Ob Schlafqualität oder Stresslevel: Aspekte der Gesundheit, die früher dem eigenen Körpergefühl überlassen wurden, tracken wir heute mit sogenannten Wearables in Echtzeit-Daten. Doch je mehr technisch möglich wird, desto häufiger stellt sich die Frage: Wo sind welche digitalen Lösungen sinnvoll? Damit beschäftigen sich neue HSLU-Weiterbildungen in Digital Health. Initiator Manuel Brunner ordnet ein und erklärt, weshalb es jetzt Übersetzende braucht.
Bodybattery, Blutzucker-App, KI-Laufcoach: Gesundheit ist heute messbar, vergleichbar und dauerhaft beobachtbar. Der jährliche Ganzkörper-Check gehört längst zum Standardangebot vieler Spitäler. Er zeigt schwarz auf weiss, wie es um die eigene Gesundheit steht. Das Credo lautet gesund bleiben.
Während Gesundheitsinstitutionen früher in erster Linie zur Heilung aufgesucht wurden, sind sie heute Anlaufstellen, um die Gesundheit zu erhalten, Risiken früh zu erkennen und präventiv zu handeln. «Wir erleben einen Paradigmenwechsel», bestätigt Manuel Brunner, Produktmanager Informatik im Luzerner Kantonsspital und Initiator der HSLU-Weiterbildungen in Digital Health. Gesundheit wird nicht mehr nur geschützt, sondern performt. Trendbegriffe wie Longevity (dt. Langlebigkeit) und Healthism (dt. Gesundheitssorge) stehen sinnbildlich für diese Entwicklung.
Wie weit Gesundheitstrends reichen können, zeigt ein Beispiel: Genanalysen lassen bereits Aussagen über den künftigen Alterungsprozess zu – bis hin zur Frage, wann die eigenen Haare ergrauen. Doch nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. «Weil wir uns heute in der Hype-Phase befinden, werden solche Entwicklungen von der Mehrheit noch nicht gross hinterfragt. Sobald wir diese Phase überschritten haben, werden Kosten und Nutzen abgewogen. In der Folge werden heutige Lösungen wieder verschwinden, weil sie nicht den erhofften Nutzen bringen», gibt Brunner zu bedenken. «Wir leben in einer Überdigitalisierung und müssen lernen, wo Digitalisierung einen Mehrwert bringt, und dann einen vernünftigen Umgang mit ihr finden», ergänzt er. Entscheidend sei, dass wir nach der Hype-Phase das sogenannte Plateau der Produktivität erreichten.
Gerade an der Schnittstelle, wo Technologie auf Gesundheit trifft, ist die Digitalisierung hochaktuell. Denn digitale Gesundheitslösungen können auch für echten Fortschritt stehen: Echtzeit-Analysen, datenbasierte Entscheidungen, frühere Interventionen und eine stärker vernetzte Versorgung.

Die Gesundheitsbranche war viele Jahre von der sogenannte Digitization geprägt, das heisst: Analoge Elemente wurden 1:1 in eine digitale Version ihrer selbst überführt, wobei viel Potenzial der digitalen Welt ungenutzt blieb. Heute bewegt sich die Branche im Handlungsfeld der Digitalization. Sie steht für die Anpassung von Prozessen und den Aufbau neuer digitaler Lösungen. In der Folge erlebt die Branche eine Transformation. «KI ist ein wichtiger Teil davon, aber nur dann, wenn sie gesamtheitlich betrachtet und smart eingesetzt wird», ergänzt Manuel Brunner. Für eine nachhaltige Digitalisierung brauche es Personal mit digitaler Kompetenz und einer umfassenden Systemsicht.
Wird im Gesundheitswesen digitalisiert, treffen branchenspezifische Eigenheiten, komplexe Versorgungssysteme und digitale technologische Lösungen aufeinander. Um diese Schnittstelle zu bearbeiten, muss man beide Welten verstehen: das Gesundheitswesen und die IT. Manuel Brunner führt aus: «Du bemerkst sofort den Unterschied, wenn das Gegenüber dich und deinen Bereich versteht. Es ist wichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden. Denn die Digitalisierung scheitert selten an der Technik, sondern oft am fehlenden Verständnis zwischen den Disziplinen.»
Die Digitalisierung scheitert selten an der Technik, sondern oft am fehlenden Verständnis zwischen den Disziplinen.
Eine vielversprechende Lösung ist das Berufsprofil der Medizininformatikerinnen und Medizinformatiker. Als eine Art Übersetzerin ist diese Rolle fähig, die Schnittstelle zu managen – intern innerhalb von Organisationen aber auch zu externen Partnern, national und international.
Medizininformatik-Fachleute beschäftigen sich mit der digitalen Verarbeitung und technischen Nutzung von medizinischen Informationen und Daten. Sie betreiben Informationssysteme von Krankenhäusern, bieten digitale Tools für die klinische Entscheidungsunterstützung an und schützen elektronische Patientenakten.
Medizintechnik Im Unterschied zur Medizininformatik beschäftigt sich die Medizintechnik mit der technischen Ausstattung. Medizintechnikerinnen und Medizintechniker begleiten den gesamten Lebenszyklus eines Medizinproduktes von der Forschung über den Einsatz bis zur Ausserbetriebnahme. Die HSLU bietet auch einen Bachelor in Medizintechnik an.
Durch die Vernetzung und Digitalisierung müssen Medizintechnik und -informatik stärker zusammenarbeiten. Wird ein neues Gerät durch die Medizintechnik eingeführt, sorgt sich die Medizininformatik um die digitale Einbettung ins Gesamtsystem – unter anderem zur weiterführenden Datenverarbeitung.
Die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen und den Bedarf an Fachpersonal nimmt die Hochschule Luzern zum Anlass, neue Weiterbildungsprogramme zu entwickeln. Gemeinsam mit Oliver Gilbert, Co-Themenfeldleiter Digital Transformation, fördert Manuel Brunner die Weiterbildung in Digital Health Transformation. Unter dem Dach des neuen MAS Medizininformatik finden Fach- und Führungskräfte verschiedene Bildungswege passend zu ihrer Ausgangskompetenz.
Brunners Engagement kommt nicht von ungefähr: «Ich erlebe tagtäglich, was uns an Fachwissen und Personal im Gesundheitssektor fehlt. Deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen, unser Praxiswissen aus dem LUKS in diese Weiterbildungen zu tragen. Wir entwickeln aus der Praxis für die Praxis, gespickt mit aktuellen Erfahrungen aus dem Berufsalltag.»

