Immer mehr Solaranlagen, Batterien und Elektroautos werden ins Stromnetz eingebunden. Dadurch verteilt sich die Energieversorgung auf mehr Orte. Das erschwert die Koordination im Stromnetz. Unsere Forscherin Hongyan Sun untersucht in ihrer Doktorarbeit, wie Blockchain viele kleine Akteure besser aufeinander abstimmen kann. Gelingt das, lassen sich erneuerbare Energien verlässlicher nutzen und Stromnetze stabiler betreiben.
Ein stickig heisser Sommerabend. Klimaanlagen laufen auf Hochtouren, Elektroautos laden, gleichzeitig liefern Solaranlagen noch Strom ins Netz. Angebot und Nachfrage verschieben sich ständig. Das Stromnetz muss trotzdem in jeder Sekunde im Gleichgewicht bleiben. Was früher mit wenigen grossen Kraftwerken zentral gesteuert wurde, wird heute komplexer: Viele kleine, dezentrale Energiequellen kommen dazu.
Genau hier setzt die Forschung von Hongyan Sun an. Sie untersucht, wie sich ein Stromnetz, das immer stärker dezentralisiert wird, koordinieren lässt und welche Rolle Blockchain dabei spielen kann.
Hongyan Sun ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Luzern – Informatik. Dort forscht sie zu Blockchain-Systemen und deren Anwendung in dezentralen Energiesystemen und regulierten Märkten. Ihre Forschung ist kombiniert mit einem von der HSLU finanzierten Doktorat an der Universität Bern.
Sie doktoriert an der Universität Bern im Bereich Kryptografie und Datensicherheit und arbeitet an akademischen Grundlagen von Blockchain-Systemen, unter anderem an Konsensverfahren und leistungsfähigen Protokollen. In der hier vorgestellten Arbeit verbindet sie technische Grundlagen mit einer konkreten Frage: Wie lassen sich viele kleine Akteure im Stromnetz besser koordinieren?
Sun hat Informatik an der Tianjin University in China studiert und bringt internationale Forschungserfahrung mit. Heute lebt sie in Zürich. In die Schweiz zog sie gemeinsam mit ihrem Mann, der an der ETH Zürich doktoriert.
An der Hochschule Luzern (HSLU) arbeiten viele Doktorierende. Da die HSLU als Fachhochschule keine Doktortitel vergeben kann, führt sie Doktorate in Kooperation mit Universitäten durch. Die Doktorierenden sind an der HSLU angestellt und werden durch sie finanziert. Sie arbeiten an der HSLU in Forschungsprojekten und sind parallel als externe Doktorierende an einer Universität eingeschrieben. Eine Betreuungsperson an der HSLU begleitet sie fachlich im Forschungsalltag. So verbindet sich akademische Verankerung mit Nähe zur Praxis.
Mit jeder neuen Solaranlage und Batterie wird das Stromnetz kleinteiliger. Angebot und Nachfrage geraten schneller aus dem Gleichgewicht. «Im Alltag bekommen wir Strom sehr einfach», sagt Sun. «Wir stecken ein Gerät ein und laden es. Aber der Mechanismus dahinter ist viel komplizierter.»
Denn während langer Zeit wurde Strom vor allem mit fossilen Energieträgern und wenigen grossen Kraftwerken erzeugt. Dieses System war zentral und hierarchisch aufgebaut. Heute kommen viele neue Akteure hinzu: Haushalte mit Solaranlagen, Batterien, Elektroautos, lokale Produzenten und flexible Verbraucherinnen und Verbraucher.
Solar- und Windenergie bringen viele Schwankungen ins Stromnetz. Ich forsche an Lösungsansätzen, die helfen, das Netz stabil zu halten.
Hongyan Sun, Forscherin und Doktorandin, Hochschule Luzern – Informatik
Das bringt neue Chancen und Herausforderungen. Erneuerbare Energie kann vor Ort produziert und genutzt werden – mit jeder einzelnen Solaranlage auf dem Dach. Gleichzeitig entstehen neue Schwankungen. Denn Sonne und Wind produzieren je nach Witterung unterschiedlich viel Strom – ungeachtet des realen Strombedarfs. An einem heissen Abend können viele Geräte gleichzeitig Strom benötigen. An einem sonnigen Mittag produzieren Solaranlagen viel Strom, obwohl der Bedarf gerade tief ist.

