HSLU-Absolvent Silvan Vifian untersucht in seiner Bachelor-Arbeit, wie Deepfakes Strafverfahren beeinflussen und wie sie sich erkennen lassen. Seine wichtigsten Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen stellt er in einem Factsheet zum Download bereit.
Ein Überwachungsvideo zeigt eine Person am Tatort. Vor Gericht galt eine solche Aufnahme lange als starkes Beweismittel. Doch mit KI lassen sich Videos heute so manipulieren, dass die Veränderungen kaum mehr sichtbar sind. Kann die Justiz solchen Bildern noch trauen? Und welche Gefahren, aber auch Lösungsansätze kommen von der Technologie?
Diesen Fragen ging HSLU-Absolvent Silvan Vifian in seiner Bachelor-Arbeit «Erkennen von KI-generierten Videos und Deepfakes in der Strafverfolgung» nach. Er verfasste sie im Studiengang Artificial Intelligence & Machine Learning an der Hochschule Luzern – Informatik. Sein Befund: Deepfakes stellen Strafverfahren gleich doppelt vor Probleme.

DIE HERAUSFORDERUNG
Deepfakes sind Bilder, Videos oder Audiodateien, die mit generativer KI erstellt oder verändert wurden. Sie können reale Personen in Situationen zeigen, die so nie stattgefunden haben. Ihre Qualität ist inzwischen so hoch, dass wir Manipulationen mit blossem Auge kaum noch erkennen.
Das erste Problem liegt auf der Hand: Gefälschte Aufnahmen können als Beweismittel ins Verfahren gelangen. Ein Deepfake kann ein falsches Alibi stützen oder eine unschuldige Person belasten. Das ist kein Science-Fiction-Szenario mehr. Erste Gerichtsfälle sind bereits bekannt.
Das zweite Problem ist weniger offensichtlich, aber ebenso heikel: Beschuldigte können echtes, belastendes Material pauschal als KI-generiert bezeichnen. Im Rechtsbereich heisst diese Strategie «Liar’s Dividend». Schon die blosse Behauptung zwingt die Behörden zu zusätzlichen forensischen Abklärungen und kann Verfahren verzögern.
DER ANSATZ
Fertige Lösungen verspricht die Arbeit nicht. Sie schafft einen Überblick über den aktuellen Stand, rechtlich wie technisch.
Vifian untersuchte das Thema bewusst aus zwei Perspektiven. Auf der juristischen Seite analysierte er Literatur und Fälle. Er führte leitfadengestützte Interviews mit Fachpersonen aus der Universität und der IT-Forensik sowie mit leitenden Personen der Staatsanwaltschaft.
Parallel dazu prüfte er die technische Seite. Dafür erstellte er einen eigenen Testdatensatz. Reale Aufnahmen aus Überwachungskameras manipulierte er mit älteren und neueren KI-Modellen. Anschliessend testete er, wie aktuelle Deepfake-Detektoren mit realitätsnahem Material umgehen. Die Erkenntnisse aus beiden Bereichen fasste er in einem Factsheet für juristische Fachpersonen zusammen.
Bei Deepfakes reicht eine rein juristische Betrachtung nicht aus.
Ursula Uttinger, HSLU-Dozentin, Betreuerin der Bachelor-Arbeit und Juristin.
«Gerade bei Deepfakes reicht eine rein juristische Betrachtung nicht aus. Wer ihre Bedeutung für ein Strafverfahren beurteilen will, muss auch verstehen, wie solche Manipulationen entstehen und wie zuverlässig sie erkannt werden können», sagt Ursula Uttinger, Betreuerin der Bachelor-Arbeit.
WAS BRINGT’S?
