Teil 3 unserer Zukunftsserie führt in immersive Welten: Nathaly Tschanz spricht über Smartglasses, neue Formen der Mensch-Computer-Interaktion und Anwendungen, die unseren Alltag und künftige Berufsfelder verändern könnten. Dabei geht es auch um kritische Fragen zu Wahrnehmung, Privatsphäre und digitaler Souveränität. Die Serie «10 Jahre voraus» erscheint zum 10-Jahre-Jubiläum der Hochschule Luzern – Informatik.
Zukunfsserie «10 Jahre voraus»: Teil 3
Immersive Technologien verändern, wie Menschen mit digitalen Inhalten umgehen. Sie verlagern Informationen vom Bildschirm in virtuelle Räume, in erweiterte Umgebungen oder direkt ins menschliche Sichtfeld.
In der angewandten Forschung entstehen unter anderem Anwendungen für Bildung, Medizin, Industrie und Kommunikation. Dabei geht es auch darum, digitale Technik intuitiver, menschlicher und verantwortungsvoll zu gestalten. Die Lehre bereitet Fachpersonen auf Berufsfelder vor, in denen KI, räumliches Computing, Sensorik und immersive Technologien zusammenwachsen.
Der dritte Teil unserer Serie «10 Jahre voraus» blickt auf einen Trend, der unseren Alltag künftig stark prägen könnte: Digitale Inhalte rücken näher an unsere Wahrnehmung. Damit wachsen auch Fragen zu Aufmerksamkeit, Privatsphäre und digitaler Souveränität.
Im September 2026 feiert die HSLU – Informatik ihr 10-Jahre-Jubiläum. Aus diesem Anlass blicken unsere Expertinnen und Experten in einer mehrteiligen Serie zehn Jahre voraus. Was verändert sich gerade, das viele noch unterschätzen? Welche Technologien könnten unseren Alltag in zehn Jahren prägen? Und welches heute noch kühne Szenario könnte Realität werden? Im Fokus stehen folgende Fachgebiete:

Nathaly Tschanz: 2007 kam mit dem iPhone das erste Smartphone auf den Markt – ein Nischenprodukt für Reiche. Kaum zehn Jahre später trug es praktisch jeder Mensch mit sich herum.
Wir könnten unterschätzen, wie schnell nach Smartphone und Laptop auch Smartglasses zum nächsten alltäglichen Zugang zur digitalen Welt werden. Dadurch könnten Informationen, Kommunikation und KI künftig direkt in unser Blickfeld rücken und sich an unsere aktuelle Situation anpassen.
Digitale Systeme werden unsere Umgebung verstehen, interpretieren und passend darauf reagieren.
Die spannendere Frage ist jedoch nicht, wie die nächste Generation von Geräten aussehen wird, sondern wie sich räumliches Computing weiterentwickelt. Häufig wird die Diskussion auf Hardware reduziert. Tatsächlich geht es aber um Spatial Intelligence: Digitale Systeme werden unsere Umgebung zunehmend verstehen, interpretieren und kontextbezogen darauf reagieren können. Sie erfassen dabei etwa, wo sich Menschen und Objekte befinden und wie sie sich im Raum zueinander verhalten.
Damit verändert sich, wie Menschen mit Technologie umgehen: Sie nutzen nicht mehr nur einzelne Bildschirme. Digitale Inhalte erscheinen zunehmend direkt in ihrer Umgebung und reagieren auf das, was dort geschieht. So entstehen intelligente digitale Ebenen, die mit unserer physischen Welt verschmelzen. Diese Entwicklung hängt eng mit Spatial Computing zusammen, also mit Technologien, die digitale Inhalte räumlich in unsere Umgebung einbetten.
Immersive Technologien werden in den nächsten zehn Jahren noch stärker Teil unseres Alltags. Oft wirken sie unauffällig im Hintergrund. In der Schweiz könnten Menschen etwa virtuelle Lern- und Trainingsräume nutzen. Sie könnten medizinische Beratungen, Sportanlässe oder Konzerte in Mixed Reality erleben.
Künftig könnten Menschen auch mit digitalen Zwillingen von Städten, Gebäuden und Infrastrukturen arbeiten. Gleichzeitig verbinden sich KI, räumliches Computing und Sensorik. Dadurch entstehen neue Formen der Zusammenarbeit, der Kommunikation und der Entscheidungsfindung.
Digitale Technologien werden intuitiver und menschlicher gestaltet.
