Wie können Schweizer KMU künstliche Intelligenz nutzen, sensible Daten schützen und die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern vermeiden? Diesen Fragen ging Jules Waldvogel in seiner Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern – Informatik nach. Der Absolvent des Studiengangs International IT Management entwickelte einen fünfseitigen Praxisleitfaden für KMU. Seine Arbeit erhielt die Bestnote. Der Leitfaden steht kostenlos zum Download bereit.
KI-Tools sind schnell im Einsatz. Mitarbeitende schreiben damit Texte, übersetzen Dokumente oder lassen Informationen zusammenfassen. Doch wer entscheidet, welche Daten in solche Tools gelangen dürfen? Wie misst ein Unternehmen, ob sich der Einsatz lohnt? Und was passiert, wenn es später den KI-Anbieter wechseln möchte?

DIE HERAUSFORDERUNG
Viele Mitarbeitende in Schweizer KMU nutzen künstliche Intelligenz. Doch oft bleibt der Einsatz auf einfache Anwendungen beschränkt. Mitarbeitende nutzen KI-Tools teilweise auf eigene Faust, ohne klare Regeln oder Wissen der Unternehmensleitung. Fachleute sprechen von «Schatten-KI».
Das kann Probleme schaffen. Vertrauliche Informationen gelangen möglicherweise an externe Anbieter. Zuständigkeiten bleiben unklar. Manche KI-Projekte scheitern, weil niemand festgelegt hat, welches Problem sie lösen und welchen Nutzen sie bringen sollen.
Auch die digitale Souveränität spielt eine Rolle: Unternehmen sollten selbst entscheiden können, welche KI-Anbieter sie nutzen und wie sie mit ihren Daten umgehen. Wer seine Abläufe eng mit einem bestimmten KI-Tool verknüpft, kann später beim Wechsel auf Schwierigkeiten stossen.
Zu viel aufs Mal automatisieren: KMU, die so vorgehen, verlieren schnell den Überblick.
Jules Waldvogel, HSLU-Absolvent, Bachelor of Science in International IT Management
Ein häufiger Fehler ist laut HSLU-Absolvent Jules Waldvogel, zu viel auf einmal automatisieren zu wollen: «Mehrere Interviews haben gezeigt, dass sich KMU, die so vorgehen, oft in der Komplexität verlieren und schliesslich aufgeben.» Er empfiehlt, mit ein oder zwei einfachen, kostengünstigen Anwendungen ohne sensible Daten zu beginnen und daraus zu lernen.
DER ANSATZ
Für seine Bachelor-Arbeit wertete Waldvogel Fachliteratur aus und führte neun Interviews. Er sprach mit Verantwortlichen aus Schweizer KMU sowie mit Fachpersonen, die Unternehmen beim KI-Einsatz begleiten. Darunter waren Expertinnen und Experten aus den Bereichen KI, Cybersicherheit und digitale Infrastruktur.
Er untersuchte, wie Unternehmen KI einsetzen, welche Hürden sie erleben und weshalb Projekte scheitern. Die Interviews wertete er systematisch aus und verglich wiederkehrende Aussagen. Daraus entwickelte er drei Leitgedanken: Unternehmen sollten mit einem konkreten Problem beginnen, klare Regeln für den Umgang mit Daten festlegen und KI-Anbieter sorgfältig auswählen.
WAS BRINGT’S?
Die Ergebnisse hat Waldvogel in einen kompakten Practical Guide for Swiss SMEs übersetzt. Der englischsprachige Leitfaden begleitet Unternehmen Schritt für Schritt bei ihrem ersten oder nächsten KI-Projekt.
Am Anfang steht ein kurzer Bereitschaftscheck:
Danach hilft der Leitfaden, einen konkreten Anwendungsfall zu planen, Datenrisiken einzuschätzen und passende Anbieter zu vergleichen. Zum Schluss zeigt ein Beispiel, wie ein Unternehmen KI während 30 Tagen testen und den Nutzen messen kann.
