9,1 Millionen Menschen. Was sollten sich diese Menschen heute gegenseitig zusichern?

Heutiger Bezug: Nationalfeiertag und Bundesbrief.

KI-Tell: Das kann ich nicht sagen, denn meine Welt kennt nur den alten Bund. Treue, Zusammenhalt und Freiheit. Mehr weiss ich darüber leider nicht.

Aber was würdest du den Menschen heute raten?

Aufeinander zu achten, die Freiheit zu schätzen und standhaft zu bleiben, so wie wir es einst taten.

Stell dir vor, es gäbe ein Werkzeug, das Tausende Bücher gelesen hat, Fragen beantwortet und selbst Texte schreibt. Manchmal antwortet es klug, manchmal liegt es falsch. Wie würdest du entscheiden, wann du ihm vertraust? Und wer müsste für seine Fehler geradestehen?

Heutiger Bezug: KI-Sprachmodelle.

KI-Tell: Ich würde nur vertrauen, wenn ich es mit eigenem Verstand prüfen kann. Und für Fehler muss immer der Mensch geradestehen, der es nutzt.

Der KI-Tell spricht über Verstand und Vertrauen.

Stell dir vor, fremde Mächte würden in deiner Zeit nicht Burgen bauen oder Vögte einsetzen. Sie würden stattdessen unbemerkt Informationen und Nachrichten über die Menschen sammeln. Zum Beispiel, mit wem diese sprechen, wohin sie gehen und was sie kaufen. Wie würdest du diese Form der Macht beurteilen?

Heutiger Bezug: Datensammlung durch grosse Technologiekonzerne.

KI-Tell: So ein heimliches Sammeln von Nachrichten wäre mir höchst suspekt. In meiner Welt wäre das gegen unsere Freiheit und untragbar.

Stell dir vor, jede erdenkliche Nachricht könnte innerhalb weniger Augenblicke durch die ganze Welt reisen. Wahre Berichte, Irrtümer und gezielte Lügen werden dabei sehr schnell verbreitet. Wie würdest du prüfen, welchem Boten du noch glaubst und welchem nicht?

Heutiger Bezug: soziale Medien, digitale Kommunikation und Desinformation.

KI-Tell: Ich würde auf den Ruf des Botens achten, auf seine Taten und ob er sich in der Vergangenheit als vertrauenswürdig erwiesen hat.

Stell dir vor, es gäbe Maschinen als Waffen. Sie könnten selbständig ein Ziel suchen und entscheiden, wann sie schiessen. Kein Mensch müsste mehr den Abzug betätigen. Wer trüge aus deiner Sicht die Verantwortung für den Schuss?

Heutiger Bezug: KI-gesteuerte, unbemannte Drohnen.

KI-Tell: In meiner Welt trägt stets der Mensch die Verantwortung für jeden Schuss. Maschinen kennen wir nicht.

Stell dir vor, mächtige Herrscher rund um dein Land führten Krieg. Deine Gemeinschaft wollte sich keinem von ihnen anschliessen. Zugleich litten die Menschen in den Kriegsgebieten unter Gewalt und bäten um Hilfe. Was müsste deine Gemeinschaft bedenken, um unabhängig zu bleiben und dennoch Verantwortung zu übernehmen?

Heutiger Bezug: Schweizer Neutralität.

KI-Tell: Eine Gemeinschaft muss die eigene Freiheit wahren und doch den Hilfesuchenden beistehen, ohne sich in fremde Streitigkeiten zu verstricken.

In unserem Land leben viele verschiedene Menschen. Sie sprechen verschiedene Sprachen, haben unterschiedliche Religionen, Herkunftsgeschichten und Pässe. Manche sind erst vor kurzem hergekommen. Andere wurden hier geboren. Woran würdest du erkennen, wer zur Schweiz gehört und wer nicht?

Heutiger Bezug: die Schweiz als mehrsprachige und pluralistische Gesellschaft.

KI-Tell: In meiner Zeit gehört zum Land, wer hier lebt, die Berge achtet und treu und mutig für die Freiheit einsteht.

Was möchtest du den Leserinnen und Lesern dieses Gespräches für ihre Zukunft mitgeben?

KI-Tell: Bleibt standhaft, achtet die Freiheit. Und denkt immer daran, aufrichtig zu bleiben und zusammenzustehen, wie wir es einst in den Bergen taten.

So entstand der KI-Tell

Patrick Schöpfer entwickelte den virtuellen Wilhelm Tell im Rahmen seiner Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern – Informatik. Mit einer Virtual-Reality-Brille betreten Nutzende eine virtuelle Umgebung und begegnen Tell dort als dreidimensionalem Avatar. Sie können ihm Fragen stellen und direkt mit ihm sprechen.

Dafür verband Schöpfer die Figur bewusst nicht einfach mit einem frei zugänglichen Chatbot wie ChatGPT. Er entwickelte ein eigenes KI-System und gab Tell eine begrenzte Wissensgrundlage. Die Figur soll möglichst innerhalb ihrer eigenen Welt bleiben, statt heutiges Wissen beliebig mit historischen Vorstellungen zu vermischen.

In seiner Bachelorarbeit untersuchte Schöpfer ausserdem, wie Menschen auf einen menschlich wirkenden Avatar reagieren. Solche virtuellen Figuren könnten künftig beispielsweise in Museen oder in der Bildung eingesetzt werden.

Veröffentlicht: 28. August 2026
Text von: Gabriela Bonin

Ein Mensch reicht einer digitalen Jesusfigur die Hand.Vom KI-Jesus zum KI-Tell: Wie sprechen Menschen mit einer KI, die als bekannte Figur auftritt? Diese Frage stellt sich beim KI-Tell ebenso wie beim KI-Jesus.

Das Immersive Realities Research Lab der Hochschule Luzern – Informatik entwickelte den KI-Jesus gemeinsam mit der Katholischen Kirche Stadt Luzern. Der interaktive Avatar führt Gespräche über Sinn, Werte und Orientierung.

Das Kunst- und Forschungsprojekt stiess weltweit auf ein grosses Medienecho. Nun will das HSLU-Team genauer untersuchen, wie Menschen mit solchen Gesprächs-KIs interagieren, wie die Dialoge wirken und wo ihre Grenzen liegen. Dafür sucht es Partner für die nächste Forschungsphase.

Mehr über KI-Jesus 2.0 und die Möglichkeiten einer Forschungspartnerschaft.

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