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Kommunikation heute: Haben sich Watzlawick & Co. geirrt?

Kommunikation heute: Haben sich Watzlawick & Co. geirrt?

Autor*innen: Dominik Godat & Elfie Czerny

Das Sender-Empfänger-Modell sowie die 5 Axiome der Kommunikation beeinflussen seit mehr als 50 Jahren, wie über Kommunikation gesprochen und wie Kommunikation gelehrt wird. Und dies, obwohl neuere Forschungsergebnisse einige dieser Ideen in Frage stellen. Haben sich Watzlawick & Co. also geirrt?

Was wissen Sie über Kommunikation? Sehr wahrscheinlich wurde Ihnen Kommunikation als Sender-Empfänger-Modell vorgestellt. Und Sie haben fast sicher von den 5 Axiomen der Kommunikation gehört, die Paul Watzlawick, Janet Beavin (heute Bavelas) und Don Jackson formulierten[1]. Auch wenn Sie diese nicht aus dem Stehgreif aufzählen können, sind wir sicher, dass «Man kann nicht nicht kommunizieren» oder die Idee, dass jede Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt hat, zu Ihrem Allgemeinwissen gehört.

Obwohl sowohl das Sender-Empfänger-Modell aus den 1940er-Jahren als auch einige der darauf aufbauenden 5 Axiome der Kommunikation von 1967 mittlerweile überholt sind[2], halten sie sich sehr hartnäckig. Kommunikation wird auch heute oft noch so gelehrt, wie vor über 50 Jahren propagiert.

Stellen neuere Forschungsergebnisse diese veralteten Kommunikationstheorien in Frage? Ja. Haben sich Watzlawick & Co. also geirrt? Ja, inhaltlich in einigen Punkten. Und auch wieder nicht, weil für Watzlawick, Beavin und Jackson die 5 Axiome bereits damals lediglich «provisorische Formulierungen» waren, «die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Endgültigkeit erheben können.[3]» Wer hätte gedacht, dass viele sie bis heute für bare Münze nehmen.

Kommunikationstheorien als Technologie-Metaphern des letzten Jahrhunderts

Das Sender-Empfänger-Modell ist ein klassisches Kommunikationsmodell, das vielen noch heute gängigen Kommunikationstheorien zugrunde liegt. Es wurde als Informationstheorie in den 40er-Jahren des letzten Jahrhundert von den beiden Telefontechnikern und Mathematikern Claude E. Shannon und Warren Weaver entwickelt[4].

Und wie so oft prägte die vorhandene Technologie die theoretischen Überlegungen. Die auch heute noch gängige Metapher, die Kommunikation als Transfervorgang beschreibt, bei dem eine Person Informationen sendet und eine andere diese empfängt und decodiert, wurde direkt von der damaligen Telefontechnik abgeleitet.

Watzlawick, Beavin und Jackson interessierten sich insbesondere für die «beobachtbaren Wechselwirkungen menschlicher Beziehungen», die sich aus einer zwischenmenschlichen «Sender-Empfänger Beziehung» ergeben[5]. Mit ihren 5 Axiomen der Kommunikation, die sie 1967 als Hypothesen formulierten, gingen sie diesen Wechselwirkungen nach. Auch sie orientierten sich mit Begriffen wie zum Beispiel Information, Rückkopplung, Blackbox, Redundanz und Kybernetik an der damaligen Fernmelde- und Regeltechnik.

In 50+ Jahre hat sich etwas verändert

In mehr als 50 Jahren hat sich vieles verändert. Wir leben heute einerseits in einer technologisch anderen Welt als damals mit potenziell neuen Metaphern. Andererseits haben wir auch 50 Jahre mehr Erfahrung und Forschung im Bereich der Kommunikation.

Und wer könnte dies besser beurteilen als Janet Beavin Bavelas selber, die als Co-Autorin damals mit dabei war und die letzten Jahrzehnte als Kommunikationsforscherin die damaligen Hypothesen erforscht hat. Auf unsere Frage, was sich seit 1967 verändert hat, gab sie folgende Antwort: «It was my goal to become a research psychologist. (…) And so, I have done that for 4-5 decades of my life. And that changes things. If it didn’t, we’d really be worried. If I’ve been looking at data for that long, and I found exactly what we said was happening in «Pragmatics», I would be cheating. (…) In fifty years a lot of things have happened. (…) Some [of the axioms] have worked pretty well, others do not.»[6]

Kommunikation heute: Laufende Co-Konstruktion anstatt Senden und Empfangen

Wie können wir Kommunikation zeitgemässer beschreiben? Bavelas liefert mit ihrem Forschungsteam selber Antworten.

In den letzten Jahren haben sie Mikroanalyse von Face-to-Face Gesprächen entwickelt, eine Video-basierte Forschungsmethode für Gespräche, die das, was in Gesprächen tatsächlich geschieht, sichtbar macht. Und was sie entdeckt haben, ist viel schneller und gemeinsamer als das, was wir mit einer Sender-Empfänger-Idee erwarten würden. Sie zeigen auf, dass sich Gesprächspartner*innen fast im Sekundentakt gegenseitig beeinflussen. Sie reagieren laufend aufeinander und co-konstruieren so das Gespräch gemeinsam miteinander[7].

