«Gute Forschung braucht Freude am Experimentieren und Problemlösen»

«Gute Forschung braucht Freude am Experimentieren und Problemlösen»
Kulturgenuss nach getaner Arbeiter: Eckart Zitzler besuchte im Anschluss an die IMST-Tagung die temporäre Ausstellung «For Forest» im Klagenfurter Stadion.

By Yasmin Billeter

Ehrgeiz, Spieltrieb, hohe innere Motivation: Laut Eckart Zitzler sind diese Eigenschaften wichtig, um gute Lösungen zu finden. Der neue Vizedirektor und Leiter Forschung der Hochschule Luzern – Informatik über intrinsisch motivierte Forschung, die den Menschen im Zentrum sieht.

Fährst du, wie man munkelt, tatsächlich bei Wind und Wetter immer mit dem Velo zur Arbeit?

Naja, nicht ganz. Ich pendle von Bern nach Luzern und fahre dann mit dem Velo der Reuss entlang nach Rotkreuz. Aufgewachsen bin ich in Münster, einer der Velostädte in Deutschland. Das Radwegenetz ist dort sehr gut ausgebaut. Alle fahren mit dem Velo, insofern bin ich es gewohnt, mich Rad fahrend zu bewegen – bei jedem Wetter. Und es ist gleichzeitig mein Sport. Ich brauche Bewegung, um intellektuell und kreativ produktiv zu sein.

«Ich hatte schon immer drei berufliche Standbeine: Informatik, Interdisziplinarität und Bildung.»

Du warst zuvor neun Jahre an der Pädagogischen Hochschule Bern tätig, zuletzt als Dozent und Bereichsleiter Medien und Informatik. Was ist der grösste Unterschied zu deiner jetzigen Stelle?

Ich hatte schon immer drei berufliche Standbeine: Informatik, Interdisziplinarität und Bildung. Die letzten neun Jahre stand die Bildung im Fokus. Zuvor habe ich 13 Jahre an der ETH Zürich auf dem Gebiet der Systemoptimierung geforscht, vor allem an der Nahtstelle zwischen Informatik und Biologie – die Bildung hat eine untergeordnete Rolle gespielt. Meine jetzige Stelle erlaubt mir, diese drei Dinge zu verknüpfen. Beispielsweise war ich kürzlich in Klagenfurt an der IMST-Tagung („Innovation machen Schulen top!“), an der ich ein Hauptreferat zur fachübergreifenden informatischen Bildung gehalten habe.

Was sind deine Aufgaben als Leiter Forschung?

Ich vertrete die Forschung als Ganzes und versuche möglichst gute Rahmenbedingungen zu gewährleisten, damit die Teams sich auf die inhaltliche Arfbeit konzentrieren und gute Wissenschaft betreiben können. Ich bin auch eine Art Aussenminister, pflege Kontakte und sorge dafür, dass das Departement Informatik mit seiner starken Forschung wahrgenommen wird. Die Konkurrenz ist gross, deshalb müssen wir uns gut aufstellen. Gleichzeitig möchte ich selber auch meinen Forschungsbeitrag leisten. Ob dies im Systemoptimierungs-, im Bildungsbereich oder anderswo ist, wird sich zeigen. 

Welche Ziele hast du?

Mir ist es ein Anliegen, dass die Mitarbeitenden gerne hier arbeiten, weil wir gute Sachen machen. Gute Forschung erfordert nicht nur Können und Ehrgeiz, sondern auch Freude: am Experimentieren, am Problemlösen, am Zusammenarbeiten, am Lernen usw. Daher möchte ich flexible und agile Teams, kein starres System. Auch sollen die Industriepartner wissen, dass die Hochschule Luzern – Informatik eine sehr gute Adresse ist.

Was ist die Herausforderung an der Forschung in der Informatik im Vergleich zu anderen Disziplinen?

Die enorme Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung. Diese betrifft zwar fast alle Bereiche, in der Informatik ist sie jedoch besonders ausgeprägt. Entsprechend ist es schwierig, gute Mitarbeitende zu finden und dann zu halten. Die Konkurrenz im wissenschaftlichen Bereich und in der Industrie ist sehr hoch.

