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So wird künstliche Intelligenz unser Leben beeinflussen

So wird künstliche Intelligenz unser Leben beeinflussen
Donnacha Daly erklärt im Interview, wie das optimale Zusammenspiel von Mensch und Maschine in Zukunft aussehen könnte und welchen Beitrag unsere Studierenden dazu leisten können. (Bild: Ingo Höhn)
Yasmin Billeter

Futuristische Entwicklungen: Ob Roboterarmeen, direkte Gehirnschnittstellen oder die Entdeckung des Coronavirus-Impfstoffs – Donnacha Daly, der Studiengangleiter des Bachelor-Studiums Artficial Intelligence & Machine Learning, traut KI vieles zu. Darum fordert er eine starke Regulierung.

Herr Daly, wie sehr hat künstliche Intelligenz (KI) bereits unsere Welt verändert?

Donnacha Daly: Die KI verändert unsere Welt kontinuierlich. Aber wir Menschen sind unglaublich gut darin, uns anzupassen. Heute verwenden wir viele KI-Systeme, manchmal ohne uns dessen bewusst zu sein. Zum Beispiel, wenn wir einen Text online übersetzen lassen oder die Gesichtserkennungsfunktion unseres Smartphones nutzen. Künstliche Intelligenz ist in unserem Alltag angekommen und hat die Geschäftswelt verändert: Vor zehn Jahren waren die Top-Unternehmen in den USA Grossindustrielle wie Exxon oder General Electric. Heute sind es Apple, Amazon und Facebook. Sie alle haben Geschäftsmodelle, die durch KI untermauert werden. KI hilft der Welt auch in vielerlei Hinsicht, mit der Corona-Pandemie fertigzuwerden. Zum Beispiel durch Contact-Tracing-Apps, welche die Infektionsketten nachverfolgen und so die Verbreitung des Virus eindämmen.

Welches sind die neusten Entwicklungen im Bereich KI?

Künstliche Kreativität und KI-Innovation stehen zunehmend im Mittelpunkt. Diese werden durch sogenannte «Generative Adversarial Networks» (GANs) ermöglicht. GANs bestehen aus zwei neuronalen Netzen, die sich gegenseitig verbessern. (Wie das genau funktioniert, wird hier am Beispiel der computergenerierten Latte Art erläutert). KI kann auch neue Erkentnisse zu Tage bringen. Es besteht eine reelle Chance, dass der Coronavirus-Impfstoff teilweise mit Hilfe einer KI gefunden wird.

«Bei der künstlichen Intelligenz geht es auch um Wertschöpfung durch Anwendungstechnik und digitale Ideenfindung» sagt Donnacha Daly. Er ist überzeugt: In zehn Jahren werden kreative Menschen die KI-Technologie auf sehr unerwartete Weise nutzen.

Wird es eine Intelligenz geben, die klüger ist als wir?

Absolut! Es kann viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern, aber es wird kommen. Eine bessere Frage ist, ob eine künstliche allgemeine Intelligenz ein Motiv hat und wie sie mit uns interagiert. Stellen Sie sich eine Intelligenz vor, die der Menschheit relativ weit voraus ist, etwa so, wie wir als Spezies den Ameisen voraus sind. Ameisen sind uns eigentlich egal, ausser wenn sie in unseren Häusern nisten. Aber im Allgemeinen betreffen menschliche Motive Ameisen nicht. Ebenso könnte eine Superintelligenz mit Motiv uns Menschen nicht einmal als Teil ihres Motivs betrachten. Vorausgesetzt, wir bleiben draussen …

Aber man tritt auf Ameisen – aus Versehen oder absichtlich …

Das ist richtig, und deshalb müssen wir bei der Entwicklung der KI schon jetzt vorsichtig sein. Ich würde niemals für einen Stopp der Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz plädieren sondern bin der Meinung, dass die KI-Forschung und die Erforschung der Grenzen der KI mit voller Geschwindigkeit fortgesetzt werden sollten. Aber die Entwicklung, Kommerzialisierung und Anwendung der KI sollte stark reguliert werden.

