Im siebten Teil unserer Zukunftsserie spricht Blockchain-Experte Tim Weingärtner über eine Technologie, die künftig oft unbemerkt im Hintergrund wirken wird. Es geht darum, wie Blockchain Vertrauen, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung fördern kann – und dass Technologie menschlicher werden soll. Die Serie «10 Jahre voraus» erscheint zum 10-Jahre-Jubiläum der Hochschule Luzern – Informatik.
Zukunftsserie «10 Jahre voraus»: Teil 7
Blockchain wird künftig vermehrt im Hintergrund eingesetzt: bei Zahlungen, digitalen Nachweisen, Zertifikaten und Identitäten – auch ausserhalb der Finanzindustrie. Wenn KI-Assistenten dereinst Einkäufe erledigen, Aufträge auslösen oder Entscheidungen vorbereiten, stellt sich eine zentrale Frage: Wer oder was handelt eigentlich in unserem Namen?
Blockchain-Experte Tim Weingärtner blickt in diesem Interview über technische Anwendungen hinaus. Er spricht darüber, wie digitale Technologien Gemeinschaft und Anerkennung jenseits von Geld stärken könnten. Zudem fragt er, was eine stärker automatisierte Welt für Arbeit und sozialen Zusammenhalt bedeutet. Weitere Themen sind digitale Identitäten, Vertrauen und die Frage, wie menschlich diese Welt bleiben kann.
Im September 2026 feiert die HSLU – Informatik ihr 10-Jahre-Jubiläum. Aus diesem Anlass blicken unsere Expertinnen und Experten in einer mehrteiligen Serie zehn Jahre voraus. Was verändert sich gerade, das viele noch unterschätzen? Welche Technologien könnten unseren Alltag in zehn Jahren prägen? Und welches heute noch kühne Szenario könnte Realität werden? Im Fokus stehen folgende Fachgebiete:

Das Information Systems Research Lab schafft Innovation entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ein Schwerpunkt liegt auf Blockchain und Web3: Das Blockchain Lab als Untereinheit des Labs arbeitet mit Distributed-Ledger-Technologie und forscht zu Skalierbarkeit, Konsensbildung, digitalen Identitäten, Datenschutz und Governance. Weitere Themen sind Datenpflege, zuverlässige Machine-Learning-Modelle und Datenanalyse.
Tim Weingärtner: Die Nutzung von Blockchain wird unbemerkt zunehmen. Neue Services und Anwendungen setzen sie im Hintergrund für bestimmte Aufgaben ein. Die Nutzerinnen und Nutzer bekommen davon kaum etwas mit.
Künstliche Intelligenz verändert die Welt. Gleichzeitig werden andere Technologien wie Blockchain, Quantencomputing und das Internet of Things (IoT) immer wichtiger. Bisher spielten sie im Alltag vieler Menschen kaum eine Rolle. Nun wachsen diese Technologien zusammen und greifen ineinander.
Beispiele wären Stablecoins, also digitale Token, deren Wert an eine klassische Währung wie den Franken, Euro oder US-Dollar gekoppelt ist. Sie können im Hintergrund Zahlungen oder Abrechnungen vereinfachen.
Blockchain kann Daten unveränderbar und transparent dokumentieren.
Ein weiteres Beispiel ist die Tokenisierung von CO2-Zertifikaten. Dabei können Emissionsrechte oder Klimanachweise digital abgebildet und ihre Übertragung nachvollziehbar dokumentiert werden.
Auch bei Audit-Trails kann Blockchain eine Rolle spielen: Datenänderungen lassen sich unveränderbar und transparent dokumentieren, etwa in Lieferketten, bei Zertifikaten oder in der Forschung.
Eine mögliche Entwicklung: In drei bis vier Jahren könnten viele Menschen eine persönliche KI-Assistenz nutzen. Sie würde nicht nur Fragen beantworten, sondern auch selbstständig Aufgaben übernehmen, etwa Einkäufe erledigen, Bestellungen auslösen oder Aufträge abwickeln. Dafür müsste sie auch auf Zahlungsinformationen zugreifen können. Stablecoins und Blockchain könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.
Die technologische Entwicklung wird sich weiter beschleunigen. Für viele Menschen könnte dieses Tempo zu hoch sein. Ich gehe deshalb davon aus, dass es eine Gegenbewegung in Form einer Entschleunigung geben wird. Welche Rolle dabei digitale, nicht handelbare Werte, soziale Beiträge und Identität spielen werden, ist noch offen.
Wir untersuchen, wie digitale Achtsamkeit, Gemeinschaft und nicht-monetäre Anerkennung gestärkt werden können.
Ein konkretes Beispiel ist unsere Vorstudie «Mindful Campus Identity» am Campus Rotkreuz. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus HSLU – Informatik und HSLU – Soziale Arbeit untersuchten wir, wie digitale Achtsamkeit, Gemeinschaft und nicht-monetäre Anerkennung gestärkt werden können.