Sun fasst die Herausforderung so zusammen: «Solar- und Windenergie lassen sich nur schwer steuern. Sie bringen viele Schwankungen ins Stromnetz. Ich forsche an Lösungsansätzen, die helfen, das Netz in diesem Kontext stabil zu halten.» Die zentrale Frage ihrer Forschung lautet demnach: Wie bringt man viele unabhängige Akteure dazu, so zu handeln, dass das Gesamtsystem stabil bleibt?
In der öffentlichen Debatte wird Blockchain oft mit Kryptowährungen verbunden. Sun forscht jedoch an einer anderen Frage: Wie kann Blockchain helfen, viele unabhängige Akteure in einem dezentralen Stromnetz zu koordinieren?
Sun setzt in ihrer Forschung dafür die Blockchain als Koordinations- und Anreizsystem ein. Der zentrale Gedanke: In einem dezentralen Stromnetz handeln viele Beteiligte unabhängig voneinander und verfolgen eigene Interessen. Eine klassische zentrale Steuerung stösst hier an Grenzen.
Blockchain kann gemeinsame Regeln und Anreize schaffen. Sie kann Transaktionen nachvollziehbar festhalten und Beteiligte auf einer gemeinsamen digitalen Ebene zusammenbringen. «Sie kann helfen, diese lange Geschäfts- und Abstimmungskette zu verkürzen», sagt Sun. «Die Beteiligten arbeiten auf einer gemeinsamen Plattform zusammen.»
Blockchain kann Anreize schaffen, damit Haushalte sich an diesem System beteiligen.
Hongyan Sun, Forscherin und Doktorandin, Hochschule Luzern – Informatik
So kann ein Haushalt beispielsweise mit Solarpanels mehr Strom produzieren, als er gerade braucht. Ein anderer Haushalt oder ein anderer teilnehmender Akteur im System benötigt Strom. Blockchain könnte solche direkten Transaktionen erleichtern. «Wenn meine Solarpanels mehr Strom produzieren, als ich brauche, möchte ich diese Energie verkaufen können», sagt Sun. «Mit Hilfe der Blockchain kann ich sie direkt an andere Teilnehmende im System weitergeben, ohne die ganze lange Kette einzubeziehen.» Bestimmte Abstimmungen, Nachweise und Anreize könnten so direkter und einfacher laufen.
Koordination im Stromnetz bedeutet, dass viele kleine Akteure so zusammenwirken, dass das Netz stabil bleibt. Es geht darum, wann Strom produziert, verbraucht und gespeichert wird. Ebenso muss klar sein, wann Strom ins Netz fliesst und wann flexible Geräte Strom beziehen, speichern oder ihren Verbrauch verschieben. Das Ziel: Alle handeln so, dass das Gesamtsystem funktioniert. Wie in einem Orchester liegt die Herausforderung darin, die einzelnen Instrumente zu einem harmonischen Spiel zusammenzubringen. Spielen viele gleichzeitig, ohne aufeinander zu hören, gerät das Musikstück aus dem Takt. Im Stromnetz ist es ähnlich: Wenn Solaranlagen, Batterien oder Ladestationen unkoordiniert wirken, gerät das System unter Druck. Entscheidend ist ihr geschickt dirigiertes Zusammenspiel.
Suns Forschung verbindet drei Elemente: lokale Prognosen durch intelligente Software, ein blockchainbasiertes Anreizsystem und Regeln, die das Zusammenspiel im Netz steuern. Für den untersuchten Prototyp arbeitet das HSLU-Forschungsteam mit einer Ethereum-basierten Blockchain. Das Forschungsteam hat den Ansatz bisher in Simulationen mit mehreren Haushalten in einem Microgrid- und Laborkontext getestet.
Dabei geht es um die Frage, welche technischen Eigenschaften ein solches System erfüllen muss, damit es in einem realen Stromnetz funktionieren kann.
Die Idee dahinter: Das System wird nicht nur zentral gesteuert, sondern auch über Anreize. Haushalte, Geräte und lokale Energiesysteme reagieren auf Signale und tragen so zur Stabilität bei. «Blockchain kann Haushalte mit Token belohnen», sagt Sun. Im Modell steht der Token für einen digitalen Anreiz: Wer Stromverbrauch oder Stromproduktion gut vorhersagt, kann belohnt werden. So sollen Haushalte, Geräte und lokale Energiesysteme besser zusammenspielen.
Damit solche Anreize funktionieren, braucht es gute Prognosen. Haushalte sollen nicht selbst ständig berechnen müssen, wann sie Strom verbrauchen, speichern oder verkaufen sollen. Diese Aufgabe wäre im Alltag zu aufwendig.

