Forscherdrang in Reinkultur

Forscherdrang in Reinkultur
Janno (links), seine Schwester Jella und sein Bruder Tjelle führen der Jury an der First Lego League Junior ihr Zukunftshaus vor.

By Gabriela Bonin

Sie mögen Roboter, haben Fantasie und Spass am Bauen. An der First® Lego® League Junior FLL 2020 tauschten sich Janno, Tjelle und Jella mit anderen Technikbegeisterten aus. Ein Bericht über Visionen schlagfertiger Kids.

Drei Kinder in Ringelshirts stehen da wie aufgereiht: vor ihnen zwei angegraute Herren im Anzug, rund fünf Mal so alt wie der älteste Junge des Dreier-Teams. Mit prüfendem Blick beugen sich die Männer über eine Lego-Konstruktion der Kinder. Wir befinden uns an der Schlussveranstaltung der First® Lego® League Junior am Informatikdepartement der Hochschule Luzern in Rotkreuz. Das ist ein Technologie-Wettbewerb für sechs- bis zehnjährige Kinder. Dabei stehen die FIRST®-Grundwerte im Mittelpunkt: respektvoller Umgang, gemeinsames Erleben und kritisches Denken.

Erstaunliche Erdbebensicherung
Janno, zehn, lässig mit schulterlangem Haar, erläutert den zwei Herren Juroren die Arbeit seines Teams. Zum Beispiel, wie eine Kugel im Inneren des Hauses die Erdbebensicherheit erhöht: «Wenn ein Beben losgeht, dann schwingt sie durch die Trägheit ihrer Masse in die entgegengesetzte Richtung», erklärt Janno, «so heben sich die beiden Schwingungen auf.» Aha! Die Herren staunen.

Direktor René Hüsler (links) und Markus Kälin von Roche Diagnostic studieren als Gutachter das Zukunftshaus des «under construction»-Teams.
Direktor René Hüsler (links) und Markus Kälin von Roche Diagnostic studieren als Gutachter das Zukunftshaus des «under construction»-Teams.

Acht Kinder-Teams stellen an diesem Samstagmorgen ihre Lego-Bauten vor: Sie zeigen, was sie programmiert und gebaut haben. Dabei pflegen die rund fünfzig Mädchen und Buben mit den insgesamt vier Juroren einen ernsthaften Austausch. Man will herausfinden, wie sich heutige Kinder das «Bauen der Zukunft» vorstellen, wie sie reale technische Problemstellungen angehen würden.

Fantasie, Fantastereien und harte Fakten
Die Herren gehen vor den geringelten Geschwistern in die Hocke – ohne Höhendifferenz lässt es sich besser miteinander fachsimpeln. Sie lassen sich erklären, wie ein Kompressor im Falle eines Erbebens Luft zwischen Erdboden und Haus pumpen kann. Das Haus würde dann abheben… Alles Fantastereien? Aber nein: Die Kinder haben recherchiert. Rund zwanzig Stunden Vorarbeit haben sie in dieses Projekt gesteckt. Dabei haben sie auch ein Video gefunden, dass ein derartiges erdbebensicheres Luftkissenverfahren aus Japan vorstellt.

Laute Herzen, feste Stimmen
Janno, sein siebenjähriger Bruder Tjelle und seine Schwester Jella, fünf, mögen noch so viel kleiner sein als die Begutachter ihrer Arbeit, aber das scheint sie nicht zu kümmern: Kein Zittern in ihren Stimmen, kein verlegenes Räuspern während ihrer Präsentation liesse eine Unsicherheit erahnen. Dass sie am Vorabend vor lauter Aufregung kaum einschlafen konnten, brauchen die Anwesenden ja nicht zu wissen.

Wohl herrscht an diesem Anlass ein heiteres Kribbeln, wohl meint man gewisse Herzchen lauter schlagen zu hören, insgesamt aber ist die Stimmung entspannt. Einer der Hörsäle, der gewöhnlich von Informatik-Studierenden besetzt wird, summt vor lauter Kids, die sich hier mit den bunten Helium-Ballonen und Gummibärchen tummeln, die sie von der FLL-Organisation geschenkt bekommen haben.

