Was macht gute Führung aus – und wie wird die eigene Wirkung auf andere sichtbar? Pferde reagieren unmittelbar auf Körpersprache, Präsenz und Klarheit.
Im pferdeunterstützten Coaching entsteht ein Erfahrungsraum, in dem Führung nicht nur besprochen, sondern erlebt, reflektiert und weiterentwickelt wird.
Im CAS Leadership wird erfahrungsbasiertes Lernen durch einen pferdegestützten Workshop integriert. Zu Beginn des Workshops lernen die Teilnehmenden in Vierergruppen ihr Pferd kennen. Die erste Aufgabe klingt einfach: Sie sollen das Pferd am Strick durch die Halle führen, in unterschiedliche Richtungen und mit verschiedenen Tempi.
Die Teilnehmenden gehen sehr unterschiedlich an die Aufgabe heran. Einige beobachten das Pferd zunächst aus der Distanz, andere strecken vorsichtig die Hand aus. Wieder andere laufen spontan los und schauen, ob das Pferd mitkommt.
Laura, Teamleiterin in einem Unternehmen, wählt einen anderen Weg. Sie läuft rückwärts. So kann sie den Blickkontakt zum Pferd halten und beobachten, wie es ihm geht. Ist das Tempo richtig? Fühlt es sich wohl? Doch während Laura sich auf das Pferd konzentriert, bleibt dieses stehen. Sie redet auf das Tier ein und versucht weiterzugehen – rückwärts. Schliesslich stolpert sie beinahe.
Der Coach interveniert und konkretisiert die Aufgabe: Laura soll das Pferd um eine Pylone führen und anschliessend zum Ausgangspunkt zurückkehren. Laura richtet ihren Blick auf die Pylone, dreht ihren Körper nach vorne und geht los. Das Pferd folgt ihr aufmerksam. Auf die Frage, was nun anders gewesen sei, antwortet Laura sofort: «Ich hatte das Ziel vor Augen.»
Ihre Kolleginnen erkennen darin ein Muster aus dem Führungsalltag. Laura kümmert sich intensiv um die Anliegen ihrer Mitarbeitenden. Dabei verliert sie mitunter die Leistungsziele aus dem Blick. Aus einer scheinbar einfachen Übung mit einem Pferd entsteht damit eine sehr konkrete Führungsfrage: Wie gelingt es, Fürsorge und Zielorientierung miteinander zu verbinden? Genau hier liegt eine Stärke des pferdeunterstützten Coachings: Führung wird für einen Moment sichtbar und unmittelbar erfahrbar.
Pferde sind Herden- und Fluchttiere. Sie richten ihr Verhalten stark auf die Wahrnehmung ihrer Umgebung und ihrer Sozialpartner aus. Sie kommunizieren untereinander nonverbal und reagieren sensibel auf Körperhaltung, Bewegung, Positionierung im Raum und andere soziale Signale (Gabor, 2021; Vernooij & Schneider, 2010; Zeitler-Feicht, 2015).
Als sozial lebende Tiere stimmen Pferde ihr Verhalten innerhalb der Gruppe aufeinander ab. Hinweise auf solche Prozesse gibt es auch in der Interaktion zwischen Mensch und Pferd: Pferde können emotionale Signale des Menschen wahrnehmen und darauf reagieren. Die aktuelle Verhaltensforschung untersucht, wie Pferde auf verschiedene Kommunikationskanäle reagieren, wie Körpersprache, Stimme und Gesichtsausdruck aber auch physiologische Parameter wie die Herzratenvariabilität (Scopa et al., 2019; Tripon et al., 2026). Das macht die Begegnung mit Pferden für das Coaching und die Führungsentwicklung interessant.
Das bedeutet nicht, dass Pferde Menschen «diagnostizieren» oder «objektiv beurteilen» könnten. Ihre Reaktion ist vielmehr ein Anlass zur Beobachtung und Reflexion: Was habe ich gerade getan? Was wollte ich erreichen? Wie eindeutig war meine Kommunikation? Welche Wirkung hatte mein Verhalten? Und was geschieht, wenn ich etwas daran ändere?
Bei der Arbeit mit Pferden rücken Aspekte in den Vordergrund, die im Arbeitsalltag leicht übersehen werden: Persönliche Präsenz, klare Kommunikation, Einsatz von Körpersprache, Verlässlichkeit und Vertrauen.
In der Interaktion mit Pferden fördert verlässliches Verhalten eine vertrauensvolle Beziehung. Das heisst, es besteht eine Kongruenz zwischen kommunizierten Signalen und Verhaltensweisen. Übertragen auf menschliche Führungsbeziehung bedeutet dies, dass Orientierung nicht allein dadurch entsteht, dass Führungskräfte Ziele formulieren. Entscheidend ist, ob ihr Verhalten mit dem Kommunizierten übereinstimmt und kongruent ist (Haase, 2015).
Das Pferd liefert keine fertige Interpretation.
Luzia Fuchs
Diese entsteht erst in der anschliessenden Reflexion
mit dem Coach und der Gruppe.