Die Fach-Community sieht grosses Potenzial darin, digitale Technologien intuitiver und menschlicher zu gestalten. Menschen könnten künftig stärker mit natürlichen Handbewegungen, Sprache und Blicken arbeiten, statt Geräte über Tastatur, Maus oder Game-Controller zu steuern. Immersive Technologien können Bildung zugänglicher sowie komplexe Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen unabhängig vom Ort enger miteinander verbinden.
Sie diskutiert vor allem Fragen zu Datenschutz, Überwachung und digitaler Abhängigkeit. Wenn immersive Technologien dauerhaft unsere Wahrnehmung begleiten, können sie Aufmerksamkeit, Verhalten und gesellschaftliche Machtverhältnisse stark beeinflussen.
Gleichzeitig besteht das Risiko, dass digitale Ungleichheiten wachsen. Kritisch diskutiert wird auch, wie grosse Technologie- und Plattformunternehmen, etwa Meta, Daten schwer kontrollierbar im öffentlichen Raum sammeln, verknüpfen und mit KI auswerten.
«Online sein» könnte künftig kein Zustand mehr sein, den wir bewusst einschalten. Es wäre Teil unseres Alltags.
Dass wir digitale Inhalte in zehn Jahren nicht mehr vor allem auf Bildschirmen sehen, sondern direkt als ständige Ebene über unserer Realität erleben. «Online sein» wäre dann kein bewusster Zustand mehr. Es wäre Teil unseres Alltags: mit KI-Assistenten, die Situationen in Echtzeit deuten, kommentieren und beeinflussen.
Die HSLU – Informatik hat mit dem Immersive Realities Center (IRC) und dem Bachelor-Studiengang Immersive Technologies heute eine schweizweit führende Position – entscheidend wird sein, diesen Vorsprung aktiv zu verteidigen.
Das Immersive Realities Center (IRC) ist ein interdisziplinäres Ökosystem der Hochschule Luzern und am Departement Informatik angesiedelt. Es befasst sich mit immersiven Technologien. Diese ermöglichen jene technologischen Ansätze, die das Abtauchen in virtuelle Welten oder Umgebungen erlauben. Forschende entwickeln im integrierten Research Lab Prototypen und Anwendungen. Interessierte Unternehmen und Bildungsstätten aus der Region können im Showroom neue Technologien ausprobieren.
Immersive Technologien entwickeln sich schnell. Deshalb braucht es laufend Investitionen in Infrastruktur, klare organisatorische Strukturen und strategischen Mut. Nur so scheitert Innovation nicht an fehlenden Ressourcen.
Dazu würde aus meiner Sicht auch ein neuer Master-Studiengang an der HSLU gehören: Er würde unseren Absolventinnen und Absolventen aus Immersive Technologies, AI and Machine Learning und weiteren Studiengängen die Möglichkeit bieten, sich in angrenzenden Disziplinen weiter auszubilden. Denn in Zukunft werden vor allem Spezialistinnen und Spezialisten gefragt sein, welche die Technologie-Fusion beherrschen.
Es braucht in Zukunft Fachleute, die die aktuelle Technologie-Fusion beherrschen.
Immersive Technologien werden oft immer noch auf Gaming oder Unterhaltung reduziert. Tatsächlich geht es aber um eine neue Form der Mensch-Computer-Interaktion. Sie kann Bereiche wie Bildung, Medizin, Industrie oder Kommunikation grundlegend verändern.
Die spannendsten Anwendungen sind meist nicht die lautesten – sondern jene, die digitale Technologie fast unsichtbar in den Alltag integrieren. Zum Beispiel wenn medizinisches Personal komplexe chirurgische Eingriffe vorher an einem virtuellen Modell besprechen und trainieren kann. Oder wenn Servicetechnikerinnen und Servicetechniker bei Wartungsarbeiten Schritt-für-Schritt-Anleitungen direkt in ihr Sichtfeld eingeblendet erhalten, ohne ihre Arbeit unterbrechen zu müssen.
Zum Weiterdenken: Zukunftsbilder betreffen uns alle. Welche Chancen und Risiken sollten wir heute diskutieren, damit technologische Entwicklungen verantwortungsvoll gestaltet werden?
Interview: Gabriela Bonin
Illustration Aufmacherbild: Simon Gast
Veröffentlicht am: 29. Juli 2026

Aus- und weiterbilden: Die Hochschule Luzern – Informatik bietet Bachelor- und Master-Studiengänge, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie Weiterbildungsangebote der Informatik und Wirtschaftsinformatik auf einem Campus.
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