Ein wichtiger Anlass in der Nachwuchsförderung
Die Schlussveranstaltung der First® Lego® League Junior dient als wichtiger Anlass für die Hochschule im Bereich der MINT-Förderung – also dem Gewinnen von Nachwuchs in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Unter den Juroren befinden sich nebst René Hüsler, dem Direktor der Hochschule Luzern – Informatik, auch Vertreter aus der Industrie. In diesem Jahr heisst das Motto «Boomtown Build – Gestaltet das Bauen der Zukunft». Im Publikum tummeln sich auch die Coaches und Fans der Kinder sowie einige Eltern.

Jetzt reden die Kids – die Coaches müssen schweigen
Das Ringelshirt-Team nennt sich «under construction». Dessen Coach ist der Götti von Janno: Ruedi Arnold arbeitet an der Hochschule Luzern als Dozent und Studiengangleiter Joint Degree Masters in Fachdidaktik Medien und Informatik. Die Coaches dürfen während der Präsentationen aber keine Hilfestellung leisten. Daher sprechen die drei Geschwister für sich allein. Zu wissen, dass der Götti ihr Projekt «voll cool» und geradezu «revolutionär» findet, stärkt ihnen aber den Rücken.

Keine zu klein, um Technikfan zu sein
Jella wäre als Fünfjährige noch ein Jahr zu jung für die offizielle Teilnahme, aber egal: Sie gehört einfach dazu, hat schliesslich bei allen Vorbereitungsarbeiten mitgemacht. Jella schnappt sich die Fernbedienung, setzt damit einen Fahrstuhl in Bewegung und zeigt auf einen Lego-Rollstuhlfahrer im schwebenden Lift: «Siehst du, der kann sich im Haus ohne Barrieren bewegen.» Aha, an Barrierefreiheit hat ihr Team also auch gedacht!

Keine Treppen? Egal, dann fliegt man eben!
Ein Juror bemerkt, dass das Haus keine Treppen hat. Wie verlassen die Leute denn das Haus, falls der Lift kaputt ist? «Na, dann fliegen sie eben!» kontert der siebenjährige Tjelle und leitet die Aufmerksamkeit der Juroren flugs über zum Windrad. Es war nämlich seine Idee, dieses zur Energieerzeugung des Hauses ins Konzept aufzunehmen. Woraufhin Jella stolz ein Riesenrad auf dem Dach in Bewegung setzt und erklärt, auch dieses biete eine einfache Einstiegsmöglichkeit für Rollstuhlfahrende. Janno hat das Riesenrad mit der kindgerechten Software von LEGO® Education WeDo zum Leben erweckt.

Die Freude am Forscherdrang verbindet Gross und Klein
Das Lächeln der Juroren während ihrer anschliessenden Besprechung unter vier Augen sagt eigentlich alles: Direktor René Hüsler und Markus Kälin, Leiter Berufsbildung bei Roche Diagnostics International AG in Rotkreuz, sind begeistert. Sie loben den «unglaublichen Forscherdrang» des «under construction»-Teams. Sie staunen über die «grossartige Programmierung» die auch die anderen Teams geleistet haben. Sie amüsieren sich über die Schlagfertigkeit der Kids.

Spielend bauen ohne Konkurrenzdruck
An der Preisverleihung übergibt die Jury jedem Kind eine Medaille. Alle teilnehmenden Mädchen und Buben werden geehrt. Es geht bei diesem Wettbewerb nicht um Konkurrenz, Noten oder Ränge. Es geht um die Freude an der Technik, um kreative Lösungen. So erhält beispielsweise ein Team eine Ehrung für seine «fantasievolle Konstruktion» und eines für «grossartiges Teamwork». Das Team «under construction» erhält eine Auszeichnung für «unglaubliche Bewegung».

Visionen der Kinder reichen bis ins Weltall
Eigentlich hätte man auch noch eine Ehrung für die «grossartigsten grünen Wortkreationen» hinzufügen sollen. Diese hätte das Team «The Future Builders» verdient. Sein Zukunftshaus hatte nicht nur eine Sumpfpflanzenabwasserreinigung sowie einen «Anti-Foodwaste»-Roboter. Die Kinder dachten bei ihrer Planung weit über unseren Planeten hinaus: Sie sorgten auch gleich für eine «Weltraumverschmutzungsbehebungsanlage».