Die Idee einer Roboterarmee ist nicht sehr weit hergeholt.

Wir am Departement Informatik nehmen dies ernst und arbeiten mit der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und der Hochschule Luzern Desing & Kunst zusammen, um die gesellschaftlichen Auswirkungen der KI und ihre Wechselwirkungen mit Ethik, Philosophie und sogar Kunst zu untersuchen.

Dennoch fragen sich viele, was passiert, wenn KI so intelligent wird, dass sie zur Gefahr wird.

Falsch eingesetzt kann KI tatsächlich zur Gefahr werden: für Menschen, Kulturen und Demokratien. Es besteht ein grosses Risiko, dass KI als Waffe instrumentalisiert wird. Die Idee einer Roboterarmee ist nicht sehr weit hergeholt. Ich glaube auch, dass Drohnen bald ein Problem werden könnten, wenn man Flotten von selbstorganisierenden, intelligenten Drohnen hätte. Stephen Hawking und Elon Musk warnen vor dieser Gefahr. Andere wie Demis Hassabis, der CEO von Google DeepMind, sind eher zuversichtlich.

Welche fundamentalen Regeln für KI brauchen wir in Zukunft?  Ladan Pooyan-Weihs spricht im Interview zum Beispiel darüber, wie wichtig digitale Ethik ist, und fordert nötige Weichenstellungen.  

Ich vergleiche die KI gerne mit der Kernenergie. Sie hat dieses transformative Potenzial, im Guten wie im Schlechten. Mit der Kernenergie können wir einen grossen gesellschaftlichen Nutzen erzielen. Zum Beispiel werden in der Schweiz fast 50 Prozent des Stroms durch Kernenergie erzeugt. Auf der anderen Seite haben wir Atomwaffen und leben seit vielen Jahrzehnten mit der Drohkulisse der wechselseitig zugesicherten Zerstörung.

Ich vergleiche die KI gerne mit der Kernenergie. Sie hat dieses transformative Potenzial, im Guten wie im Schlechten.

Wie sind wir als Weltgemeinschaft mit diesen Risiken umgegangen? Durch internationale Verträge, globale Zusammenarbeit, unabhängige Aufsicht und sehr starke Regulierung. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir bei der KI einen ähnlichen Ansatz brauchen.

Welche Gesetze zur KI-Regulierung gibt es heute schon?

Die Europäische Kommission hat Anfang Jahr ein Whitepaper zur Regulierung von KI herausgegeben. Darin steht etwa, dass maschinenbeeinflusste Entscheidungen erklärbar sein müssen. Dies hat enorme Auswirkungen: Nehmen wir an, Sie haben ein Hautproblem. Sie können zum Arzt gehen, können aber auch eine App konsultieren. Die App würde ihnen angeben, in welches Cluster ihre Haut statistisch gesehen fällt. Gemäss den EU-Regulationen wäre diese Diagnose nicht akzeptabel, da sie nur statistisch erklärbar ist und nicht medizinisch.

Die erklärbare KI ist eines der wichtigsten und schwierigsten offenen Probleme, die richtig gelöst werden müssen.

Ich halte es für wichtig, dass wir weltweit eine starke Regulierung haben, wenn es um die Anwendung der künstlichen Intelligenz und ihren Einsatz für Entscheidungen geht, die Menschenleben betreffen.

Sie erachten diese Regel über die Erklärbarkeit von KI also als nicht sehr sinnvoll?

Im Gegenteil! Ich denke, die erklärbare KI ist eines der wichtigsten und schwierigsten offenen Probleme, die richtig gelöst werden müssen. Jetzt. Erklärbare KI wird der Schlüssel sein, um die Büchse der Pandora zu öffnen und den Einsatz von KI in sensiblen Anwendungsbereichen wie Recht, Medizin und Sicherheit erheblich zu steigern. Die Regel über die Erklärbarkeit wird auch die Regulierung der KI erheblich vereinfachen.

