Im zweiten Teil unserer Zukunftsserie sprechen Sita Mazumder und Donnacha Daly über neue Mensch-Maschine-Beziehungen. Sie denken darüber nach, wie KI die Arbeitswelt verändern könnte und warum kritisches Denken wichtiger wird. Die Serie «10 Jahre voraus» erscheint zum 10-Jahre-Jubiläum der Hochschule Luzern – Informatik.
Zukunfsserie «10 Jahre voraus»: Teil 2
Künstliche Intelligenz könnte helfen, neue Medikamente gezielter zu entwickeln, Energie effizienter zu nutzen und neue wissenschaftliche Entdeckungen zu ermöglichen. Gleichzeitig wirft sie Fragen auf, die weit über die Technologie hinausgehen: Welche Arbeit bleibt menschlich? Welche Fähigkeiten werden wichtiger? Und wie behalten wir die Kontrolle über immer leistungsfähigere Systeme?
Forschung und Lehre schaffen Orientierung: Sie machen diese Entwicklungen verständlich, begleiten sie kritisch und zeigen Wege, sie verantwortungsvoll zu gestalten. Der zweite Teil unserer Blog-Serie «10 Jahre voraus» widmet sich deshalb einer der prägendsten Technologien unserer Zeit und fragt: Wie verändert Künstliche Intelligenz unser Leben in den nächsten zehn Jahren?
Im September 2026 feiert die HSLU – Informatik ihr 10-Jahre-Jubiläum. Aus diesem Anlass blicken unsere Expertinnen und Experten in einer mehrteiligen Serie zehn Jahre voraus. Was verändert sich gerade, das viele noch unterschätzen? Welche Technologien könnten unseren Alltag in zehn Jahren prägen? Und welches heute noch kühne Szenario könnte Realität werden? Im Fokus stehen folgende Fachgebiete:


Sita Mazumder: KI wird zunehmend zur alltäglichen Begleiterin, nicht nur im Business, sondern auch emotional und sozial. Genau darin liegt ihre Sprengkraft: KI verändert nicht nur Prozesse, sondern auch Beziehungen, Vertrauen und Entscheidungsmechanismen. Deshalb müssen wir heute ernsthaft darüber sprechen, wie wir technologische Innovation mit Verantwortung, Bildung und Governance verbinden.
«Technologie ist skalierbar. Verantwortung nicht.» Unter diesem Leitgedanken bringt die Konferenz Fachpersonen aus Forschung, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Innovation und Verantwortung bei angewandter KI verbinden lassen.
Donnacha Daly: Weltweit nutzen Menschen KI am häufigsten für therapieähnliche Gespräche und digitale Begleitung. Sie wenden sich an eine Künstliche Intelligenz, um persönliche Fragen, Sorgen oder Entscheidungen zu besprechen. Nicht primär, um im Arbeitsalltag produktiver zu werden, wie viele vermuten. Diese neue Form digitaler «AI Compagnionship» ist wegweisend. Wir müssen genau hinschauen, was das bedeutet.

Mazumder: Autonome Systeme werden sichtbarer: von selbstfahrenden Fahrzeugen bis zu intelligenten Assistenzsystemen in vielen Branchen. Gleichzeitig wird KI vermehrt «unsichtbar» im Hintergrund arbeiten. Personalisierte Dienstleistungen, automatisierte Verwaltungsaufgaben oder intelligente Energie- und Infrastruktursysteme werden zum Standard.
Daly: Besonders deutlich wird dieser Wandel bei selbstfahrenden Autos. In Nordamerika sind sie bereits auf den Strassen unterwegs. In Europa haben sie sich bisher weniger stark durchgesetzt. Das dürfte sich bald ändern. Noch in diesem Jahr sollen die ersten führerlosen RoboTaxis in Zürich getestet werden. Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden selbstfahrende Autos in der Schweiz normal sein.