Vier Juroren sowie die Verantwortliche des Schlussevents, Susanne Nikolic. V.l.n.r: Markus Kälin von Roche Diagnostics International, Gianni Bonnio (er war 24 Jahre Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug), Oliver Wolf von Geberit Schweiz, René Hüsler, Direktor Informatikdepartment Hochschule Luzern.
Die vier Juroren sowie die Verantwortliche des Schlussevents, Susanne Nikolic. V.l.n.r: Markus Kälin von Roche Diagnostics International, Gianni Bonnio (er war 24 Jahre Generalsekretär der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug), Oliver Wolf von Geberit Schweiz, René Hüsler, Direktor Hochschule Luzern – Informatik.
Eveline Thaler, Bauingenieurin und MINT-Verantwortliche der Hochschule Luzern – Architektur und Design, verfolgt mit ihrer Tochter gespannt, welche Auszeichnungen die Kinder erhalten.
Eveline Thaler, Bauingenieurin und MINT-Verantwortliche der Hochschule Luzern – Technik & Architektur, verfolgt mit ihrer Tochter gespannt, welche Auszeichnungen die Kinder erhalten.

Weitere Bilder von der FIRST® LEGO® League Junior in unserer Galerie oder auf Flickr. Der Wettbewerb fand am 25. Januar 2020 auf dem Campus Rotkreuz statt.

Bildergalerie First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

First Lego League Junior, 2020, Rotkreuz

Weiter zu den Videos und dem Bericht von der letztjährigen FLL Junior 2019.

Nächste MINT-Veranstaltung: Am 9. und 16. Mai 2020 finden die Regionalwettbewerbe der World Robot Olympiade statt, unter anderem auch auf dem Campus der Hochschule Luzern in Rotkreuz. Diese richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen neun und 19 Jahren.

Nachwuchsförderung: Die Hochschule Luzern – Informatik engagiert sich aktiv in der Kinder- und Jugendförderung. Sie bietet Kurse, Workshops und Lehrmaterialien zum Thema MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) an. Daneben wirkt sie im Rahmen des neuen Master-Studiums in Fachdidaktik Medien und Informatik bei der Ausbildung von Lehrkräften mit. Unter anderem unterstützt sie die internationale Initiative «Roberta® – Lernen mit Robotern». Auch bietet sie unter Youngtech@hslu zusammen mit dem Departement Technik & Architektur verschiedene Workshops zu den Themen Technik und Informatik an, unter anderem auch Scratch-Workshops, die den spielerischen Einstieg ins Programmieren erlauben. Am Nationalen Zukunftstag (jeweils im November) dürfen 11- bis 13-jährige Mädchen unter anderem an einem Roboter herumexperimentieren.

Ausbildung von Fachpersonal: Mit dem Joint Degree Master-Studiengang in Fachdidaktik Medien und Informatik ist die Hochschule Luzern – Informatik seit 2018 zusammen mit der Universität Zürich und den Pädagogischen Hochschulen Luzern und Schwyz auch in der Ausbildung von Fachpersonal tätig.

Mehr Hintergründe über die First Lego League: Die FIRST® LEGO® League (FLL) ist ein weltweites Bildungsprogramm von der amerikanischen Stiftung FIRST (For Inspiration and Recognition of Science and Technology) LEGO® und weiteren Sponsoren. Es ermöglicht Kindern den Zugang zu Wissenschaft und Technologie und soll sie für MINT-Themen begeistern. In Europa werden Lego-Events unter einheitlichen Wettbewerbsrichtlinien von HANDS on TECHNOLOGY koordiniert. Als regionaler Veranstaltungspartner führt die Hochschule Luzern zusammen mit den Pädagogischen Hochschulen Luzern und Zug seit 2019 die FIRST® LEGO® League Junior für Kinder bis zehn Jahre durch.

Am Ball bleiben mit unserem Blog: Beiträge mit Tipps und Neuigkeiten aus der Welt der IT: In diesem Blog porträtieren wir spannende Frauen und Männer aus der Informatik. Hier erfahren Sie mehr über neue Technologien, welche die Hochschule Luzern mitprägt. Abonnieren Sie unseren Blog!

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