Die technischen Tests zeigen ein Problem: Detektoren, die unter idealisierten Bedingungen sehr gut funktionieren, können bei anderen oder neuartigen Fälschungen deutlich schlechter abschneiden. Bei einem untersuchten Modell sank der sogenannte AUC-Wert von 96,3 auf 55,2 Prozent. Er zeigt, wie gut das Modell echte und manipulierte Videos unterscheiden kann. Ein Wert von 50 Prozent entspricht reinem Zufall. Für die Beweisführung vor Gericht hält die Arbeit rein algorithmische Detektoren deshalb derzeit nicht für ausreichend zuverlässig.
In der forensischen Praxis prüfen Fachpersonen deshalb weiterhin Metadaten und die Herkunft von Dateien. Für vertiefte KI-Analysen braucht es Fachpersonen mit Spezialwissen. Genau hier sieht Vifian einen möglichen Engpass.
Er leitet daraus drei Handlungsempfehlungen ab:
HINTER DER ARBEIT
Die Verbindung von Recht und Technik machte die Bachelor-Arbeit anspruchsvoll. Das Forschungsfeld der generativen KI ist breit und entwickelt sich schnell. Vifian musste deshalb zunächst einen klaren und praxisnahen Fokus setzen.
Auch technisch lief nicht alles nach Plan. Manche Open-Source-Pipelines nutzten veraltete Frameworks, waren lückenhaft dokumentiert oder liefen nur mit bestimmten Hard- und Software-Versionen. Deshalb scheiterten einige Experimente.
Juristisch stellte sich eine andere Frage: Wie gross ist die Gefahr durch Deepfakes im Schweizer Strafprozess tatsächlich? Noch ist die Bedrohung nicht akut: Bisher sind nur vereinzelte Fälle dokumentiert. Die befragten Fachpersonen schätzen das Potenzial jedoch als gross ein. Besonders relevant könnten Deepfakes bei organisierter Kriminalität und Wirtschaftskriminalität werden. Hinzu kommt das Liar’s Dividend: Schon der Zweifel an der Echtheit realer Aufnahmen kann Strafverfahren erschweren.
Vifian sieht zudem eine Schwachstelle in der Praxis: In Justiz und Forensik werde das Thema Deepfakes als Beweismittel noch zu wenig beachtet. Diese Einschätzung bestätigte für ihn, wie wichtig ein praxisnaher und interdisziplinärer Blick auf das Thema ist.
Mich reizte die Interdisziplinarität des Themas.
Silvan Vifian, Absolvent HSLU-Studiengangs Artificial Intelligence & Machine Learning
Gerade das Zusammenspiel von Technik, Recht und Gesellschaft machte das Thema für ihn besonders reizvoll: «Was mich besonders reizt, ist die Interdisziplinarität – technisches Wissen mit Recht und gesellschaftlichen Fragen zu verbinden, statt im eigenen Fach zu bleiben.»
Redaktionelle Verantwortung: Gabriela Bonin
Veröffentlicht am: 14. Oktober 2026
Factsheet zum Download: Gefahren und Handlungsempfehlungen zu Deepfakes
Für seine Bachelor-Arbeit hat HSLU-Absolvent Silvan Vifian das zweiseitige Factsheet «Deepfakes – Status quo und Handlungsempfehlungen im Strafrecht» erstellt. Es zeigt, welche Gefahren Deepfakes bergen, wie weit Generierung und Erkennung heute sind und was die Justiz tun kann. Dazu sagt Vifian: «Für mich ist die Arbeit damit nicht einfach abgeschlossen. Entscheidend ist, dass ihre Resultate die richtigen Stellen erreichen – etwa Strafverfolgung, digitale Forensik und Rechtswissenschaft.»
Deshalb arbeitet Vifian weiter an der Verbreitung seiner Ergebnisse. Neben diesem Beitrag sind weitere Publikationen in Fachzeitschriften geplant. Sein Ziel: Das Thema so sichtbar zu machen, dass die zuständigen Fachpersonen es aufgreifen.
Sein Factsheet richtet sich vor allem an juristische Fachpersonen und sensibilisiert für den Umgang mit synthetischen Medien.
Hier downloaden: «Deepfakes im Strafrecht – Status quo und Handlungsempfehlungen»
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