Genau diese Frage stellt sich auch in Lauras Übung. Ihre Absicht ist fürsorglich. Gleichzeitig signalisiert ihr Körper zunächst keine eindeutige Bewegungsrichtung. Erst als Ziel, Blick und Bewegung zusammenpassen, verändert sich die Interaktion.


Warum kann eine solche Erfahrung mehr bewirken als ein Gespräch über Führung? Eine Erklärung liefert das erfahrungsbasierte Lernen. Haimerl et al. (2015) beschreiben Experience-based Learning im Coaching als Lernen durch praktisches Handeln in neuartigen Situationen. Der didaktische Rahmen orientiert sich dabei unter anderem am Lernkreislauf von Kolb (1984).
Vereinfacht lässt sich dieser Prozess in vier Schritte gliedern:
Genau dieser Prozess findet bei Laura statt. Sie erlebt zunächst unmittelbar, dass ihre bisherige Strategie nicht zum Ziel führt. Eine Verschiebung ihres Fokus und ihrer Körpersprache führt zu einem anderen Ergebnis. Anschliessend reflektiert sie gemeinsam mit dem Coach und den Kolleginnen aus der Führungsausbildung die Situation und erkennt eine Verbindung zu ihrem Führungsalltag.
Die Umrundung der Pylone ist damit nicht das eigentliche Lernziel. Entscheidend ist die Frage, die Laura aus der Reithalle mitnimmt: Wie kann ich meinen Mitarbeitenden zugewandt sein und gleichzeitig die gemeinsame Richtung im Blick behalten?
Erst dieser Transfer macht aus einer
Sylvia Manchen Spöri
Pferdeübung Führungsentwicklung.
Genau darin liegt die Stärke erfahrungsbasierten Lernens: Manche Führungsfragen verstehen wir erst richtig, wenn wir sie nicht nur durchdenken, sondern auch erleben.


Das Pferd als neutraler Co-Coach erweitert die klassische Beziehung zwischen Coach und Coachee. Seine Reaktionen liefern zusätzliche Beobachtungen, die im Coaching aufgegriffen werden können. Friesenhahn (2016) beschreibt diesen Ansatz als Erweiterung von der Dyade zur Triade, also von einer Zweier- zu einer Dreierbeziehung.
Während Menschen auf Titel, Funktionen oder sprachliche Erklärungen reagieren, orientiert sich das Pferd an der Interaktion im jeweiligen Moment. Haase (2015) hebt für die Führungsentwicklung besonders die direkte Reaktion auf Körpersprache hervor. Dabei erfahren die Führungskräfte, ob sie ihr Ziel kennen und dieses in ihrem Verhalten zum Ausdruck bringen.
Führungskräfte können in einem ungewohnten Kontext beobachten, wie sie Orientierung geben, Ziele vermitteln, Vertrauen aufbauen oder mit Widerstand und Unsicherheit umgehen. Dabei geht es nicht darum, die Führung eines Pferdes direkt auf die Führung von Mitarbeitenden zu übertragen. Vielmehr bietet die Interaktion die Möglichkeit, das eigene Führungsverhalten aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen und zu reflektieren.
In einer Gruppe kommt eine weitere Dimension hinzu. Neben dem eigenen Erleben und der Reaktion des Pferdes beobachten andere Teilnehmende die Situation. Sie können beschreiben, was sie wahrgenommen haben. Dadurch lassen sich Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander vergleichen. Gerade für Führungskräfte ist dieser Perspektivenwechsel aufschlussreich: Entspricht die beabsichtigte Wirkung tatsächlich der wahrgenommenen Wirkung?
Führung verlangt mehr als Fachwissen und Entscheidungskompetenz. Führungskräfte müssen Orientierung geben, Beziehungen gestalten, mit Unsicherheit umgehen und die Wirkung ihres eigenen Verhaltens reflektieren können.
Die unmittelbare Rückmeldung des Pferdes auf nonverbale Signale eröffnet die Möglichkeit, die eigene Wirkung zu erleben und mit unterschiedlichen Verhaltensweisen zu experimentieren. Was verändert sich, wenn ich klarer auftrete, mehr Raum gebe, mein Ziel deutlicher verfolge oder meine Strategie ändere? Die Reaktion des Pferdes liefert dabei einen zusätzlichen Impuls zur Reflexion.
Entscheidend für die Führungsentwicklung ist der Transfer in den beruflichen Alltag. Coachingfragen stellen diese Verbindung her: Wo kenne ich dieses Verhalten aus meinem Führungsalltag? Welche Wirkung möchte ich erzielen? Welche Alternativen habe ich? Und was will ich konkret ausprobieren?
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, menschliche Teams mit Pferdeherden gleichzusetzen. Führung von Menschen ist komplexer und beruht auf Kommunikation, Partizipation, Verantwortung und organisationalen Rahmenbedingungen. Die Begegnung mit dem Pferd reduziert diese Komplexität für einen Moment und richtet die Aufmerksamkeit auf grundlegende Fragen der eigenen Wirkung.
