Gesundheitswesen muss digital aufrüsten

Gesundheitswesen muss digital aufrüsten
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommt seit vielen Jahren nicht so recht voran. Gleichzeitig sind steigende Kosten ein Dauerthema.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steckt noch in den Kinderschuhen. Warum das so ist, was jetzt zu tun wäre und warum es für das elektronische Patientendossier keine Erfolgsgarantie gibt. 

«Wieso tun wir uns so schwer mit der Digitalisierung?», fragte Hans-Peter Christen am vergangenen Community im Gespräch: Digitalisierung im Gesundheitswesen. Als ehemaliger Präsident der Spitex Stadt Luzern kennt der Software-Hersteller beide Seiten und zeigte auf, was Heilsbringer oder Brandbeschleuniger in diesem Prozess sein könnten. 

Die Brandbeschleuniger

  • Eine Vielzahl von «Standards» um das gleiche Problem zu lösen. (Beispiel: Unterschiedliche Abrechnungsmechanismen pro Kanton, teilweise pro Stadt!)
  • Infrastruktur-Aufgaben «dem Markt» überlassen
  • «Heimatschutz» in einer globalisierten Welt. (Beispiel: Software Rechteinhaber erzwingen die Nutzung ihrer Software mit mangelhaften Schnittstellen zu Drittsystemen.)
  • Konzentration der IT-Integration auf Transport statt Inhalte. (Beispiel: Elektronisches Patientendossier, HIN-Mail, Medical Connector, etc. – Der Fokus liegt auf den technischen Möglichkeiten, statt auf den Prozessen.)

Heilsbringende Faktoren

  • Der Staat ist nicht immer des Teufels
  • Prozesse digitalisiert (neu) denken
  • Nationale / interkantonale Standards ermöglichen günstigere IT-Lösungen
  • Effizienzgewinne sind immer ein «Return on Investment»

Wir beleuchten drei Aussagen von Hans-Peter Christen mit unserem Experten für Digitale Transformation im Gesundheitswesen Prof. Dr. Peter E. Fischer:

1: «Die Digitalisierung im Gesundheitswesen, insbesondere in der Langzeitpflege, wird nicht richtig gemacht.»

Hans-Peter Christen

Prof. Dr. Peter E. Fischer: Absolut. Das Dreieck (Sensibelste Daten – Fokus auf Pflege – häufig kein Interesse und keine Kompetenz in IT) führt dazu, dass die Digitale Transformation im Gesundheitswesen in den Kinderschuhen steckt. Am schlimmsten ist es bei Pflegeheimen, weil es dort am Ende um das «Begleiten» in den letzten Lebensjahren geht.

Bild: ICT Switzerland

2: «Die Kosten im Gesundheitswesen sind auch deshalb so hoch, weil keine Standard-Systeme bestehen. Stattdessen dominieren Insellösungen und föderale Strukturen hemmen die Fortschritte. Infrastrukturaufgaben sollten als öffentliche Aufgaben monopolistisch ausgeübt werden.»

Hans-Peter Christen

Fischer: Ebenfalls einverstanden. Beispielsweise wird die Einführung des Elektronischen Patientendossiers (EPD) nur minim durch Bund und Kantone finanziert (mehr dazu in meinem Kommentar unten). Daher werden die Kosten auf die Krankenkassen und damit auf die Patienten umgelegt. Hier fehlt tatsächlich die Verantwortlichkeit öffentlicher Stellen.

3: Das elektronischen Patientendossier (EPD) wird keine Besserung bringen, da fast keine inhaltlichen semantischen Standards definiert sind. Somit ist fast keine automatisierte Verarbeitung möglich.

Hans-Peter Christen

Fischer: Stimmt teilweise. Das EPD lässt strukturierte Daten zu, die Voraussetzungen wären also gegeben. Wenn Daten aber nur eingescannt und als PDF abgelegt werden, ist keine automatische Bearbeitung möglich. Bisher werden viele Patientendaten unstrukturiert erfasst, man dokumentiert, aber leistet keinen Beitrag zur Effizienzsteigerung.

Thema des Abends: Digitalisierung im Gesundheitswesen – Heilsbringer oder Brandbeschleuniger?

Beim Apéro wurde angeregt weiterdiskutiert.

Hans-Peter Christen, Geschäftsführer von SWING Informatik, diskutierte mit den Gästen.

Prof. Ursula Sury begrüsst die Besucher des «Community im Gespräch»


Ein Kommentar von Prof. Dr. Peter E. Fischer zur Krux mit dem elektronischen Patientendossier

Neben oben erwähnten Problem mit der automatisierten Verarbeitung machen dem EPD auch die Kosten zu schaffen. Der Bund leistet in zwei Teilen: Er finanziert die Koordinationsstelle eHealth Suisse und ein paar zentrale Elemente.

Aber er unterstützt den Aufbau der Stammgemeinschaften nur minim, an denen die meiste Arbeit hängt. Dort müssten die Kantone einspringen und viele wehren sich nach Kräften bzw. schieben Sparmassnahmen vor. Sie «unterstützen» die Bildung von Stammgemeinschaften, häufig aber nur ideell. Luzern zahlt nichts, Zug «prüft» eine mögliche Beteiligung. 

Prof. Dr. Peter E. Fischer ist Dozent an der Hochschule Luzern – Informatik.

Die geschätzten Gesamtkosten sind nicht bekannt, man redet lieber von den möglichen Einsparungen. Neben den recht hohen Kosten bei den Stammgemeinschaften (einige Millionen pro Gemeinschaft) entstehen die grössten Kosten bei den angeschlossenen Leistungserbringern selbst und am Ende zahlt der Patient. 

«Ich bin skeptisch bezüglich Erfolg und Kosten des EPD»

Prof. Dr. Peter E. Fischer

Das wäre alles irgendwie zu rechtfertigen, wenn der Erfolg des EPD garantiert wäre. Da wir in der Schweiz aber ein «Opt-in» System haben – jeder Patient darf sich selbst aktiv melden (wie bei der Organspende) – könnte die Beteiligung (wie bei der Organspende) sehr niedrig bleiben. Wenn nicht mindestens fünf Prozent der Patienten mitmachen, wird das Ganze eine Pleite. Letzteres hatten wir mit drei nicht erfolgreichen Versuchen für die elektronische Signatur in der Schweiz erlebt. Deswegen bin ich skeptisch bezüglich Erfolg und Kosten.

Das EPD wird im Frühjahr 2020 in allen Regionen der Schweiz verfügbar sein. Es müssen sich bis dahin nur die «grossen» Leistungserbringer (Spitäler etc.) anschliessen, nicht jedoch niedergelassene Ärzte. 


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