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27. November 2019

Hebelwirkung für Geflüchtete mit IT-Talent

Hebelwirkung für Geflüchtete mit IT-Talent
Unterrichtsassistentin Heba Said engagiert sich bei "Powercoders" für die IT-Ausbildung geflüchteter Menschen.

By Yasmin Billeter

In Zürich unterstützt unsere Assistentin Heba Said geflüchtete Menschen mit IT-Talent, in Emmenbrücke Informatik-Studierende der Hochschule Luzern: Die Unterrichtsassistentin macht junge Menschen fit für eine erfolgreiche IT-Karriere.

Zahlreiche Geflüchtete bringen gute berufliche Qualifikationen mit sich, wenn sie in die Schweiz gelangen. Sie verstehen bereits etwas von Informatik, haben Talent und einen starken Integrationswillen: Der Berner Verein «Powercoders» bietet ihnen die Möglichkeit, sich gezielt in Informatik weiterzubilden.

Eine der Trainerinnen bei Powercoders ist die aus Ägypten stammende Heba Said. Sie unterstützt die Geflüchteten in Freiwilligenarbeit und arbeitet als Unterrichtsassistentin im Departement Informatik der Hochschule Luzern.

Hohe Qualifikationen schützen nicht vor hohen Hürden

Said arbeitet ehrenamtlich, weil sie ihre Erfahrungen mit anderen teilen möchte, die noch um eine erfolgreiche Integration kämpfen: «Ich weiss, wie es sich anfühlt, in einem Land fremd zu sein», sagt Heba Said, die mittlerweile Schweizer Bürgerin ist. «Deshalb hatte ich schon lange das Bedürfnis, geflüchtete Menschen hierzulande zu unterstützen.» Die zweifache Mutter und ihr ebenso hoch qualifizierter Mann zogen vor 16 Jahren in die Schweiz. Trotz Deutschkenntnissen und abgeschlossenem Informatik-Studium bekam Said etliche Absagen auf ihre Stellenbewerbungen. «Es ist selbst für gut ausgebildete Fachleute mit anerkannten Zertifikaten schwer, im Schweizer System Fuss zu fassen», sagt Said, die in der Schweiz einen Master of Information Systems im Fernstudium abgeschlossen hat. Zuvor hatte sie in Kairo einen Bachelor in Computer Engineering gemacht und ebenso in Ägypten als Webentwicklering für den japanischen Technologiekonzern Fujitsu gearbeitet. 

Unterrichtassistentin im Studiengang Digital Ideation

Über ein Praktikum beim Berufsinformationszentrum (BIZ) des Amts für Berufsberatung des Kantons Zugs schaffte sie schliesslich den Einstieg in die Praxis. Heute arbeitet sie als Unterrichtsassistentin für den Studiengang Digital Ideation der Hochschule Luzern – Informatik. Als sie vom Engagement von Powercoders erfuhr, war ihr sofort klar: Auch sie wollte ihre Kenntnisse an geflüchtete Menschen weitergeben.

Workaround für gut ausgebildete Flüchtlinge

Powercoders bietet dreimonatige Programmier-Kurse für Geflüchtete. Ebenso hilft der Verein den Teilnehmenden, anschliessend eine Praktikumsstelle in einer IT-Firma zu finden, und sorgt dafür, dass sie von einem Job Coach unterstützt werden. «Powercoders will den Weg für eine schnelle Integration ebnen», erklärt Said, «das Programm bringt gut ausgebildete Flüchtlinge voran, damit sie sich so schnell wie möglich integrieren können». Dabei müssen die Geflüchteten nicht zwingend IT-Vorkenntnisse vorweisen. Sie sollen aber eine Leidenschaft für die Informatik, eine schnelle Auffassungsgabe und gute Englischkenntnisse mitbringen.

Die Kursteilnehmenden sind hoch motiviert

Der Verein prüft ihre Kenntnisse in einem Eignungstest. Schaffen sie es schliesslich, in das dreimonatige Programm aufgenommen zu werden, so können sie auf die Unterstützung vieler Freiwilliger wie jener von Said zählen. Vormittags absolvieren die Teilnehmenden bei Powercoders jeweils einen Theorieblock über Webentwicklung. Am Nachmittag arbeiten sie an ihren eigenen Webseiten und machen Übungen dazu – unter anderem mit der fachkundigen Unterstützung von Heba Said.