Und manchmal genügt dafür die Umrundung einer Pylone. Laura nimmt aus ihrer Übung keine neue Führungstheorie mit, sondern die Erfahrung: Fürsorge ist wichtig, doch wer führen will, muss zugleich wissen, wohin es gehen soll.
Pferdeunterstütztes Coaching wird seit Jahren in der Persönlichkeits- und Führungsentwicklung eingesetzt. Die empirische Forschung dazu steht jedoch noch am Anfang. Aussagen über seine Wirksamkeit sollten deshalb mit entsprechender Zurückhaltung getroffen werden. Studien liefern jedoch interessante Hinweise. Zahlreiche Fallstudien beschreiben, wie Führungskräfte pferdeunterstützte Coachingprozesse erleben und welche Entwicklungen sie damit verbinden (Beier, 2011; Konir, 2012; Schröder & Staupendahl, 2019). Daneben finden sich auch einige quantitative Experimente. Schütz und Steinhoff (2019) untersuchten den Einfluss pferdegestützten Coachings auf die Selbstwirksamkeitserwartung. In ihrer Untersuchung mit 106 Personen zeigte sich nach dem Coaching eine signifikante positive Veränderung der Selbstwirksamkeitserwartung, die wiederum für erfolgreiches Führungsverhalten zentral ist. Die Autorinnen und Autoren weisen zugleich auf offene Fragen hin, unter anderem zur Langzeitwirkung und zu den Wirkfaktoren der Coachings. Weitere Arbeiten von Schütz und Kolleg:innen erweitern die empirische Grundlage (Schütz & Schmitz, 2021; Schütz, 2022). Bisherige Befunde sprechen dafür, dass pferdeunterstützte Interventionen relevante psychologische Prozesse anstossen können, die für die persönliche Entwicklung und Führungskompetenzen relevant sind.
Ein Pferd macht aus einer Führungskraft nicht automatisch eine bessere Führungskraft. Es kann aber Situationen erzeugen, in denen das eigene Verhalten ungewöhnlich direkt erlebt und anschliessend reflektiert werden kann und dadurch die Führungskompetenz weiterentwickelt.
Im Rahmen des CAS Leadership besuchen die Teilnehmenden zum Abschluss einen pferdegestützten Workshop.
Beier, D. (2011). Überholen mit 1 PS. Wie Manager von Pferden lernen. Pabst Science Publishers.
Friesenhahn, J. (2016). Kommunikation als Basis wirkungsvollen Führungskräfte-Coachings: Von der Dyade zur Triade im Setting mit Pferden. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-16273-3
Gabor, V. (2021). Mensch und Pferd auf Augenhöhe: Pferdegerecht kommunizieren. Müller Rüschlikon.
Haase, M. (2015). Wertvolle Bewegung – von Pferden lernen heißt führen lernen. In N. Müller & C. Jäger (Hrsg.), WERTEorientierte Führung von Familienunternehmen (S. 201–220). Springer Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-658-09237-5_10
Haimerl, T., Eschbach, M., & Hanke, M. (2015). Coaching mit experience-based learning Modulen: Rahmenmodell und Praxisbeispiele. Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 22, 61–71. https://doi.org/10.1007/s11613-015-0406-4
Kolb, D. A. (1984). Experiential learning. Englewood Cliffs: Prentice Hall.
Konir, G. (2012). Pferdegestütztes Coaching. Books on Demand.
Scopa, C., Contalbrigo, L., Greco, A., Lanatà, A., Scilingo, E. P., & Baragli, P. (2019). Emotional transfer in human–horse interaction: New perspectives on equine assisted interventions. Animals, 9(12), 1030. https://doi.org/10.3390/ani9121030
Schröder, A., & Staupendahl, K. (Hrsg.). (2019). Die Kraft pferdegestützter Coachings: 22 horsesense Erfolgsgeschichten. Books on Demand.
Schütz, K. (2022). Pferdegestütztes Coaching – psychologisch basiert und wissenschaftlich fundiert. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-64510-9
Schütz, K., & Schmitz, J. (2021). Positive and negative affects in horse-assisted coachings. Coaching | Theorie & Praxis, 7, 25–33. https://doi.org/10.1365/s40896-021-00052-6
Schütz, K., & Steinhoff, J. (2019). Einfluss von pferdegestützten Coachings auf die Selbstwirksamkeitserwartung. Coaching | Theorie & Praxis, 5, 11–22. https://doi.org/10.1365/s40896-019-0028-5
Tripon, M. A., Manolăchescu, D., Papuc, I., Daradics, Z., & Crecan, C. M. (2026). Measuring emotional contagion in horse–human interactions: A systematic scoping review of methods and outcomes. Journal of Equine Veterinary Science, 156, Article 105754. https://doi.org/10.1016/j.jevs.2025.105754
Vernooij, M. A., & Schneider, S. (2010). Handbuch der tiergestützten Intervention: Grundlagen, Konzepte, Praxisfelder (2. Aufl.). Quelle & Meyer.
Zeitler-Feicht, M. H. (2015). Handbuch Pferdeverhalten: Ursache, Therapie und Prophylaxe von Problemverhalten (3. Aufl.). Ulmer.
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