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Wie nehmen ältere Menschen Roboter an?

Wie nehmen ältere Menschen Roboter an?
Mensch und Roboter Hand in Hand: Wie gut akzeptieren ältere Menschen die Unterstützung eines Roboters? Das ist das Thema einer Bachelor-Arbeit im Bereich der Pflege. (Bild MDR/Karsten Möbius)

By Gabriela Bonin

Studierende tüfteln für Unternehmen, Teil 3

Unternehmen spannen mit Studierenden zusammen: Unsere Wirtschaftsinformatik-Absolventin Michèle Curiger war für eine Altersresidenz im Einsatz. Ihre Bachelor-Arbeit sollte zeigen, ob sich ältere Menschen gerne mit Robotern austauschen. Es kam anders als gedacht.

Ein weiss glänzender Roboter, so gross wie ein Schulkind, zwinkert mit seinen Kulleraugen: «Hallo, mein Name ist Pepper». Der elektronische Wicht hebt seine Arme, als ob er sein Gegenüber gleich umarmen wollte. «Soll ich dir ein Märchen erzählen?» fragt er und beugt sich leicht nach vorne. Äusserlich ist er so geschaffen, dass er bei seinem Gegenüber rasch Sympathie weckt. Innerlich weist er jene Qualitäten auf, die ihm ein Mensch verliehen hat: Pepper spricht und tut genau das, was ihm seine Programmiererinnen und Programmierer vorgeben.

In einem Video unserer Wirtschaftsinformatik-Absolventin Michèle Curiger sehen wir, was für Ideen sie ihm in den Kopf gesetzt hat: Pepper bildet zum Beispiel Fotos von Heilpflanzen auf seiner Brust ab und lädt damit sein Gegenüber zum Rätselraten ein. Er zeigt vor, wie man seine Arme bewegen soll, damit man körperlich in Schwung kommt.

Roboter singen, spielen, turnen mit den Pflegebedürftigen

Dank Curigers Programm könnte Pepper eines Tages in einem Altersheim womöglich eine Stelle als «Hilfsarbeiter» in der Aktivierung antreten. Er könnte Seniorinnen und Senioren unterhalten, mit ihnen zusammen Lieder von einst singen oder ihnen Bilder aus ihrer Jugend zeigen.

Weckt Sympathien: Roboter Pepper spielt, redet und bewegt sich so, wie ihn Wirtschaftsinformatikerin Michèle Curiger programmiert hat.

Weckt Sympathien: Roboter Pepper spielt, redet und bewegt sich so, wie ihn Wirtschaftsinformatikerin Michèle Curiger programmiert hat.

Nur: Wollen die älteren Menschen mit so einem Wesen aus Kunststoff überhaupt zu tun haben? Das war die Frage, die sich Curiger für Ihre Bachelor-Arbeit gestellt hat. Unter dem Titel «Einsatz von Pepper zur Aktivierung in der Altenpflege» wollte die 25-jährige Wirtschaftsinformatikerin herausfinden, ob Pepper bei den Bewohnerinnen und Bewohner einer Altersresidenz Akzeptanz findet. Würde man ihn mögen? Würde er die Mitarbeitenden bei der Pflege älterer Menschen entlasten?


Unsere Serie über «Bachelorarbeiten in der Praxis»: Eine Bachelorarbeit ist die Krönung jedes Studiums. Auch Unternehmen und Institutionen können daraus neue Erkenntnisse gewinnen: Lesen Sie in dieser Serie, wie Unternehmen und Studierende voreinander lernen und gegenseitigen Nutzen ziehen.

Curiger wählte ihr Thema frei, weil sie Pepper zwar schon an der Hochschule Luzern gesehen, aber nie mit ihm zu tun hatte. Sie wollte ihn via Bachelor-Arbeit kennenlernen, sein Potenzial testen und lernen, wie man ihn programmiert. Sie musste daher daher einen Auftraggeber für ihre Bachelor-Arbeit finden.

Kurz darauf, es ist Winter 2019, steigt die Residenz am Schärme auf Curigers Ausschreibung ein. Zu Beginn ihrer Arbeit sind ihr Peppers spezielle Programmiersprache sowie die Entwicklungsumgebung völlig unbekannt. Curiger bringt sich die nötigen Fähigkeiten aber selbst bei und setzt Pepper in Bewegung.

Wenn nichts mehr geht, braucht es einen Mutmacher

Jetzt kann es losgehen! Pepper soll nach Sarnen in Obwalden reisen und seine Probezeit in der Residenz am Schärme antreten. Doch drei Tage vor seinem ersten Einsatz sagt das Heim den Besuch von Curiger und Pepper ab: Neue Corona-Schutzbestimmungen verbieten deren Besuch. Pepper verstummt. Curiger sieht schwarz. Sie hat «viel Aufwand, sehr viel Aufwand» in diese Arbeit gesteckt und fragt sich nun: «War alles umsonst?»