Unser Ansatz ist vom Konzept des Bruttonationalglücks aus Bhutan inspiriert. Die Vorstudie zeigt: Viele Menschen – vor allem auch Jugendliche – wünschen sich mehr gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung, aber ohne Rankings, Wettbewerb oder zusätzlichen Leistungsdruck.
Gemeinsam mit unserer Partneruniversität in Bhutan erforschen wir deshalb freiwillige, blockchain-basierte Formen nicht-monetärer Anerkennung – etwa für Zeit, die Menschen füreinander aufwenden, oder für gegenseitige Aufmerksamkeit. Wichtig ist für uns die klare Abgrenzung von Social-Credit-Systemen.
Mein Thema sind Blockchain und digitale Identitäten. Wir gehen heute davon aus, dass beide in Zukunft eine grosse Rolle spielen werden. Sie können helfen, einigen der Cyberrisiken zu begegnen, die auf uns zukommen.
Digitale Zahlungen und die Automatisierung mit Smart Contracts dürften an Bedeutung gewinnen – auch ausserhalb der Finanzindustrie.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Menschlichkeit im digitalen Umfeld. Wie können wir trotz zunehmender Digitalisierung gegenseitige Unterstützung und Hilfe fördern? Und wie schaffen wir es, uns nicht auf eine rein materielle Lebensweise zu beschränken?
Die Frage nach Vertrauen wird wichtiger: Wer kommuniziert mit uns – ein Mensch, ein Bot oder ein manipuliertes Profil?
Für viele Menschen und Unternehmen wird es schwierig sein, mit der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Besonders gefordert sind Firmen, die in der IT nicht zu Hause sind. Der Einsatz von KI wird für sie kein «Nice to have» mehr sein.
Mit dem Einsatz von KI wächst auch die Frage nach Vertrauen: Wer kommuniziert mit uns – ein Mensch, eine Organisation, ein Bot oder ein manipuliertes Profil? Dabei wird die digitale Identität eine wichtige Rolle spielen. Sie kann helfen, Personen, Rollen und Organisationen verlässlich zu prüfen. Damit schafft sie eine Grundlage dafür, dass Unternehmen und Menschen digitale Dienste sicher nutzen können.
Am 28. September 2025 nahm das Schweizer Stimmvolk das E-ID-Gesetz knapp an. Die staatliche E-ID soll freiwillig und kostenlos sein. Sie ermöglicht es, sich digital auszuweisen und elektronische Nachweise sicher zu nutzen.
Die Einführung verzögert sich jedoch: Der Bund will den Schutz vor Missbrauch, Schadsoftware und Deepfakes weiter stärken. Ein neues Startdatum steht derzeit noch nicht fest; die Vertrauensinfrastruktur für digitale Nachweise soll voraussichtlich im ersten Halbjahr 2027 in Betrieb gehen.
Ein kritischer Aspekt ist die Benutzerfreundlichkeit. Wir kämpfen seit Jahren um einfachere und verständlichere Bedienbarkeit.
Blockchain ist eine dezentrale Technologie, die Ökosysteme unterstützt. Dabei steht der nachweisbare und teilweise auch automatisierte Austausch von Daten im Zentrum. Die Blockchain eignet sich nicht als Mittel für ein Plattform-Geschäftsmodell einer einzelnen Firma. Das wird oft immer noch missverstanden.
Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Benutzerfreundlichkeit. Wir kämpfen seit Jahren um einfachere und verständlichere Bedienbarkeit. Hier zeichnen sich mögliche Lösungen ab, aktuell bleibt dies jedoch eine grosse Herausforderung.
Die Blockchain könnte dereinst zu einem Betriebssystem für unsere Gesellschaft werden.
Wenn Technologie uns viel Arbeit abnimmt, könnte die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen wieder stärker in den Vordergrund rücken. Zugleich müssten wir neu klären, wo Menschen Sinn, Struktur und Zugehörigkeit finden.
Ein verrücktes Szenario spezifisch für Blockchain könnte sein, dass sie das Betriebssystem für unsere Gesellschaft wird. Gemeint ist eine technische Grundlage, auf der viele unterschiedliche Abläufe und Anwendungen aufbauen können. Die Blockchain könnte auch die Basis für eine Maschinenökonomie bilden, in der Geräte und Systeme selbstständig Daten austauschen, Leistungen beziehen und Zahlungen auslösen.
In einem weiteren Schritt könnten Länder und Gemeinschaften Grundbücher, Wahlen, Steuern und Sozialleistungen über eine nationale Blockchain organisieren. Analog zu DAOs, also dezentralen autonomen Organisationen, könnte sich der Staat zu einem «Decentralized Autonomous State» entwickeln. Eine solche Infrastruktur könnte etwa festhalten, wem ein Grundstück gehört, wer wählen darf, welche Abgaben geschuldet sind oder wer Anspruch auf Sozialleistungen hat.