Hier kommen KI-Agenten ins Spiel. Sie können helfen, Stromproduktion und Stromverbrauch besser vorherzusagen. Dazu können Wetterdaten, lokale Messwerte oder Verbrauchsdaten dienen. Sensible Daten sollen dabei möglichst lokal bleiben. «Für Privatpersonen in einem Haushalt wären diese Aufgaben zu aufwendig», sagt Sun. «KI-Agenten können ihnen helfen, ihre Stromproduktion und ihren Stromverbrauch genauer und automatisch vorherzusagen.»
Wer von Menschen gute Energieprognosen erhalten möchte, muss deren Aufwand klein halten.
Tim Weingärtner, Blockchain-Experte, Hochschule Luzern – Informatik
Tim Weingärtner, der Suns Forschung an der HSLU fachlich eng begleitet, ergänzt: «Wer von Menschen gute Prognosen erhalten möchte, muss deren Aufwand klein halten. Gleichzeitig entsteht eine neue Frage: Wie können wir solchen Agenten vertrauen?» Darum prüft das HSLU-Forschungsteam auch lokale KI-Lösungen. «Die Daten sollten möglichst lokal bleiben und nicht auf entfernte Server wandern», sagt Sun. «So behalten die Menschen mehr Kontrolle über ihre Daten.»
Tim Weingärtner begleitet Suns Forschung fachlich eng. Sie beschreibt ihn als Co-Betreuer und intellektuellen Sparringspartner. Er ist Professor an der Hochschule Luzern – Informatik und Co-Leiter des Information Systems Research Labs. Seine Arbeit konzentriert sich auf Blockchain, Smart Contracts und digitale Identität. Im Rahmen der Blockchain Zug – Joint Research Initiative verantwortet er das Thema «Blockchain and Energy». Die Studie von Sun wurde über diese Initiative finanziert.
Als Vizepräsident von DIDAS und Präsident der DEC Association engagiert sich Weingärtner für digitale Identität, Datensouveränität und Blockchain-Bildung. Weingärtner und Sun arbeiten auch gemeinsam am Projekt DaDFiR3. Es entwickelt ein datenbasiertes Framework für finanzielle Risiken, regulatorisches Reporting und Anwendungen im Energiesektor.
Im Prototyp setzt das Team auf Ethereum. Diese Blockchain bietet eine stabile Umgebung für Smart Contracts. Smart Contracts sind digitale Regeln, die automatisch ausgeführt werden können.
Für ein reales Energiesystem müsste man die passende Blockchain-Technologie jedoch neu prüfen. Die öffentliche Ethereum-Blockchain wäre für viele schnelle Transaktionen nicht ideal. Sie kann zu langsam sein, und es können hohe Transaktionsgebühren entstehen. Denkbar wäre ein eigenes, zugangsbeschränktes Ethereum-Netzwerk oder eine andere Blockchain-Lösung.
Suns Arbeit betrifft nicht nur eine konkrete Anwendung im Energiesektor. Ein Teil ihrer Doktorarbeit an der Universität Bern liegt stärker auf der akademischen Ebene. Dort beschäftigt sie sich mit den Grundlagen von Blockchain-Systemen, besonders mit Konsensverfahren und leistungsfähigen Protokollen. Diese Grundlagen können später auch in anderen regulierten Bereichen wichtig werden, etwa im Finanzsektor.
Ein Teil von Suns Doktorarbeit an der Universität Bern liegt auf der technischen Grundlagenebene. Dort beschäftigt sie sich mit Blockchain-Systemen selbst. Im Zentrum stehen besonders Konsensverfahren und Mehrparteienprotokolle.
Simulationen der HSLU zeigen weniger Lastspitzen im Microgrid
In Simulationen zeigte der Ansatz des HSLU-Forschungsteams Folgendes:
Was bedeutet eine tiefere Lastspitze konkret? Wenn viele Geräte gleichzeitig Strom brauchen, entsteht Druck auf das Netz. Eine tiefere Lastspitze bedeutet, dass das System solche kritischen Momente besser abfedern kann. Das kann helfen, erneuerbare Energie verlässlicher zu integrieren und das Netz stabiler zu halten.
Für Haushalte kann das auch finanziell interessant sein: Wer eigenen Solarstrom besser nutzt, muss weniger Strom kaufen und speist weniger Überschuss ins Netz ein. Viele Haushalte wollen den eigenen Strom zudem nicht einfach verkaufen, sondern möglichst selbst nutzen. Wenn ein System dabei hilft, den Eigenverbrauch zu erhöhen, kann das den Haushalt entlasten und gleichzeitig Druck vom Netz nehmen.
