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Achtsam zwischen Robotic Lab und Bauernhof

Achtsam zwischen Robotic Lab und Bauernhof
«Als Landbesitzer habe ich eine gewisse Verantwortung. Ich möchte mit der Natur arbeiten.»: Florian Herzog, Biobauer im Luzerner Seetal und Leiter des Cognitive Robotics Labs an der Hochschule Luzern.

Von Yasmin Billeter

Ein Informatiker wird Biobauer: Florian Herzog hat vor einem Jahr den Hof seiner Eltern im Luzerner Seetal übernommen. Ein Besuch verrät, was die beiden Welten verbindet.

Unter den knallblauen Himmel über dem Luzerner Seetal mischen sich ein paar Schäfchenwolken. Es riecht nach Früchten und warmem Gras. Florian Herzog führt über die Obstwiese hinter dem Bauernhaus. «Es ist Erntezeit», sagt der Leiter des Cognitive Robotics Labs. Vor einem Jahr hat er hier den Hof seiner Eltern übernommen: 14 Hektaren Land, wo er nebst Äpfeln, Birnen und Quitten auch Ackerbau betreibt.

Hofroboter? IoT-Hühnerhaus!

Seine Arbeitswoche zwischen Robotic Lab und Bauernhof gestaltet er flexibel, «je nach Wetter und Aufgaben». Dank einer flexiblen Arbeitgeberin und der Mitarbeit seiner Eltern ist das möglich. «Mein Vater war hier früher der Chef. Nun unterstützt er mich als Angestellter und kümmert sich um die Tiere, sie liegen ihm besonders am Herzen.»

Florian Herzog, Biobauer im Luzerner Seetal.
Florian Herzog, Biobauer im Luzerner Seetal.

Ob der Junior als Informatiker nun den Hof digitalisieren und mit Robotern auffahren würde, wurde er schon oft gefragt. «Dabei schätze ich die Handarbeit und will die Informatik nicht auf dem Hof ausleben.» Gleichzeitig gibt sie ihm Ideen; in manchem sieht er einen Mehrwert: So plant er gerade ein IoT-Hühnerhaus «mit automatischer Tür und Steuerung, die das Trinkwasser bei kälteren Temperaturen heizt, damit es nicht einfriert».

Cidre aus hofeigenen Früchten

Flink geht Herzog von einem Baum zum nächsten und erklärt, wie er sie im Frühjahr geschnitten hat. «Jeder Baum reagiert anders.» Die Früchte sind sein Kapital: Seit vier Jahren produziert er sauren Most, sogenannten Cidre.

Dass er den Hof übernehmen wird, hat sich über die Jahre abgezeichnet: «Ich fühlte mich dem Hof seit jeher verbunden und habe gerne mitgearbeitet.» Das Cidre-Projekt gab ihm noch den letzten Kick: «Neben der Umstellung auf die biologische Landwirtschaft, die ich eingeführt habe, war es mir wichtig, etwas Eigenes aufzubauen.»

Im Herbst wird gemostet. Den Saft lässt Herzog bis im nächsten Frühling vergären. Dann wird der Saft in den Tanks neu gemischt und mit Süssmost angereichert, «damit der Cidre eine schöne Süsse bekommt». Schliesslich füllt er seinen Herzögler Cidre in Flaschen. «Dort gärt er nach und wird anschliessend pasteurisiert.» Das Lager hat er in seiner Zweitwohnung in der Stadt. Von dort liefert er mit dem Velo an verschiedene Gastrobetriebe aus. Herzog profitiert vom Trend der Mikrobrauereien. «Vielleicht verdiene ich dieses Jahr zum ersten Mal etwas».

Wenn er tausend Flaschen von Hand etikettiere, denke er manchmal an den kollaborativen Roboterarm, scherzt Herzog. Bei diesem Forschungsprojekt ist er an der Mitentwicklung eines Roboterarms beteiligt, der in Fertigungsprozessen mit Menschen zusammenarbeitet. «So eine dritte Hand wäre manchmal schon praktisch».

Herzog führt auf dem Hof herum. Vom Raum, wo er den Cidre produziert und schwarze Kisten stapelt, nach hinten zu Stall und Weiden für ein Dutzend Mutterkühe mit Kälbern. Die Tiere liegen auf der Wiese, schauen interessiert oder dösen.

Sorge zur Natur

Dann steigen wir ins Auto und fahren die kurze Strecke zum «Trölete-Acker». Hier hat der Biobauer fünf weitere Hektaren Land. Dieses Jahr hat er zum ersten Mal ein Maisfeld angesät. Nicht von Hand versteht sich, sondern mit der Sämaschine. Er geht die Reihe hochgewachsener Pflanzen entlang, die ihn bei Weitem überragen. Der Mais wird von Stangenbohnen umrankt, «weil das eine gute Mischkultur abgibt». Sogar die Bauern aus der Umgebung würden sein schönes Bio-Maisfeld loben, sagt Herzog und freut sich.