KI-gestütztes Lehren und Lernen wird an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird das gemeinsame Lernen unter Studierenden wichtiger. Die Hochschule vermittelt Wissen, fördert Lernen und bestätigt erworbene Kompetenzen. Künftig muss sie auch den Austausch unter Studierenden stärker fördern.
Blockchain bleibt eine wichtige Grundlagentechnologie. Sie zu verstehen, gehört zu einer fundierten Informatikausbildung. Das gilt besonders im Zusammenspiel mit anderen Technologien wie KI, IoT und Quantencomputing.
Forschung und Industrie rücken näher zusammen. Dafür braucht es neue Formen der Zusammenarbeit und Förderung.
In der Forschung entstehen täglich neue Themenfelder. Die hohe Geschwindigkeit ist eine grosse Herausforderung. Langfristige Projekte über drei bis fünf Jahre verändern sich oft noch während ihrer Laufzeit.
Gleichzeitig rücken Forschung und Industrie stärker zusammen. Das erfordert neue Formen der Zusammenarbeit und der Projektförderung.
Initiativen wie die Blockchain Zug – Joint Research Initiative zeigen, wie Forschungsförderung künftig aussehen kann. Statt einzelne Projekte zu fördern, bauen sie Themenfelder gezielt auf und unterstützen sie über längere Zeit. Dabei arbeiten verschiedene Fachrichtungen bewusst zusammen.
Die «Blockchain Zug – Joint Research Initiative» verbindet unterschiedliche Forschungsperspektiven. Die Universität Luzern hat dafür das Zug Institute for Blockchain Research (ZIBR) gegründet. Das Institut erforscht Blockchain aus humanwissenschaftlicher und rechtlicher Perspektive. Geplant sind insgesamt neun Professuren.
Die HSLU baut ihre seit 2016 bestehende Blockchain-Forschung weiter aus. Dabei arbeiten die Departemente Informatik und Wirtschaft interdisziplinär zusammen. Die HSLU bringt vor allem technologische, wirtschaftliche und anwendungsorientierte Perspektiven ein. Das ZIBR untersucht insbesondere die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen. Diese Verbindung prägt den besonderen Ansatz der Initiative.
Auch die internationale Zusammenarbeit verändert sich. Wir lehren und forschen bereits heute gemeinsam mit Partneruniversitäten in Europa, Kanada, Afrika und Asien zum Thema Blockchain. Beispiele sind die Summer School mit der University of British Columbia, die Unterstützung beim Aufbau von Blockchain-Programmen an der University of Aveiro in Portugal und an der University of Namibia sowie die bereits erwähnten Forschungsaktivitäten mit dem GCIT in Bhutan. Diese internationalen Partnerschaften sind für unsere Forschung und für unsere Studierenden von zentraler Bedeutung.
Digitale Identitäten werden entscheidend dafür sein, wem wir in einer vernetzten Welt vertrauen.
In zehn Jahren werden wir viele Aufgaben an digitale Systeme delegieren. Vertrauen wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Wie wir damit umgehen, lässt sich heute noch nicht abschätzen.
Ich sehe zwei mögliche Entwicklungen: Wir könnten uns noch stärker individualisieren. Oder wir suchen bewusster die menschliche Gemeinschaft. Digitale Identitäten werden dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Blockchain wird dabei zu einer wichtigen Grundlage und Infrastruktur. Sie ermöglicht sichere und automatisierte Transaktionen. Zudem schafft sie nachvollziehbare Dokumentationen und kann nachträgliche Manipulationen erschweren. Diese Themen gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Blockchain ist mehr als Bitcoin und weit mehr als eine Technologie für Finanzmärkte.
Bei digitalen Identitäten entstehen derzeit viele neue Missverständnisse. Mir ist bewusst, dass damit Risiken verbunden sind. Den Kopf in den Sand zu stecken und alles so zu machen wie bisher, ist jedoch keine Lösung.
Die Missverständnisse rund um Blockchain haben sich in den letzten Jahren leider nicht aufgelöst. Blockchain ist nicht gleich Bitcoin. Und die Technologie lässt sich auch ausserhalb der Finanzindustrie einsetzen.
Zum Weiterdenken: Diese Zukunftsbilder betreffen uns alle. Welche Chancen und Risiken sollten wir heute diskutieren, damit technologische Entwicklungen verantwortungsvoll gestaltet werden?
Redaktionelle Verantwortung: Gabriela Bonin
Illustration Aufmacherbild: Simon Gast
Veröffentlicht am: 26. August 2026
Aus- und weiterbilden: Die Hochschule Luzern – Informatik bietet Bachelor- und Master-Studiengänge, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie Weiterbildungsangebote der Informatik und Wirtschaftsinformatik auf einem Campus.
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