«Forschung ist kreative Denk- und Wissensarbeit und kann nicht auf Knopfdruck geleistet werden.»

Die Forschung an einer Fachhochschule ist stark ökonomisiert. Wie wirkt sich das aus?

In der anwendungsorientierten Forschung besteht ein allgemeiner Konflikt: Forschung ist kreative Denk- und Wissensarbeit und kann nicht auf Knopfdruck geleistet werden. Um wirklich gute Sachen zu machen, müssen die Forschenden Freiheiten haben und ihre Zeit selbst einteilen können. Ein grosser Vorteil davon, dass wir mit der Industrie zusammenarbeiten, ist hingegen, dass wir nahe an den relevanten Problemen dran sind.

Von künstlicher Intelligenz bis zu Virtual Reality oder Blockchain – wie gelingt es, die unterschiedlichen Forschungszweige am Departement Informatik zu vereinen?

Es ist nicht das Ziel, aus allem eins zu machen. Jedoch ergeben sich ganz natürliche Schnittstellen. Es macht Sinn, dass wir diese Themenfelder besetzen und weiter ausbauen, weil wir dort eine Expertise haben. Beispielsweise spielen in vielen KI-Anwendungen die Themenfelder Data Science, maschinelles Lernen und Security hinein, wenn aus grossen, sensitiven Datenmengen Zusammenhänge abgeleitet werden sollen.

Du hast zwei Informatik-Sachbücher für Nicht-Informatiker herausgegeben. Was hat dich dazu motiviert?

Um die Informatik kommt heute niemand mehr herum. Ich wollte einen einfachen, verständlichen und fundierten Einstieg in das Thema bieten. Beim ersten Buch «Dem Computer ins Hirn geschaut» erkläre ich anhand biologischer Konzepte, wie die Informatik funktioniert, und zeige Parallelen zwischen natürlicher und künstlicher Informationsverarbeitung auf. Herausgekommen ist ein dickes Werk, eine Fundgrube. Das zweite Buch «Basiswissen Informatik» bündelt diese Erkenntnisse in kompakter Form und richtet sich insbesondere an Lehrpersonen und alle die ein Basiswissen in Informatik erwerben wollen.

«Es braucht Ehrgeiz, Spieltrieb, grosse Lust und eine hohe innere Motivation, um lange zu tüfteln, bis man eine gute Lösung hat.»

Welche Rolle spielen Menschen und Emotionen in der Forschung?

Wir sind eine menschliche Organisation, und die Menschen sind das Zentrale am Ganzen. Forschung ist stark intrinsisch motiviert. Es braucht Ehrgeiz, Spieltrieb, grosse Lust und eine hohe innere Motivation, um lange zu tüfteln, bis man eine gute Lösung hat. Der Vorteil am Departement Informatik ist, dass wir in Teams arbeiten und gemeinsam Erfolge erzielen, die wir als Einzelpersonen nicht erreichen könnten. Das ist ein schönes Gefühl.

Danke für das Gespräch!

Zur Person

Eckart Zitzler, geboren 1970 in Münster, studierte Informatik mit den Nebenfächern Psychologie und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Oldenburg, Dortmund und Bochum. Er absolvierte die Ausbildung zum Informatiklehrer an der ETH Zürich und promovierte dort am Departement Elektrotechnik im Themengebiet Evolutionäre Algorithmen. Anschliessend vertiefte er seine Forschungs- und Lehrtätigkeiten an der Nahtstelle von Informatik und Biologie, unter anderem am Institute for Systems Biology in Seattle, und arbeitete über sechs Jahre als Assistenzprofessor an der ETH Zürich. Sein Interesse für didaktische Themen führte ihn schliesslich an die Pädagogische Hochschule Bern, wo er neun Jahre als Dozent tätig war und den Bereich Weiterbildungslehrgänge sowie den Bereich Medien und Informatik geleitet hat. Neben seiner Tätigkeit als Vizedirektor und Leiter Forschung am Departement Informatik der Hochschule Luzern unterrichtet er das Fach Informatik am Freien Gymnasium Bern.

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