Welche Hürden hat KI aktuell neben der Erklärbarkeit?

Künstliche Intelligenz ist schrecklich energiehungrig. Der Kohlendioxid-Fussabdruck ist das schmutzige Geheimnis der KI. Auch brauchen wir derzeit zu viele Daten, um die KI-Algorithmen zu trainieren. Wenn man einem Baby 100 Bilder einer Katze zeigt, weiss es, wenn es drei Jahre alt ist, was eine Katze ist – jede Katze. Eine KI muss 100’000 bis 1’000’000 Bilder einer Katze sehen, bis sie weiss, was eine Katze ist. Wir brauchen KI, um an Small Data (wenigere, dafür präzisere Daten) zu arbeiten, nicht nur an Big Data.

Macht uns KI bald unsere Jobs streitig?

Künstliche Intelligenz wird eine Menge Aufgaben übernehmen, doch die Technologie schafft auch neue Arbeitsplätze. Viele Jobs werden sich in der Zeit des technologischen Übergangs verändern. Die Angestellten werden neue Wege lernen müssen, um in der Gesellschaft produktiv zu sein. Dies wird auch neue Sozialverträge erfordern, wie zum Beispiel das universelle Grundeinkommen.

Wie lautet Ihre Prognose für die Zukunft der künstlichen Intelligenz?

Ich erkläre es mit dem Bild des Zentauren – eines Mischwesens aus Pferd und Mensch der griechischen Mythologie. Garri Kasparow wurde als erster Schachweltmeister von einem Computer geschlagen. Er entwickelte nach seiner Niederlage das Zentauren-Schach: Dabei spielen Mensch und Schachcomputer zusammen in einem Team. Sie können besser Schach spielen, als es Menschen oder Computer alleine je schaffen würden.

Für die Zukunft der KI bedeutet dies, dass Menschen und Maschinen am besten im Team arbeiten. Dies ist dann nicht «Artificial Intelligence», es ist «Augmented Intelligence».

Übertragen auf die Zukunft der KI bedeutet dies, dass Menschen und Maschinen am besten im Team arbeiten. Dies ist dann nicht «Artificial Intelligence», es ist «Augmented Intelligence». Sehr bald werden wir eine Ankündigung von Neuralink, der KI-Gesellschaft von Elon Musk, sehen, die dieses Konzept viel weiter voranbringen wird.

Halb Pferd, halb Mensch: Ein Zentaur ist eine mächtige Figur aus der griechischen Mythologie und ein Beispiel dafür, wie das optimale Zusammenspiel von Mensch und Maschine aussehen könnte. (Bild: Wikimedia Commons)

Der Begriff «erweiterte Intelligenz» wird von Ladan Pooyan-Weihs in unserem Interview als Alternative für die Bezeichnung «künstliche Intelligenz» verwendet. Sie sagt der Begriff «künstliche Intelligenz» könne im Alltag zu falschen Erwartungen verleiten und unnötige Ängste schüren. Sie verstehen unter «Augmented Intelligence» etwas anderes…

Nicht wirklich, nein, ich stimme mit Ladan Pooyan-Weihs überein. Wenn wir heute von KI sprechen, meinen wir im Allgemeinen maschinelles Lernen (ML) und Computational Intelligence und nicht neuromorphes Rechnen (ein Computer nach Vorbild des Gehirns) oder gar anthropomorphe allgemeine Intelligenz (ein Computer mit menschlichen Eigenschaften). Der Grund dafür ist, dass ML die derzeit leistungsfähigste Technologie ist, die wir für die künstliche Intelligenz haben. Und wir setzen sie als Hilfsmittel für die menschliche Intelligenz ein, weil sie derzeit auf einem ausreichend fortgeschrittenen Niveau ist, um unsere Produktivität zu steigern, aber nicht weit genug fortgeschritten, um unseren Einfallsreichtum zu ersetzen. Also, ja, ich stimme Ladan Pooyan-Weihs zu, dass wir heute eine «erweiterte Intelligenz» haben.