Im Applied AI Center bündelt die Hochschule Luzern angewandte Forschung, Dienstleistung, Lehre und Weiterbildung rund um angewandte Künstliche Intelligenz. Der Fokus liegt auf Lösungen für Schweizer Organisationen. Zusammen mit Unternehmen, NGOs und Forschungspartnern evaluieren und entwickeln die HSLU-Expertinnen und -Experten Modelle der Industrialisierung von Künstlicher Intelligenz. Sie vernetzen sich über die Grenzen der verschiedenen Stakeholder. Ihr Ziel: Mehrwert für die Schweizer Wirtschaft – und letztlich auch Gesellschaft – generieren.

Mazumder: Die grosse Hoffnung ist, dass KI nicht nur Abläufe effizienter macht, sondern echten gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht: in der Medizin, in der Bildung, in der Energieversorgung oder in der Forschung. Europa könnte dabei eine wichtige Rolle spielen, durch vertrauenswürdige und verantwortungsvolle KI-Lösungen mit konkretem Nutzen.
Daly: Europa liegt bei grossen Sprachmodellen und beim massiven Ausbau von Rechenleistung zurück. Gleichzeitig gibt es viel Optimismus, dass Europa in den nächsten Jahren eine eigene Nische findet: bei kleineren KI-Modellen, offenen Modellen, Edge Computing und Embodied AI. Edge Computing verarbeitet Daten nahe am Gerät. Embodied AI meint KI in Robotern oder anderen physischen Systemen.

Mazumder: Die grosse Frage lautet: Welche Arbeit bleibt menschlich? KI wird viele wissensbasierte Tätigkeiten grundlegend verändern, nicht unbedingt sofort ersetzen, aber neu prägen. Besonders kritisch ist deshalb die: Welche Kompetenzen brauchen Menschen künftig, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist? Aus meiner Sicht werden kritisches Denken, Einordnungskompetenz, Kreativität und vor allem interdisziplinäres Verständnis stark an Bedeutung gewinnen.
Kritisches Denken und interdisziplinäres Verständnis werden immer wichtiger.
Daly: Viele sprechen von einer drohenden «Jobs Apocalypse». Gemeint ist die Sorge, dass Menschen in Wissensberufen einen ähnlichen Umbruch erleben wie Industriearbeitende während der industriellen Revolution. Für die HSLU stellt sich damit eine zentrale Frage: Welche Fähigkeiten sollen wir in dieser neuen Arbeitswelt vermitteln?
Schon heute haben viele Berufseinsteigende Mühe, eine Stelle zu finden. Die Gründe dafür liegen aus meiner Sicht derzeit weniger bei der KI als bei anderen wirtschaftlichen Faktoren. Neben KI wirken sich auch andere makroökonomische Faktoren auf die Beschäftigung aus. Dazu zählen etwa schwankende Ölpreise infolge des Krieges im Iran oder Unsicherheiten im Welthandel durch die US-Zollpolitik. Das Risiko bleibt aber real: Wissensarbeitende wie Juristinnen, Designer oder Marketingfachleute müssen ihre Arbeit im Zeitalter der KI grundlegend verändern.
Mazumder: Das verrückteste und gleichzeitig ernsthaft diskutierte Szenario ist die sogenannte Singularität: der Moment, in dem starke KI beginnt, sich selbst weiterzuentwickeln, und menschliche Intelligenz übertrifft. Dieser Moment wird zur Kipplinie: Kontrollieren wir KI oder kontrolliert sie uns?
Daly: Viele KI-Fachleute, darunter Nobelpreisträger Geoffrey Hinton und OpenAI-Mitbegründer Ilya Sutskever, gehen davon aus, dass KI-Systeme schon bald in eine Phase beschleunigter Selbstverbesserung eintreten könnten. Eine KI würde sich dann selbst verbessern. Die nächste, stärkere Version könnte sich erneut verbessern. So könnte sich die Entwicklung immer weiter beschleunigen. Dieses Szenario nennen sie Superintelligenz. Wenn der Mensch dabei die Kontrolle verliert, entstehen düstere Zukunftsbilder.