Der Practical Guide for Swiss SMEs von Jules Waldvogel ist als Arbeitsinstrument gedacht. Unternehmen finden darin Checklisten zum Abhaken und Felder zum Ausfüllen. Damit können sie Fragen klären, Risiken einschätzen und Entscheidungen festhalten.
Wie das funktioniert, zeigt ein Beispiel: Ein KMU verarbeitet monatlich rund 80 Lieferantenrechnungen. Eine KI soll die Rechnungsdaten erfassen, Mitarbeitende überprüfen die Ergebnisse. Das Ziel des 30-tägigen Tests: mindestens 40 Prozent Zeit sparen bei einer Fehlerquote unter 3 Prozent.
Waldvogel will den Leitfaden anhand von Rückmeldungen aus der Praxis weiterentwickeln. Künftige Versionen sollen auf seiner Website erscheinen. Du kannst ihn hier direkt als PDF downloaden.
Ursula Uttinger, Dozentin und Datenschutzexpertin an der Hochschule Luzern – Informatik, betreute die Bachelor-Arbeit. Auch sie betont die Bedeutung einer sorgfältigen Planung: «Der Einsatz von KI sollte strategisch geplant erfolgen; der Start ist oft einfach, die Kontrolle ist dann die Herausforderung.» Den Readiness-Check des Leitfadens hält sie gerade für KMU für ein gutes Hilfsmittel.
Der Start mit KI ist oft einfach, die Kontrolle ist dann die Herausforderung.
Ursula Uttinger, Dozentin und Datenschutzexpertin an der Hochschule Luzern – Informatik
HINTER DER ARBEIT
Die Interviews führte Waldvogel während eines Austauschsemesters in Seoul. Über rund zwei Monate sprach er online mit Fachpersonen in der Schweiz. Besonders überrascht hat ihn eine Aussage von Marc Pouly, Professor und Co-Leiter des Applied AI Research Lab der Hochschule Luzern. Er hat über 100 KI-Projekte mit Unternehmen begleitet. In seinen Anfangsjahren scheiterten Projekte vor allem an der Technik oder an fehlenden beziehungsweise mangelhaften Daten. In den letzten Jahren waren seiner Erfahrung nach hingegen fast immer kulturelle Faktoren im Unternehmen ausschlaggebend.
Diese Erkenntnis zeigt, wie wichtig die Mitarbeitenden und die Abläufe im Unternehmen beim KI-Einsatz sind.
Waldvogel möchte seinen Leitfaden weiterentwickeln. Erste Rückmeldungen von Interviewpartnerinnen und -partnern waren positiv, aber zu wenig konkret für Verbesserungen. Deshalb hat er erneut nachgefragt. Diesmal erkundigte er sich gezielt nach Schwachstellen und Empfehlungen, denen die Befragten widersprechen würden.
Künftige Fassungen des Leitfadens sollen auf DeployAI.ch erscheinen. Falls genügend Bedarf besteht, könnte daraus später ein umfassenderes Starter-Kit für Schweizer KMU entstehen.
Redaktionelle Verantwortung: Gabriela Bonin
Veröffentlicht am: 29. Oktober 2026
Das HSLU Applied AI Center unterstützt KMU: Im Applied AI Center bündelt die Hochschule Luzern angewandte Forschung, Dienstleistung, Lehre und Weiterbildung rund um angewandte Künstliche Intelligenz. Der Fokus liegt auf Lösungen für Schweizer Organisationen. Zusammen mit Unternehmen, NGOs und Forschungspartnern evaluieren und entwickeln die HSLU-Expertinnen und -Experten Modelle der Industrialisierung von Künstlicher Intelligenz. Sie vernetzen sich über die Grenzen der verschiedenen Stakeholder. Ihr Ziel: Mehrwert für die Schweizer Wirtschaft – und letztlich auch Gesellschaft – generieren.
Aus- und weiterbilden: Die Hochschule Luzern – Informatik bietet Bachelor- und Master-Studiengänge, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie Weiterbildungsangebote der Informatik und Wirtschaftsinformatik auf einem Campus.
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