Manuel Brunner ist Initiator des CAS Digital Healthcare, welches seit 2023 an der HSLU angeboten wird. Aufgrund der Nachfrage nach einem übergeordneten MAS-Programm baute Manuel Brunner gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das Weiterbildungsangebot aus. Für ihn ist es naheliegend, dass das Luzerner Kantonsspital (LUKS) die Weiterbildung von Gesundheitspersonal fördert und mitentwickelt. Angebote aus der Praxis für die Praxis, gespickt mit Hands-on-Erfahrungen aus dem Berufsalltag. Bereits vor Jahren hat das LUKS im DACH-Raum eine Pionierrolle eingenommen, als es das Klinikinformatiksystem Epic einführte. Inzwischen ziehen andere Organisationen in der Schweiz und Deutschland nach.
Neben technologischem Know-how und Systemwissen fokussieren die neuen Weiterbildungen auf ethische Fragestellungen. Denn die Digitalisierung verändert nicht nur Prozesse und Schnittstellen, sondern prägt auch den Umgang mit Patientinnen und Patienten.
Ein aktuelles Beispiel aus dem Alltag von Manuel Brunner zeigt die Gratwanderung: Ein digitales Tool nimmt das Gespräch zwischen einem Arzt und seinem Patienten auf. Mithilfe von generativer Künstlicher Intelligenz transkribiert das Tool die Daten in die Form eines medizinischen Berichts. Obwohl der Inhalt korrekt wiedergegeben ist, fehlt dem Arzt im Bericht etwas: Es ist die Empathie, die im zwischenmenschlichen Dialog geschieht.

Trotzdem hält Brunner fest: «Gesundheitsdaten nicht zu digitalisieren, ist keine Option. Es gibt zu viele Risiken, wie falsche Medikation wegen unleserlicher Handschriften oder eine fehlende Aufzeichnung zur Medikamentenabgabe.» Durch die Nutzung sensitiver persönlicher Daten kommt man jedoch nicht um die Fragen des Datenschutzes herum.
Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten, die es zu schützen gilt. Im Alltag hinterfragen besonders die jüngeren Generationen, was mit ihren Daten passiert. Paradoxerweise sind es gerade junge Patientinnen und Patienten, die ihre Gesundheitsdaten online erfassen, mit App-Anbietern teilen oder ihre Symptome mit KI-Sprachassistenten spiegeln. «Im Gesundheitswesen begegnen wir damit Patientinnen und Patienten, die bereits im Vorfeld einer ärztlichen Konsultation ihre Gesundheitsdaten kennen», erklärt Brunner. «Wir haben es mit einer neuen Form von Mündigkeit zu tun. Und auf solche Entwicklungen müssen wir als Gesundheitsorganisation reagieren.»
Die Digitalisierung verändert nicht nur die Werkzeuge, sondern auch das Verständnis von Gesundheit und die Versorgung. Wichtig ist für Manuel Brunner deshalb die Einordnung: Digitalisierung bedeute nicht, dass künftig ein Roboter alles automatisch erledige. Es brauche vermehrt Menschen mit digitalen Kompetenzen, um digitale Lösungen mitzugestalten. Das zeigten bereits heute Entwicklungen wie das elektronische Patientendossier und die Digitalisierung von Arztpraxen.
Die Zukunft des Gesundheitswesens entscheidet sich deshalb nicht allein an neuen Tools, sondern an der Fähigkeit, sie klug in bestehende Systeme und in den menschlichen Alltag zu integrieren. An dieser Stelle braucht es Fachpersonen, die Technik, Prozesse und Versorgung zusammen denken. Und die Frage beantworten, wie die Transformation des Gesundheitswesens langfristig gestaltet wird.
Veröffentlicht: 28. Mai 2026
Von: Michèle Rath
Weiterbildungen in Digital Health Die digitale Transformation des Gesundheitswesens gestalten
Diese Weiterbildungen der Hochschule Luzern richten sich an Personen, die ihr Fachwissen im Bereich der digitalen Transformation im Gesundheitswesen erweitern und vertiefen möchten.
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