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Warum Informatik noch immer ein Männerberuf ist

Warum Informatik noch immer ein Männerberuf ist
Informatikerinnen sind in ihrem Beruf in Unterzahl.

Auch im digitalen Zeitalter sind Frauen im Informatik-Bereich in der Minderheit. Das scheint jedoch nicht primär an den Frauen zu liegen, sondern viel mehr an der Gesellschaft, in der sie leben.

Die Technik ist heute fester Bestandteil unseres Lebens. Fast jeder hat einen Laptop, ein Smartphone, mindestens einen Social Media Account und surft durchs Internet, unabhängig von Alter und Geschlecht. Trotzdem sind Frauen in der Informatik-Branche noch immer in der Unterzahl. Das zeigen auch die Studierendenzahlen der Hochschule Luzern – Informatik: Letztes Jahr haben 91 Personen ihr Bachelor-Studium in Informatik aufgenommen. Davon waren zehn Frauen. In der Wirtschaftsinformatik waren es 63 Studienanfänger, davon 14 Frauen. Wie lassen sich solche Zahlen erklären?

Ein falsches Bild von Informatik

Prof. Dr. Jana Koehler ist Dozentin und Forscherin an der Hochschule Luzern – Informatik. Sie ist überzeugt, dass der Informatik-Beruf in seiner Vielfalt zu wenig bekannt ist. Sie bemängelt deshalb auch den Informatik-Unterricht an den Schulen: «Die Schülerinnen und Schüler erlernen zum Teil das Zehnfinger-System und arbeiten mit der Office-Palette. Das ist ja okay, das nützt, hat aber nichts mit der Arbeit von Informatikern zu tun». Doch gerade die Breite der Informatik bewog Jana Koehler dazu, Informatik zu studieren: «Man kann sich aussuchen, wo man arbeitet: In der Industrie, der Forschung, der Produktentwicklung, an Industriestandards, an der Uni, an der Fachhochschule – überall entwickeln Informatikerinnen und Informatiker spannende Lösungen für Probleme». Und der Informatik-Beruf ist nicht nur sozialer, sondern auch aktiver als sein Ruf: «Die Frauen wollen ja immer mit Menschen zu tun haben und reisen. Ich sag den Mädchen jeweils: Studiert doch Informatik! In diesem Beruf habt so viel mit Menschen zu tun und reisen könnt ihr auch, gerade in grösseren IT-Beratungsunternehmen».

Obwohl Informatik angewandte Mathematik ist, muss man kein Mathe-Genie sein, um im Informatik-Beruf bestehen zu können. Das bestätigen auch Aussagen aus der Wirtschaft, wie Jana Koehler erzählt: «Wir waren letztes Jahr mit den ITgirls bei der Schindler Aufzüge AG. Der Personalchef hat ihre Ausbildungsberufe vorgestellt und erklärt, welche Eigenschaften man dafür mitbringen muss. Bei den Informatikern erwähnte er: Probleme analysieren, gut kommunizieren und verschiedene Sprachen sprechen können. Das sind die wichtigsten Fähigkeiten einer guten Informatikerin, neben den technischen Kenntnissen».

«Eine andere, ernste Herausforderung bietet sich in der Art, wie die Medien Karrieren in der Technologie darstellen. Diese kann gewisse Stereotypen bilden»1, sagt Maria Klawe, Präsidentin des Harvey Mudd College in Kalifornien. Kein Wunder hält sich das Bild des schrulligen Nerds hartnäckig. In den USA gibt es aber bereits Bemühungen, die Darstellung von Informatikerinnen in der Filmbranche zu verbessern: So hat die Serie «Silicon Valley» zwei neue, weibliche Hauptcharaktere erhalten und Google arbeitet zusammen mit dem Geena Davis Institute daran, die Darstellung von weiblichen Hackern in Hollywood zu verbessern2. Das Geena Davis Institute setzt sich dafür ein, dass Medien und Unterhaltungsindustrie die Geschlechter im selben Mass berücksichtigen, Stereotypen reduzieren und vielfältige weibliche Rollen zeigen.

Traditionelle Rollenbilder

Akademik-Experten aus den USA sehen einen Grund für die tiefe Frauenquote in einer Kultur, die junge Frauen dazu ermutigt, eher mit Puppen zu spielen, als mit Robotern und einen traditionellen Frauenberuf zu wählen2. Ähnlich nimmt Jana Koehler die Schweizer Kultur wahr. Sie glaubt, dass diese Kultur auch dazu führt, dass sich viele Frauen gegen eine Karriere entscheiden: «Viele sagen sich: Ich heirate ja sowieso und bleibe zu Hause bei den Kindern».

