13. Oktober 2022

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Warum Banken 18.5 Milliarden Franken Kreditvolumen verpassen

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In den Bilanzen der Banken befanden sich Ende 2021 ausstehende Kredite an Privatpersonen, Unternehmen, sowie öffentlich-rechtliche Körperschaften mit einem Volumen von CHF 1’302 Milliarden. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat sich in den letzten Jahren aber ein Teil dieses Fremdkapitalmarktes auf Online-Plattformen verschoben. Sogenannte Marketplace Lending Plattformen vermitteln Kredite direkt zwischen Geldsuchenden und Geldgebenden – ohne den Einbezug von Banken. Nachfolgend zeigen wir das im vergangenen Jahr in der Schweiz über Plattformen vermittelte Volumen auf und wagen eine Prognose, wie sich dieser Markt weiterentwickeln könnte.

Direkt zum Download der Studie

Das Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern – Wirtschaft hat gemeinsam mit der Swiss Marketplace Lending Association (SMLA) zum zweiten Mal den Marketplace Lending Report Switzerland 2022 veröffentlicht. Die Studie analysiert die Fremdkapital-Finanzierung von Schweizer Unternehmen, öffentlich-rechtlichen Körperschaften und Privatpersonen über Plattformen im Internet.

Im Gegensatz zu Banken nehmen Marketplace Lending Plattformen keine Einlagen entgegen und vergeben selbst auch keine Kredite über eine eigene Bilanz. Die Plattformen treten als (zumindest teilweise) Online-Vermittler auf. Kreditgeber solcher Finanzierungen sind Privatpersonen oder professionelle und institutionelle Investoren, wie zum Beispiel Versicherungen, Fonds, Pensionskassen, Banken oder Family Offices. Ein Merkmal dieser Kredit-Marktplätze ist zudem, dass mehr als ein möglicher Investor ein Kredit-Angebot abgeben kann. Online-Vertriebsplattformen mit lediglich einer Geldgeberin im Hintergrund (z.B. eine Bank) werden in unseren Analysen entsprechend nicht berücksichtigt.

Online-Fremdkapitalmarkt mit acht Segmenten

Insgesamt gibt es in der Schweiz acht Fremdkapital-Segmente, bei welchen Transaktionen über Online-Plattformen abgewickelt werden (vgl. Abbildung 1):

  • Hypotheken (Brokerage): Hypothekar-Kredite für selbstbewohnte und teilweise auch für Renditeimmobilien können von professionellen Investoren über Plattformen finanziert werden.
  • OERK-Kredite: Hierbei handelt es sich um Kredite an öffentlich-rechtliche Körperschaften (OERK). Dies sind zum Beispiel Gemeinden, Städte und Kantone, aber auch staatsnahe Betriebe (Spitäler, etc.).
  • Kredite an mittelgrosse und grosse Unternehmen: Mittelgrosse und grosse Unternehmen können Kreditangebote über Plattformen einholen.
  • Öffentliche Anleihen: Vereinzelt werden auch Anleihen über Plattformen herausgegeben und anschliessend kotiert.
  • Geldmarkt-Transaktionen: Diese Transaktionen sind in der Regel sehr kurzfristig (maximale Laufzeit von einem Jahr) und dienen dem Liquiditätsmanagement von Unternehmen, Banken und institutionellen Anlegern.
  • Konsumkredite: Privatpersonen können Konsumkredite über Plattformen aufnehmen. Kapitalgeber können professionelle Investoren oder auch Privatpersonen sein.
  • Immobilienkredite: In diese Kategorie fallen kurzfristige Finanzierungen für Immobilienunternehmen sowie Hypotheken an Privatpersonen.
  • KMU-Kredite: Kredite an kleine und mittelgrosse Unternehmen (KMU) können ebenfalls über Plattformen finanziert werden.

Die drei letztgenannten Segmente werden auch Crowdlending genannt, da nicht nur professionelle Investoren, sondern häufig auch (mehrere) Privatpersonen Kapitalgebende sind. Crowdlending-Plattformen bieten häufig zwei oder drei dieser Kreditsegmente an. Die fünf erstgenannten Teilmärkte stehen lediglich professionellen Investoren offen.

Abbildung 1: Kredit-Segmente im Schweizerischen Online-Fremdkapitalmarkt

Fremdkapitel über Online-Plattformen: Von 5.4 auf 18.5 Milliarden Franken in vier Jahren

Tabelle 1 zeigt die Volumina der neu abgeschlossenen Kredite pro Jahr für den Zeitraum 2017 bis 2021. Das Gesamtvolumen des über Online-Plattformen emittierten neuen Fremdkapitals erreichte 2021 CHF 18.5 Milliarden. Das Marktvolumen im Jahr 2021 ist somit fast 3.5-mal höher als im Jahr 2017, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 36 Prozent entspricht.

Den grössten Anteil am Gesamtvolumen machen (zusammengefasst) Kredite an OERK sowie mittelgrosse und grosse Unternehmen aus (CHF 12.0 Mrd.). Hypothekenvermittler haben über ihre Plattformen im Jahr 2021 knapp CHF 6.0 Milliarden an Krediten finanziert. Im Crowdlending-Segment wurden Kredite über CHF 607 Millionen abgeschlossen.