Wofür werden Menschen KI künftig einsetzen?

Blickt man zehn Jahre zurück, würde man in ähnlicher Weise fragen: Was werden die Menschen mit all dieser Rechenleistung nur machen? Hätten Sie gesagt: Jemand wird «Angry Birds» erfinden und das Videospiel wird die Nummer eins unter den Anwendungen werden, hätte man Sie für verrückt erklärt. Doch das war nicht verrückt, das war kreativ!

In zehn Jahren werden kreative Menschen die KI-Technologie auf sehr unerwartete Weise nutzen.

Wenn Sie gleichwohl zehn Jahre in die Zukunft blicken, werden Sie in ähnlicher Weise erweiterte Intelligenz und eine Menge kreativer Menschen sehen. Diese werden die Technologie auf sehr unerwartete Weise nutzen.

Wo stehen wir in zehn Jahren?

Wir werden eine weit verbreitete Akzeptanz der Verbesserung menschlicher koginitiver Fähigkeiten durch direkte Schnittstellen zum Gehirn erleben. Das klingt weit hergeholt, aber Innovationen wie etwa das iPhone (2007 eingeführt) und Facebook (2004 lanciert) haben die Welt ebenfalls in sehr kurzer Zeit verändert.

Im Frühling 2020 haben die ersten Studierenden des Bachelor-Studiengangs Künstliche Intelligenz & Maschinelles Lernen gestartet. Wie ist es ihnen bisher ergangen?

Es tut mir sehr leid für unsere Studierenden, die aufgrund der Corona-Pandemie viele Aspekte des ersten Semesters verpasst haben: neue Freunde treffen und neue Erfahrungen machen. Dennoch haben alle enorme Arbeit geleistet, damit sie zumindest Vorlesungen besuchen und Prüfungen ablegen konnten. Ich hoffe, dass wir die nächsten Semester wie geplant durchführen können. Vor allem dann, wenn der Schwerpunkt auf Projektarbeit, Kreativität und Innovation liegt.

KI ist von hoher strategischer Bedeutung für die Zentralschweiz, für die Volkswirtschaft und für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz auf dem internationalen Markt.

Bei der künstlichen Intelligenz geht es nicht nur um rechnerische Intelligenz, sondern auch um Wertschöpfung durch Anwendungstechnik und digitale Ideenfindung. Dies bedeutet, dass wir in Teams arbeiten und physisch interagieren müssen.

Was sind Ihre Ziele und Visionen für den Studiengang?

Mein Ziel ist es, dass unsere Studierenden mit einem vollen Satz an KI-Werkzeugen in ihre berufliche Laufbahn starten können, sei es in der Industrie oder im öffentlichen Sektor. KI ist zweifellos von hoher strategischer Bedeutung für die Zentralschweiz, für die Volkswirtschaft und für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz auf dem internationalen Markt.

Das ursprüngliche Interview wurde auf Englisch geführt und für den Blog übersetzt.

Donnacha Daly

Langjähriger KI-Experte: Donnacha Daly ist Studiengangleiter des Bachelor-Studiums Artficial Intelligence & Machine Learning und Mitglied des Algorithmic Business (ABIZ) Research Team. Er ist seit 20 Jahren in verschiedenen Bereichen des maschinellen Lernens und der Signalverarbeitung tätig. Seit fünf Jahren fühlt sich KI für ihn an wie ein Technologie-Durchbruch, «weil die Rechenleistung, die Algorithmen, die Daten und die Hochgeschwindigkeitskommunikation nun an einem Punkt sind, an dem die Durchbrüche einfach phänomenal sind». In all diesen Bereichen war Daly während seiner Karriere aktiv.

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    1 Kommentare

    Erna Müller-Kleeb

    Höchst interessant und eindrücklich!

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    Danke für Ihren Kommentar, wir prüfen dies gerne.

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