IT-Talente können aus allen Weltgegenden stammen

«Während den Pausen erzählen mir die Kursteilnehmenden manchmal von ihren Schicksalen und Fluchtwegen», sagt Said. Sie stammen zum Beispiel aus Afghanistan, Syrien oder Eritrea – «IT-Talente können von überall her kommen», weiss sie. Alle Teilnehmenden teilen einen grossen Wunsch: «Sie möchten sich in der Schweiz sicher fühlen und integrieren». Und noch etwas eint sie: «Sie sind hoch motiviert.»

Skepsis trotz Kampf um IT-Talente

Das wären eigentlich ideale Voraussetzungen in einer Branche, in der ein Kampf um IT-Talente herrscht. Dennoch seien viele potenzielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber noch skeptisch, so Said. Es sei nicht einfach, genügend Praktikumsplätze für die Teilnehmenden zu finden.

Ich liebe das Coding. Es gibt dabei keine Einschränkungen, solange man logisch konsistente Lösungen anstrebt

Der Verein Powercoders arbeitet dennoch unentwegt auf sein erklärtes Ziel hin: Er will gut ausgebildete Flüchtlinge dauerhaft in IT-Unternehmen und -Abteilungen vermitteln. Das ist herausfordernd. Aber die guten Zahlen sprechen für den Verein. Bislang konnte er für 97 Prozent aller Teilnehmenden ein Praktikum sichern. Für 60 Prozent dieser Praktikantinnen und Praktikanten wurde wiederum eine Anschlusslösung gefunden. Diese geflüchteten Frauen und Männer arbeiten nun in einer festen Anstellung, absolvieren eine IT-Lehre oder ein IT-Studium.

Saids grosse Leidenschaft für logisch konsistente Lösungen

Im Kontrast zu ihrer Arbeit mit den Geflüchteten steht Saids Tätigkeit an der Hochschule Luzern. «Dies ist etwas ganz anderes», sagt sie schmunzelnd. Hier begeistert sie die interdisziplinäre Ausrichtung des Studiengangs Digital Ideation: «Dadurch, dass die hier studierenden Informatikerinnen sehr logisch und die Designer sehr kreativ denken, entstehen bei uns aussergewöhnliche Ideen und Projekte.» Said hat sich selbst immer eher im technischen Bereich zu Hause gefühlt: «Ich liebe das Coding. Es gibt keine Einschränkungen bei der Programmierung, man muss sich nur eine logisch konsistente Lösung vorstellen.»

Ägyptische Berufsfrauen sind gleichberechtigt

Dass Frauen in der Schweizer Informatik-Branche eine Minderheit sind, hat sie anfangs sehr erstaunt. «In Ägypten gibt es diese Geschlechterungleichheit nicht. Frauen sind dort ebenso in technischen Berufen anzutreffen wie Männer», sagt Said. Auch seien die Rollenbilder, die in der Schweiz herrschten, anders als jene in Ägypten: So erwarte in ihrem Heimatland beispielsweise kaum jemand, dass eine Mutter bei Herd und Kindern bleibe oder ihre Arbeitstätigkeit reduziere. «In Ägypten arbeiten die meisten Frauen Vollzeit, Mütter ebenso. Die Kinder besuchen eine Tagesschule oder sind oft bei den Grosseltern.»

Heba Said weiss aber auch um die Vorzüge des Schweizer Systems. Sie lebt gerne hier, ihre vierköpfige Familie ist hier heimisch geworden. Said schätzt insbesondere das hiesige Ausbildungssystem. Es gefällt ihr, wie gut das Land organisiert, und wie das Leben in der Schweiz ruhig und sicher ist. Sie hofft, dass geflüchtete Menschen, die viel durchgemacht haben, ebenso eine derartige Perspektive erhalten: «Sie brauchen unsere Unterstützung und Solidarität.»

Wege zur Informatik-Ausbildung

Der Berner Verein Powercoders bietet geflüchteten Menschen dreimonatige IT-Ausbildungsprogramme an. Folgen Sie Powercoders auf LinkedIn.

Die Hochschule Luzern – Informatik bietet Bachelor- und Master-Studiengänge, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie Weiterbildungsangebote der Informatik und Wirtschaftsinformatik auf einem Campus. Prüfen Sie das Angebot des Studiengangs Digital Ideation: Das ist eine zeitgemässe gestalterische Ausbildung auf dem Gebiet der Informationstechnologie. Im Zentrum steht ein kreativer Umgang mit der Informatik, der auf aktuellen Designmethoden beruht.

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