Die Hochschule Luzern – Informatik hilft weiter, verzichtet auf die Gebühr der Residenz am Schärme, welche diese für Curigers Arbeit und Resultate hätte entrichten sollen. Die Hochschule lässt Curiger fortan ohne offiziellen Auftraggeber weiterarbeiten. «In diesen Corona-Zeiten bin ich den Studierenden möglichst entgegengekommen», erklärt Curigers Dozent und Betreuer Richard Wetzel vom Immersive Realities Research Lab.

Für Wetzel ist es selbstverständlich, dass er als Betreuer Unterstützung anbietet. Er hat schon öfter erlebt, dass Studierende mit ihrer Bachelor-Arbeit in eine Sackgasse gerieten: Das sei für die Studierenden schwierig, weiss Wetzel, für ihn aber nicht ungewöhnlich: «Es kommt während Bachelor-Arbeiten immer wieder mal zu Rück- oder Fehlschlägen.» Kein Grund zur Panik: Wichtig sei in solchen Situationen, dass die Studierenden dann ihr Konzept anpassten und weitermachten. «Es zählt nicht nur das Ergebnis einer Arbeit, sondern auch der Prozess», so Wetzel.

Der Weg ist das Ziel

Curiger passt ihren Weg an, schreibt ein neues Konzept: Sie befragt Pflegeheime und Privatpersonen via Online-Befragungen. Ausserdem kommt Pepper bei jenen Menschen zum Einsatz, die Curiger noch treffen darf: bei ihrer Familie und ihrem Freundeskreis. Nun unterhält er sich mit jener Generation, die in zwei, drei Jahrzehnten in Altersresidenzen leben wird.

Aus diesen Tests gewinnt Curiger wertvolle neue Erkenntnisse: Je jünger die Testpersonen sind, desto höher ist deren Akzeptanz für Pepper. Zugleich steht schon heute fest, dass in jener Zukunft humanoide Roboter markant besser entwickelt sein werden, als es Pepper heute ist.

Wetzel lobt Curigers Vorgehensweise: Sie habe sich trotz eines ersten Fehlschlags nicht beirren lassen. Die Studentin habe das erfüllt, was er von einer Bachelor-Arbeit erwarte: Wissenschaftliches Vorgehen, Analyse, Software-Entwicklung und die Abgabe einer eigenständigen Arbeit.

Die Residenz am Schärme konnte Pepper bislang nicht kennenlernen. Sie lässt sich aber bereits von einem anderen humanoiden Roboter unterstützen: NAO sei bei den Bewohnerinnen und Bewohnern gut akzeptiert, spiele Lotto mit ihnen, mache mit ihnen Sitztänze und Atemübungen. Er stecke noch in den Kinderschuhen, sei aber bereits jetzt eine Bereicherung, erklärt die Leiterin Aktivierung der Residenz.

Hochbetagte Menschen sind auf helfende Hände angewiesen. Werden sie zunehmend auch von Roboterhänden unterstützt? (Bild: Pixabay)
Hochbetagte Menschen sind auf helfende Hände angewiesen. Werden sie zunehmend auch von Roboterhänden unterstützt? (Bild: Pixabay)

Pepper kann auch nerven

Curiger würde gerne mit Pepper weiterarbeiten. «Ich könnte mir vorstellen, auch eine zukünftige Master-Arbeit mit ihm zu machen», sagt sie. Wie steht es mit ihrer eigenen Akzeptanz ihm gegenüber? «Am Anfang war ich sehr fasziniert von ihm», sagt sie. «Später hat er mich dann manchmal auch genervt», gibt sie lachend zu.

Vor ihrem Studium hat Curiger eine Lehre als Drogistin absolviert. Diese Lehre und ihr Studium in Wirtschaftsinformatik führten mitunter dazu, dass sie nun in der Medizinalbranche als Applikationsentwicklerin arbeitet.

Sie kann sich eine Zukunft mit Robotern im privaten Umfeld gut vorstellen. «Meine Generation ist mit Siri aufgewachsen. Wir sind technikaffin», sagt Curiger. Wenn sie alt sein werde, in vierzig, fünfzig Jahren, werde sie keine Probleme damit haben, wenn ein Roboter sie unterhalte, im Gegenteil: «Ich freue mich auf diese Entwicklung.»

Preisgekrönte Bachelor-Arbeit

Nachtrag der Redaktion vom 13.11.2020: Michèle Curiger gewann für ihre «herausragende Bachelor-Arbeit» einen Preis. Preissponsor ist die Bitfee AG, eine IT-Agentur für KMU in Cham.