Selbst wenn Mütter eine Karriere verfolgen möchten, treffen sie auf Hindernisse: In der Schweiz ist es üblich, dass Frauen zu Hause sind, um sich um die Kinder zu kümmern. Das liegt zum Teil auch daran, dass die Fremdbetreuung teuer ist. In unseren Nachbarländern beteiligt sich die öffentliche Hand stark an den Kosten und subventioniert grundsätzliche alle Krippenplätze. Dort bezahlen die Eltern maximal 25% der Kosten. In Zürich bezahlen die Eltern rund zwei Drittel, im Waadtland knapp 40%.3 So ist es möglich, dass Frau Muster mit ihrem 60%-Pensum gerade den Krippenplatz für ihr Kind bezahlen kann. Häufig müssen Mütter auch Kritik dafür einstecken, dass sie ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Für Jana Koehler ist klar: «Es ist fast unmöglich, dass Mütter Vollzeit arbeiten oder eine Führungsposition übernehmen können. Häufig ist es entweder oder. Was sollen Frauen da machen»?

Telle Whitney ist Präsidentin und CEO des Anita Borg Institute, welches Frauen im Technologiesektor unterstützt. Sie ist überzeugt, dass sich die Kultur verändern muss. Nur so können Frauen ermutigt werden, sich nicht nur mit Technologie auseinanderzusetzen, sondern auch Karriere zu machen2.

Stereotypen und mangelnde Förderung in der Schule

Forscher der Florida Gulf Coast University und der University of Colorado haben herausgefunden, weshalb Mädchen das Interesse an Informatik im Verlauf ihrer Schulbildung verlieren: Schülerinnen würden in der Sekundarschule in Informatikfächern weniger gefördert und erhielten im Gymnasium weniger Aufmerksamkeit. Das führe dazu, dass auch Frauen, die MINT-Fächer studieren, das Gefühl hätten, sie lägen hinter ihren männlichen Mitstudenten zurück.4

«Ich möchte, dass die Menschen sich überlegen, wie wir das Bild davon verändern können, wer in der Technik als kompetent gilt1», sagt Maria Klawe. «Es gibt viele Studien die zeigen, dass Beharrlichkeit und harte Arbeit in jedem Gebiet der Wissenschaft oder dem Ingenieurwesen für den Erfolg eine viel grössere Rolle spielen als «natürliche Begabung». Wir müssen den kulturellen Glauben bekämpfen, dass manche Menschen einfach mit einem Mathematik-, Wissenschafts- oder Computertalent geboren wurden und andere einfach ‹nicht so gut sind darin›»1.

Jana Koehler würde eine solche Entwicklung begrüssen. «Viele Mädchen finden Mathematik oder Technik nur deshalb nicht interessant, weil das traditionelle Rollenbild dies nicht zulässt. Dabei sind viele Mädchen sehr gut in diesen Fächern. Mit diesem Bild und Rollenverständnis haben die Frauen keine guten Chancen».

Quellen
1 http://europe.newsweek.com/how-can-we-encourage-more-women-study-computer-science-328538?rm=eu

2 http://readwrite.com/2014/09/02/women-in-computer-science-why-so-few/

3 http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Schweizer-zahlen-mehr-fuer-Krippe-als-Eltern-im-Ausland/story/24510229

4 http://www.computerscience.org/resources/women-in-computer-science/

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    2 Kommentare

    MK

    Danke für den Beitrag. Mich würde noch interessieren, wann er geschrieben wurde. Die Tags für diesen Beitrag sind Frauen, Frauenquote, Informatikerin und Studentinnen. Doch der Titel vermittelt, für mich, einen Beitrag der erklärt, wieso Informatik ein Beruf für Männer ist. Ich finde das nicht so glücklich gewählt. Informatik ist kein Männerberuf. Er wird einfach mehrheitlich von Männern ausgeübt. Den Beitrag an sich finde ich interessant.

    Antworten

    Yasmin Billeter

    Danke für den Kommentar! Der Beitrag wurde im August 2016 veröffentlicht. Der Titel lautet "Warum Informatik noch immer ein Männerberuf ist" das "noch immer" deutet daraufhin, dass dies ein Missstand ist. Sie haben aber Recht: Der Titel kann auch irreführend verstanden werden.

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    Danke für Ihren Kommentar, wir prüfen dies gerne.

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