Mazumder: Technisches Wissen allein reicht schon heute nicht mehr aus. Wer nur programmiert, wird austauschbar. Entscheidend wird die Fähigkeit, Technologie mit Wirtschaft, Gesellschaft, Leadership und Ethik zu verbinden. Deshalb sollte der Fokus auf angewandter KI und fachübergreifendem Denken liegen. Entscheidend bleibt auch die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Komplexität umzugehen.
Daly: Informatikstudierende sitzen klischeehaft gerne hinter dem Computer und programmieren. Für die meisten IT-Berufe reicht das nicht mehr. Kritisches Denken wird im Zeitalter der KI viel wichtiger. Ich bin überzeugt: Fachübergreifende Erfahrung und Expertise sind der Schlüssel für unsere künftigen Absolventinnen und Absolventen. Deshalb müssen wir Lehre und Studienpläne entsprechend weiterentwickeln. Angewandte KI und interdisziplinäre KI sollten an der HSLU im Zentrum stehen.
Mazumder: Ich erwarte vorerst keine plötzliche «magische Superintelligenz», sondern eine tiefgreifende Durchdringung unseres Alltags mit KI. Die Technologie wird weniger spektakulär wirken, gerade weil sie überall integriert sein wird. Unternehmen, Verwaltungen und Gesellschaften werden sich grundlegend verändern: Nicht weil KI alles ersetzt, sondern weil sie Entscheidungen, Prozesse und Wertschöpfung neu ordnet und vielerorts an Maschinen auslagert.
KI wird künftig weniger spektakulär wirken, weil sie überall integriert ist.
Daly: Meiner Ansicht nach wird sich die Innovationskurve der KI in den nächsten zehn Jahren abflachen. Ich glaube nicht, dass sich die KI-Skalierungsgesetze endlos fortsetzen lassen. Entweder stossen sie bereits an ihre Grenzen, oder wir erreichen schlicht die Grenzen der verfügbaren Rechenleistung. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass bestehende KI jeden Bereich unseres Lebens und unserer Wirtschaft durchdringen wird. Die technologischen Fortschritte sind bereits so gross, dass sie über Jahrzehnte neue Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen.
Mazumder: Ein grosses Missverständnis ist, dass KI menschliches Denken überflüssig macht. Das Gegenteil ist der Fall: Je leistungsfähiger KI wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, Informationen und Ergebnisse kritisch einzuordnen und Verantwortung zu übernehmen. Informatik bedeutet deshalb heute weit mehr als Coding. Sie ist eine Schule des strukturierten und vernetzten Denkens.
Daly: Genau dieses Missverständnis begegnet mir oft. Viele junge Menschen, sogar Informatikstudierende, sagen heute: Programmieren lernen lohne sich nicht mehr, weil KI besser code als jeder Mensch. Diese Annahme ist nachvollziehbar, aber die Schlussfolgerung ist falsch. Steve Jobs, Mitgründer von Apple, sagte einmal sinngemäss: Programmieren lehre uns, wie man denkt. Gut denken zu können bleibt zentral. Und Informatik fördert diese Fähigkeit wie kaum eine andere Disziplin.
Zum Weiterdenken: Diese Zukunftsbilder betreffen uns alle. Welche Chancen und Risiken sollten wir heute diskutieren, damit technologische Entwicklungen verantwortungsvoll gestaltet werden?
Interview: Gabriela Bonin
Illustration Aufmacherbild: Simon Gast
Veröffentlicht am: 22. Juli 2026
Aus- und weiterbilden: Die Hochschule Luzern – Informatik bietet Bachelor- und Master-Studiengänge, anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie Weiterbildungsangebote der Informatik und Wirtschaftsinformatik auf einem Campus.
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