Suns Forschung zeigt einen möglichen Weg, wie ein dezentrales Energiesystem organisiert werden könnte. Demnach könnten Haushalte und andere Endpunkte aktiver am Energiesystem teilnehmen. Neue Formen des Energiehandels wären denkbar, etwa «Peer-to-Peer»-Handel. Die Blockchain könnte Regeln, Nachweise und Transaktionen festhalten und so koordiniertes Handeln erleichtern.
Die Ergebnisse basieren bisher auf Simulationen. Tests in realen Stromnetzen stehen noch aus. Laut Sun liegt der grösste Engpass bei den Daten. «Für den nächsten Schritt fehlen uns noch genügend reale lokale Daten. Das ist derzeit die grösste Hürde», sagt sie. Dazu gehören zum Beispiel Daten zu Verbrauch, Produktion, Wetter und Lastverläufen.
Solche Daten sind schwer zugänglich. Sie betreffen oft private Haushalte oder sensible Infrastrukturen. Darum spielen Datenschutz und Vertrauen eine zentrale Rolle. Tim Weingärtner bemüht sich derzeit darum, Daten aus öffentlichen Gebäuden oder lokalen Pilotprojekten für das Forschungsteam zu gewinnen. Solche Daten wären weniger heikel als private Haushaltsdaten und könnten helfen, die Simulation näher an die Realität zu bringen.
Danach könnten weitere Tests folgen: zuerst mit realistischeren lokalen Daten, später mit privaten Pilot-Teilnehmenden. Auch offene technische Fragen müssten gelöst werden: Blockchain-Systeme müssen schneller und skalierbarer werden, wenn sie sehr viele Transaktionen im Alltag bewältigen sollen. Genau solche Grundfragen gehören ebenfalls zu Suns Doktorarbeit.
Suns Ansatz soll möglichst mit der bestehenden Infrastruktur funktionieren. Hardware im Stromnetz ist teuer, bleibt oft jahrzehntelang im Einsatz und braucht regelmässigen Unterhalt. Leitungen, Messpunkte und technische Anlagen lassen sich nicht einfach ersetzen. Jede zusätzliche Komponente verursacht Aufwand: Sie muss eingebaut, betreut und bei Störungen repariert werden. Dafür braucht es Zeit, Geld und Fachwissen. Genau das macht den Schritt aus dem Labor in die Praxis anspruchsvoll.
Oft gibt es eine Lücke zwischen Forschung und Anwendung. Meine Arbeit verbindet beide Seiten.
Hongyan Sun, Forscherin und Doktorandin, Hochschule Luzern – Informatik
Die HSLU-Forschung fragt deshalb früh, was ein Prototyp braucht, damit er den Schritt aus der Laborsimulation in reale Kontexte schafft. Genau hier liegt für Sun der Reiz ihrer Arbeit: «Oft gibt es eine Lücke zwischen Forschung und Anwendung», sagt sie. «Meine Arbeit verbindet beide Seiten. Das macht mir grosse Freude.»
Umweltfragen beschäftigen Sun seit ihrer Kindheit. «Ich habe als Kind gerne Tierdokumentationen geschaut. Es machte mich betroffen, zu sehen, wie Tiere unter dem Klimawandel leiden.» Sie habe schon als Mädchen die Motivation verspürt, sich für ökologische Themen einzusetzen. Auch privat sucht sie von ihrem Wohnort in Zürich aus oft die Nähe zur Natur. Sie wandert gerne und sagt, dass sie eine intakte Umwelt geniessen möchte.
Hongyan Sun heisst mit Familiennamen Sun. Im Informatik-Departement der HSLU sprechen sich die Mitarbeitenden per Du und mit Vornamen an. Bei ihr fällt jedoch auf: Kaum jemand nennt sie «Hongyan». Die meisten sagen «Sun». Für deutsch- und englischsprachige Ohren klingt dieser Name sofort nach Sonne. Sun selbst mag diese Assoziation. «Ich mag meinen Namen, weil er für Kraft, Lebendigkeit und Wärme steht», sagt sie – und zeichnet damit ein Bild, das gut zu ihrer Forschung passt.
Vertiefte Einblicke: Hongyan Sun und Tim Weingärtner sprechen in diesem Video ausführlicher über ihre Forschung an der HSLU.
Veröffentlicht im Juni 2026
Von: Gabriela Bonin
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