Gesprächspartner*innen beeinflussen sich zum Beispiel gegenseitig mit ihren Aussagen, mit ihren Fragen, mit ihren redebegleitenden Gesten und mit ihren Zuhörreaktionen. Und dies nicht erst nachdem etwas gesagt wurde, sondern laufend während gesprochen wird. So konnten sie zum Beispiel zeigen, dass wir mit der Art, wie wir zuhören, das, was die andere Person sagt, stark beeinflussen[8].

Gespräche werden so von etwas, was alternierend geschieht, zu etwas, was wir laufend gemeinsam tun.

Gemeinsam gestalten

Dieser Unterschied von einem alternierenden Senden und Empfangen zu etwas, was wir gemeinsam tun, scheint auf den ersten Blick klein. Diese Sichtweise hat jedoch potenziell weltverändernde Implikationen.

Während sich in der traditionellen Sicht von Kommunikation der Fokus aufs Senden und/oder Empfangen richtet, stellt sich in dieser neuen Sichtweise die Frage, wie wir gemeinsam interagieren.

Stellen Sie sich vor, welche Unterschiede es machen würde, wenn alle erkennen, dass sie als Gesprächspartner*innen immer mitverantwortlich sind für das, was geschieht. Wenn alle sich klar wären, dass sie Gespräche ebenso beeinflussen, wie die anderen Gesprächspartner*innen. Und dies, auch wenn sie «nur» zuhören.

Ein Gesprächsresultat kann in dieser Sichtweise von Kommunikation nicht mehr nur einer Person zugeordnet werden, sondern ist immer ein gemeinsam geschaffenes Resultat. Aus «meine Mitarbeitenden sprechen immer nur über Probleme.» oder «Er hat ununterbrochen gesprochen.» würde so «Wie können wir unsere Kommunikation gemeinsam nützlicher gestalten?». Wir können Gesprächspartner*innen weder die «Schuld» geben für das inhaltlich Gesagte noch für den Gesprächsverlauf, sondern sind immer auch beteiligt.

Weiterbildungen zum Thema

Elfie Czerny und Dominik Godat führen das Zentrum für Lösungsfokussierte Gesprächsführung. Sie erforschen Kommunikation mit Mikroanalyse von Face-to-Face Gesprächen.

Sie leiten den Fachkurs Lösungsfokussierte Führung an der Hochschule Luzern – Wirtschaft, in der dieses Wissen einfliesst.


[1] Watzlawick, P./Beavin, J. H./Jackson, D. (1967). Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes. New York: W.W. Norton & Company. Auf Deutsch erschienen als Watzlawick, P./Beavin, J. H./Jackson, D. (1969). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Verlag Hans Huber, Hogrefe AG.

[2] Vgl. z.B. Bavelas, J./Gerwing, J./Healing, S. (2017). Doing mutual understanding. Calibrating with micro-sequences in face-to-face dialogue. In: Journal of  Pragmatics, 121, pp. 91-112.

[3] Watzlawick, P./Beavin, J./Jackson, D. (2017). Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 13., unveränderte Auflage. Bern: Hogrefe Verlag. S. 57.

[4] Shannon, C. E., & Weaver, W. (1949). The mathematical theory of communication. Urbana Champaign: University of Illinois Press

[5] Watzlawick, P./Beavin, J./Jackson, D. (2017). Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 13., unveränderte Auflage. Bern: Hogrefe Verlag. S. 26.

[6] Übersetzung: «Es war mein Ziel forschende Psychologin zu werden. (…) Dies habe ich die letzten 4-5 Dekaden meines Lebens gemacht. Und das ändert Dinge. Falls es dies nicht täte, wären wir wirklich besorgt. Wenn ich so lange auf Daten geschaut hätte und genau das gefunden hätte, was wir gesagt haben, was geschieht, in «Menschliche Kommunikation», dann würde ich betrügen. In 50 Jahren ist vieles geschehen. (…) Einige [der Axiome] habe ziemlich gut funktioniert, andere nicht.»

Höre das ganze Interview mit Janet Beavin Bavelas unter Czerny, E. J./Godat, D. (2018). SFP 10 – Episode 10: Seeing Interaction: Interview with Janet Beavin Bavelas. https://www.sfontour.com/project/sfp-10-seeing-interaction-interview-with-janet-beavin-bavelas/

[7] Vgl. z.B. Bavelas, J./Gerwing, J./Healing, S. (2017). Doing mutual understanding. Calibrating with micro-sequences in face-to-face dialogue. In: Journal of  Pragmatics, 121, pp. 91-112.

[8] vgl. Bavelas, J./Gerwing, J. (2011). The Listener as Addressee in Face-to-Face Dialogue. In: The International Journal of Listening, 25, pp. 178–198.

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