Ein paar Meter weiter strecken wilde Möhre, Schafgarbe, Mohnblumen und andere Wildblumen ihre Köpfe. Zu unseren Füssen summt es. Die Blumen sind Teil eines Ackerkrautsaums. Herzog hat ihn im Frühjahr angesät und viele Stunden Unkraut gejätet, um aus dem Ackerboden eine Blumenwiese zu machen. «Wenn man schaut, wie stark gewisse Insekten- und Vogelarten zurückgegangen sind, finde ich das schon beunruhigend.» Mit dem Ackerkrautsaum fördert er die Biodiversität.

Landwirtschaft: Handarbeit und Robotik

Florian Herzog geht es vor allem darum, die Natur zu achten: «Als Landbesitzer habe ich eine gewisse Verantwortung. Ich möchte mit der Natur arbeiten.» Dies tut er etwa, indem er natürliche Feinde von Schädlingen fördert: «Mit Asthaufen biete ich Wieseln Unterschlupf.» Diese gelten als natürliche Feinde der Mäuse, welche mit Vorliebe Baumwurzeln fressen. «Vieles im Biolandbau ist Handarbeit», erklärt Herzog. Auch das Stechen der fast unverwüstlichen Blacken mit ihren langen Wurzeln. Gleichzeitig sagt er: «Die Landwirtschaft ist Pionierin in Sachen Robotik. Selbstfahrende Fahrzeuge gibt es hier schon lange. Ich kenne die Anforderungen und Probleme aus der Praxis auf dem Hof und sehe die Anwendungsfelder aus meiner Perspektive.»

Wie findet es eigentlich der Vater, dass er manches anders macht?

«Mein Vater sieht im ersten Moment oft den Mehraufwand. Ich muss ihn dann überzeugen, dass es sich lohnt. Das ist verständlich. Er machte es jahrelang auf seine Art, und dann komme ich und sage, jetzt machen wir es anders. Doch er akzeptiert es. Es ist schön, dass es weitergeht und ich mich hier auch in Zukunft sehe und das Werk meiner Eltern weiterführe.»

Was sind sonst noch Projekte?

«Ich fände es spannend, Öl herzustellen. Aus Raps, Baumnüssen, Leinsamen oder Mariendisteln.» Jetzt wisse er ja, wie man etwas abfülle, sagt Herzog und schmunzelt. Aktuell befindet sich der Peyerhof noch in der Umstellung auf den Biobetrieb. Deswegen baut Herzog nur Futtergetreide an. Später würde er es gerne auch mit Brotweizen oder Dinkel versuchen. Es stelle sich auch die Frage, wie es mit den Tieren weitergehe: «Ich muss mich entscheiden, ob ich ganz hierhin ziehe, um gut für die Tiere sorgen zu können, oder ob ich sie verkaufe.»

Krasser Kontrast, guter Ausgleich

Kurz vor dem Abschied führt Herzog durch den von seiner Mutter gepflegten Garten voller Blumen, Früchte und Gemüse vor dem Haus. Wir probieren ein paar Trauben. Er brauche beide Welten, sagt er. Die Arbeit an der Hochschule möchte er nicht missen: «Sie ist sehr vielseitig. Ich habe spannende Projekte mit Einblick in verschiedene Industrien und schätze diese völlig andere Welt.»

Auch die Arbeit mit Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden im Robotics Lab macht ihm Spass: «Sie lernen dort von mir, wie man intelligente Maschinen programmiert.» Auch hier hat er seine Prinzipien: «Ich finde es wichtig, etwas Sinnvolles mit der Technologie zu machen und sich der Nachteile und Gefahren wie Überwachung oder Verlust von Arbeitsplätzen bewusst zu sein.»

Auf dem Hof sind die Veränderungen klein: «Heute habe ich zum ersten Mal die mit Elektromotor betriebene Auflese-Maschine getestet.» In der Apfelernte stecke aber trotzdem noch viel Handarbeit. Florian Herzog macht sie gerne.

Seit 5 Generationen ist der Peyerhof im Besitz seiner Familie.

Naturverbundener Informatiker: Florian Herzog studierte Biotechnologie und Bioinformatik. Heute leitet er das Cognitive Robotics Lab der Hochschule Luzern. Bevor er den elterlichen Hof in Schongau LU übernahm, machte er eine Ausbildung zum Landwirt im Nebenerwerb.

Zur Serie «Doppelleben»: Wir zeigen Mitarbeitende mit aussergewöhnlichen Hobbys oder Berufen. Den Start macht Florian Herzog, Biobauer und Leiter des Cognitive Robotics Labs

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