Im Workshop «Tanz mit der Überforderung» machen Mitarbeitende der HSLU Informatik etwas Ungewöhnliches: Sie sprechen offen über Überforderung. Dabei reflektieren sie ihre eigenen Muster und lernen voneinander. Es geht um eine Haltung, die hilft, in einer komplexen und unvorhersehbaren Welt handlungsfähig zu bleiben.
«Ihr seid die Mutigen», sagt Vizedirektor Eckart Zitzler zu Beginn des ersten Workshops. Vor ihm sitzen Mitarbeitende aus Administration, Lehre, Forschung und Führung der Hochschule Luzern – Informatik. Sie haben sich freiwillig für eine interne Weiterbildung angemeldet, die einen ungewöhnlich direkten Titel trägt: «Tanz mit der Überforderung – Selbstmanagement und Selbstleadership».
Mit Überforderung umgehen können wir nur dann, wenn wir ihr ins Auge schauen. Dazu braucht es Mut.
Mut braucht es tatsächlich ein wenig. Wer sagt am Arbeitsplatz schon gerne: Ich bin überfordert? Dabei kennt das Phänomen viele Formen und ist weit verbreitet. Mal kommen zu viele Aufgaben gleichzeitig. Mal fehlt eine klare Lösung. Und manchmal geraten die eigenen Ansprüche, Werte oder Bedürfnisse mit den Erwartungen des Umfelds aneinander.
Genau diese drei Formen unterscheidet Zitzler im Workshop: Überforderung durch das Zuviel, durch Ungewissheit und mit sich selbst. Zitzler ist Vizedirektor und Forschungsleiter des Informatikdepartements der HSLU. Gemeinsam mit dem Managementforscher Hans A. Wüthrich hat er einen Ansatz entwickelt, der sich keiner der üblichen Schubladen eindeutig zuordnen lässt. Er verbindet Selbstorganisation, den Umgang mit Ungewissheit und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung.
Patentrezepte geben die beiden nicht. Jede Person muss selbst herausfinden, was für die eigene Situation funktioniert. Zitzler sagt dazu ausdrücklich: «Ich habe nicht die Weisheit gepachtet.»
Das prägt auch die Rollen im Raum. Hier erklärt nicht einfach ein Vorgesetzter seinen Mitarbeitenden, wie sie effizienter arbeiten sollen. Die Teilnehmenden vergleichen Erfahrungen, Methoden und unterschiedliche Vorstellungen davon, was ihnen beim Arbeiten hilft. Zitzler tritt dabei offen auf und führt didaktisch souverän durch den Workshop.
Warum Weiterbildung immer nur von aussen einkaufen? Das interne Upskilling-Format «Von der I für die I» nutzt Wissen und Erfahrung der eigenen Mitarbeitenden im Informatikdepartement. Sie geben ihr Know-how an Kolleginnen und Kollegen weiter.
«Tanz mit der Überforderung» war das erste Angebot dieses Formats. Initiiert wurde es von Bettina Minder und Umberto Michelucci. Das Format entstand aus der Überlegung: Die Hochschule bietet viel Weiterbildung nach aussen an – warum sollten Mitarbeitende ihr Wissen nicht auch stärker untereinander weitergeben? Das Angebot wird weitergeführt.

Am konkretesten wird es beim ersten Treffen. Die Ausgangslage kommt vielen bekannt vor: Jede Aufgabe für sich wäre machbar. Alle zusammen werden zu viel.
Was dann hilft, klingt teilweise unspektakulär: Aufgaben an einem zentralen Ort sammeln. Zeit für wichtige Arbeit blockieren. Nach Sitzungen Zeit fürs Nacharbeiten reservieren. Pausen machen. Aufgaben verschieben oder absagen. Nein sagen lernen.

Gerade dieser erste Teil kommt bei vielen Teilnehmenden besonders gut an. In der Schlussrunde bezeichnen mehrere ihn als den konkretesten und nützlichsten Teil des Workshops; einzelne würden das Thema gerne noch vertiefen. Denn oft braucht Überforderung keine grosse Lebensanalyse. Es hilft bereits, eine bessere Aufgabenliste und eine realistische Agenda zu führen. Oder den Mut aufzubringen, etwas nicht zu tun.