Bachelor-Arbeit «Einsatz von Pepper zur Aktivierung in der Altenpflege»

 Ausgangslage

Die Pflegebranche leidet an Personalmangel, unter dem demografischen Wandel sowie unter teilweise kritischen Arbeitsbedingungen. Es ist eine Herausforderung, Patientinnen und Patienten in einer Altersresidenz zu reaktivieren. Robotik wird daher immer öfter in der Pflege älterer Menschen eingesetzt. Die Residenz am Schärme möchte den Einsatz von Robotern in der Reaktivierung von Bewohnerinnen und Bewohnern testen. Hat der Roboter in der Betreuung von Seniorinnen und Senioren eine Zukunft? Bringt er auch einen Mehrwert?

Vorgehen

Wirtschaftsinformatik-Studentin Michèle Curiger untersuchte in mehreren Interviews und Umfragen mögliche Einsatzgebiete für den humanoiden Roboter Pepper. Sie prüfte die dazu vorhandene Akzeptanz bei Schweizerinnen und Schweizern sowie in Pflegeheimen. Für die Bachelor-Arbeit erstellte sie eine Umfrage für Privatpersonen und eine für Pflegeheime.

Ergebnisse

Das Problem des gravierenden Personalmangels kann durch einen humanoiden Roboter wie Pepper nicht gelöst werden. Denn Pepper kann nicht ohne Aufsicht eingesetzt werden, da technische Störungen sowie Schwierigkeiten in der Benutzung auftreten können. Er kann jedoch für grossen Unterhaltungswert und Abwechslung bei älteren Menschen sorgen. Ebenfalls können Roboter einen entlastenden Einfluss auf die Arbeitsbedingungen in der Pflege haben.

Bei der Akzeptanz gegenüber Robotern zeigen sich grosse Unterschiede in den verschiedenen Altersbereichen. So hatten jüngere Personen weniger Zweifel an der Verlässlichkeit der Technik und zeigten eine grössere Akzeptanz gegenüber Robotern als ältere Personen. Vier von fünf der über 60-Jährigen bezeichneten Pepper sogar als beängstigend. Unpersönliche Funktionen wie etwa die Erinnerung an Medikamente und Termine zeigten die höchste Akzeptanz. Knapp die Hälfte aller Pflegeheime zeigte sich in der Umfrage dazu bereit, einen Roboter zu testen. Nur zwei der befragten Pflegeheime hatten bereits Erfahrungen mit Robotern gesammelt.

Projekte mit Studierenden für Ihr Unternehmen: Wollen Sie in Ihrer Organisation ein neues Informatik-Projekt umsetzen? Oder hilft es Ihnen, wenn eine Fachperson für Sie eine neue Idee ausserhalb Ihres Alltagsgeschäfts austestet? Lassen Sie sich bei derartigen Vorhaben von Studierenden der Hochschule Luzern – Informatik unterstützen. Greifen Sie auf deren frisch erworbenes Fachwissen zurück! Sie nutzen damit zugleich das Expertenwissen von deren Betreuungspersonen. Diese sind fachlich immer auf dem aktuellsten Stand. Unsere Studierenden bearbeiten während ihres Studiums zahlreiche Praxisprojekte. Auch für ihre Bachelor-Arbeit packen sie gerne Aufträge von externen Unternehmen oder Organisationen an. Damit sammeln sie Erfahrungen in der Praxis und lernen auf die Bedürfnisse von Auftraggebenden einzugehen. Diese wiederum profitieren von erfrischenden Aussenansichten und neuen Erkenntnissen. Bitte reichen Sie Ihre Projektidee bis spätestens November (oder Juni für das darauffolgende Semester) ein. Am Ende des Projekts erhalten Sie in der Regel kein fertiges Produkt. Vielmehr bekommen Sie einen Prototyp, eine Analyse oder ein Konzept zur freien Verfügung. Weitere Informationen und das Projekteingabeformular finden Sie hier.

Einstieg in die IT-Welt: Das Departement Informatik der Hochschule Luzern bietet Bachelor-Studiengänge in Artificial Intelligence & Machine Learning, Digital Ideation, Informatik, Information & Cyber Security, International IT Management und Wirtschaftsinformatik an. Im Master-Studium vertiefen Studierende die Bereiche Informatik oder Wirtschaftsinformatik.

Bachelor-Studium Wirtschaftsinformatik: Ein Studiengang in Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Luzern – Informatik verbindet Betriebswirtschaft, Informatik und Kommunikation. Studierende absolvieren dieses Studium Vollzeit, Teilzeit oder berufsbegleitend. Es startet jeweils im September oder Februar.

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