Ohne Unsicherheit gäbe es wenig Neues zu lernen.
Der Workshop reicht indes weiter. Was tun, wenn nicht die Menge der Aufgaben das Problem ist, sondern wir nicht wissen, wie es weitergehen soll? Am zweiten Workshopabend geht es um Ungewissheit.
Zitzler sieht in Ungewissheit auch eine produktive Seite. Denn ohne Unsicherheit gäbe es wenig Neues zu lernen. Entscheidend sei, ins Handeln zu kommen: beobachten, reflektieren, den nächsten Schritt setzen. Dafür hat er ein schönes Wort: emporirren. Damit meint er, sich in überschaubaren Schritten voranzutasten, obwohl die perfekte Lösung noch fehlt.
In der Informatik verändern sich Technologien, Arbeitsweisen und Berufsbilder laufend. Wer sich weiterentwickeln will, muss mit Unsicherheit umgehen können.
Zitzler setzt immer wieder auf das Wissen der Gruppe. Erstaunlich schnell entsteht eine vertrauensvolle Stimmung: Die Mitarbeitenden tauschen Erfahrungen und Tipps aus, reflektieren gemeinsam und ergänzen ihre Perspektiven.

Beim dritten Treffen geht es nicht mehr primär um Agenden, Aufgaben oder Methoden. Die Fragen rücken näher: Was will ich eigentlich? Was sind meine Werte? Was bedeutet mir meine Arbeit?
Eine Übung bringt diese Auseinandersetzung besonders deutlich zum Vorschein. In kleinen Gruppen spricht jeweils eine Person drei Minuten lang. Die anderen hören zu. Keine Rückfrage, kein Kommentar, kein Widerspruch. Dann beginnt die nächste Runde.
Einige Teilnehmende erleben die Übung als intensiv und bereichernd. Für andere ist sie zu persönlich. Besonders heikel kann das Format werden, wenn Vorgesetzte und ihnen direkt unterstellte Mitarbeitende in derselben Gruppe sitzen. Genau diese Ambivalenz kommt auch in der Schlussrunde zur Sprache.
Nicht jede Methode passt zu jeder Person. Und nicht jeder Teil des Workshops wirkt für alle gleich gut. Auch diese unterschiedlichen Wahrnehmungen gehören dazu.
Post vom Chef: Mini-Experimente gegen Überforderung
Zwischen den drei Workshops schickte Eckart Zitzler den Teilnehmenden kleine Experimente für den Arbeitsalltag. Eine Auswahl:
Eine der wichtigsten Wirkungen des Workshops liegt vielleicht gar nicht in einer bestimmten Methode. In der Abschlussrunde sagt eine Teilnehmerin, es habe ihr geholfen zu sehen, dass sie mit ihrer Fragestellung nicht allein sei. Andere heben die offenen Gespräche und den Austausch über die eigenen Arbeitsbereiche hinaus hervor. Teilnehmende aus Lehre, Forschung, Administration und Kommunikation berichten von wertvollen Impulsen.
Der Workshop «Tanz mit der Überforderung» ist nicht das einzige Angebot rund um gutes Arbeiten, Gesundheit und persönliche Entwicklung. Die Hochschule Luzern und das Departement Informatik bauen ihre Unterstützung für Mitarbeitende im Bereich Selbstführung und Führung laufend aus. Dazu gehören etwa Intervisionsgruppen für kollegiale Beratung sowie Angebote, die Führungskräfte unterstützen und Führung am Departement weiterentwickeln.
Auch der Informatik-Blog hat bereits konkrete Hilfsmittel vorgestellt: Die Plattform rcc – relax, concentrate, create bündelt Tools und Methoden, die beim konzentrierten Arbeiten, beim Umgang mit Ressourcen und bei kreativen Aufgaben helfen.
Warum nicht auch neugierig und spielerisch mit Überforderung umgehen?
Damit macht der Workshop etwas, das zunächst unspektakulär klingt: Er macht Überforderung besprechbar. Er zeigt, dass der Umgang damit auch neugierig und spielerisch sein kann.
Das löst weder zu viele Aufgaben noch schwierige Rahmenbedingungen. Aber es verändert den Ausgangspunkt. Wer Überforderung versteckt oder nicht wahrnimmt, kann wenig an ihr ändern. Wer sie erkennt und benennt, beginnt, mit ihr umzugehen – allein, gemeinsam im Team und, wo nötig, auch auf Ebene der Organisation.
Ganz eindämmen lässt sie sich wohl nie. Dann bleibt immer noch das Emporirren.
Wir alle sind Lernende, egal, wie erfahren wir sein mögen.
Eckart Zitzler: Für meinen Kollegen Hans A. Wüthrich und mich stand am Anfang die Frage: «Was hätte uns in den vielfältigen Überforderungssituationen, die wir erlebt haben, rückblickend geholfen?» Wir wollten herausfinden, worauf es ankommt. Es ging uns darum, Essenzen und allgemeingültige Prinzipien herauszuarbeiten.
Herr Zitzler, Ihr Ansatz passt weder eindeutig zu Zeitmanagement noch zu Führung oder Persönlichkeitsentwicklung. Was ist «Tanz mit der Überforderung» für Sie?
Dabei war uns klar, dass es keine Sammlung von Methoden gibt, die – richtig angewendet – jegliche Art der Überforderung eliminiert. Vielmehr müssen wir einen klugen Umgang mit Überforderung finden, der höchst individuell und situationsabhängig ist. Ziel ist es, die eigene Handlungssicherheit zu stärken und die Selbstwirksamkeit zu erhöhen. «Tanz mit der Überforderung» ist für mich also ein immerwährender Lernprozess und Kompetenzaufbau.
Sie nennen Ihren Ansatz einen «Mutgeber» statt einen Ratgeber. Warum braucht es beim Thema Überforderung Mut?
Überforderung gehört längst zum Alltag. Sie begegnet Führungskräften ebenso wie Projektleitenden, Dozierenden, Mitarbeitenden in Servicebereichen oder künstlerisch tätigen Menschen. Mit Überforderung umgehen können wir nur dann, wenn wir ihr ins Auge schauen. Dazu braucht es Mut. Häufig fehlt aber die spezifische Kompetenz, Überforderung bewusst zu erkennen und mit ihr konstruktiv umzugehen. Erst wenn wir uns unser Überfordertsein eingestehen, öffnet sich der Weg zu souveräner Selbstführung.
Sie sprechen vom «Emporirren». Was müssen wir lernen, wenn wir wissen, dass wir viele Probleme von morgen heute noch gar nicht kennen?
Souveräne Selbstführung beruht darauf, eine eigene Expertise im Umgang mit Überforderungssituationen zu entwickeln. Sie entsteht dort, wo Wissen, Erfahrung und Handlungssicherheit zusammenwirken.
Wenn wir das Ganze etwas differenzierter betrachten, können wir drei Arten von Expertise unterscheiden: Routineexpertise, adaptive Expertise und Reflexionsexpertise. Routineexpertise schafft Sicherheit im Bekannten. Adaptive Expertise ermöglicht Orientierung im Unbekannten. Reflexionsexpertise sorgt dafür, dass wir uns selbst dabei nicht verlieren.
Sie haben am Schluss gesagt, dass auch Sie während des Workshops viel gelernt haben. Was nehmen Sie selbst daraus mit?
Gerade weil der «Tanz mit der Überforderung» so individuell ist, fördert der Austausch darüber immer wieder Neues, Überraschendes und auch Berührendes zutage. Und er führt mir immer wieder vor Augen: Wir sitzen alle im selben Boot. Wir alle sind Lernende, egal, wie erfahren wir sein mögen.
Redaktionelle Verantwortung: Gabriela Bonin
Veröffentlicht am: 29. September 2026

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