Das Volumen des Geldmarktes ist in Tabelle 1 nicht enthalten. Erstens sind die Laufzeiten solcher Transaktionen wesentlich geringer als in jedem anderen Kreditsegment, was Vergleiche erschwert. Zum anderen umfassen die öffentlich zugänglichen Daten der relevanten Schweizer Plattform Transaktionen auf der ganzen Welt. Eine Abgrenzung für die Schweiz ist nicht möglich. Erwähnenswert und beachtlich ist es aber trotzdem, dass das Schweizer FinTech Instimatch Global im Jahr 2021 Geldmarkttransaktionen in der Höhe von USD 85 Milliarden vermittelt hat.

In CHF Millionen20172018201920202021
Crowdlending Kredite186.7261.9418.4448.0607.0
Konsumkredite52.057.067.755.478.7
KMU-Kredite111.6134.4159.795.9110.4
Immobilien-Kredite23.170.5191.0296.7418.0
Hypotheken (Online Brokerage)3’250.03’300.04’179.05’541.05’913.0
Kredite an OERK, mittelgrosse und grosse Unternehmen, Anleihen*2’000.0*4’100.06’200.09’400.011’986.7
Kredite*2’000.0*4’100.06’200.09’000.011’986.7
Anleihen0.00.00.0400.00.0
Volumen Marketplace Lending in der Schweiz5’436.77’661.910’797.415’389.018’506.7
Tabelle 1: Volumen von Marketplace Lending in der Schweiz, 2017-2021 (in CHF Millionen; * Schätzung)

Welche Online-Kreditsegmente sind relevant?

Wie relevant sind aber nun die im Jahr 2021 vermittelten CHF 18.5 Milliarden im Verhältnis zum Gesamtmarkt? Nachfolgend zeigen wir pro Segment auf, wie hoch die Gesamtvolumina sind und wie hoch die heutigen Marktanteile von Plattformen innerhalb der Kreditsegmente sind (vgl. Abbildung 2[1]).

OERK-Kredite haben gemessen am Marktanteil von Online-Plattformen die höchste Relevanz erreicht. Wir schätzen, dass ca. 10 bis 20 Prozent des Neukredit-Volumens in diesem Bereich über Online-Plattformen abgewickelt werden. Gemäss einer Studie von Lengwiler und Frey (2020), die sich ausschliesslich auf Gemeinden konzentriert, haben im Jahr 2019 etwa 15 Prozent der befragten Gemeinden Plattformen für Finanzierungszwecke genutzt.[2] Das Wachstum der Plattformen in diesem Segment ist hoch. Das durchschnittliche jährliche Wachstum in den letzten vier Jahren betrug 48 Prozent.

Die zweithöchste Relevanz weist der Markt für Hypothekenabschlüsse via Plattformen auf. 2021 wurden rund 3.5 Prozent aller Neuabschlüsse und Verlängerungen von Hypotheken über Plattformen getätigt. Die Wachstumsdynamik ist mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 16 Prozent seit 2021 etwas tiefer als bei den OERK-Krediten.

Die Plattformen können in den vergangenen vier Jahren auch im Bereich des Kreditmarkts für mittelgrosse und grosse Unternehmen hohe durchschnittliche Wachstumsraten von gegen 80 Prozent ausweisen. Gleichzeitig ist aber die Relevanz der Plattformen mit einem Marktanteil von etwa 2 Prozent tiefer als bei den beiden oben vorgestellten Kreditsegmenten.

Das Crowdlending-Segment wuchs in den letzten vier Jahren um durchschnittlich etwa 34 Prozent. Hier hatte vor allem die Covid-19-Krise im Jahr 2020 für eine Verlangsamung des Wachstums gesorgt. Der Marktanteil liegt bei ca. 0.5 Prozent.

Abbildung 2: Marktwachstum vs. Relevanz in verschiedenen Marktsegmenten (indikative, geschätzte Werte basierend auf jährlich vermittelten Kreditvolumen)

Fazit

Die Digitalisierung führte zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle im schweizerischen Fremdkapitalmarkt. Viele der oben diskutierten Kreditsegmente werden und wurden traditionell von Banken bedient. Diese erhielten in den letzten Jahren vermehrt Konkurrenz durch Plattformen. Das Aufkommen von Marketplace Lending Plattformen ist damit ein Beispiel für Finanz-Disintermediation.

Seit der Lancierung der ersten Marketplace Lending Plattformen in der Schweiz befinden sich die Zinsen auf einem historischen Tiefstand. Nun aber ändert sich das wirtschaftliche Umfeld rasant. Die jüngst gestiegenen Zinsen sind für viele Plattformen neu und werden auch die Preisgestaltung von Krediten erheblich beeinflussen. Zugleich werden sich die Renditeerwartungen der Anleger:innen anpassen. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Veränderungen auf die Nachfrage und das Angebot von Kapital im Bereich des Marketplace Lendings auswirken werden und wie sich die Risiko-/Renditekennzahlen an ein zunehmend dynamisches wirtschaftliches Umfeld anpassen werden.

Aufgrund der nicht immer verfügbaren Daten der einzelnen Kreditsegmente ist eine Einschätzung der Relevanz von Marketplace Lending Plattformen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Trotzdem zeigt sich, dass sich Plattformen in gewissen Kreditsegmenten bereits beachtliche Marktanteile sichern konnten. Andere Segmente lassen sich derzeit noch als Nische bezeichnen, weisen aber teilweise hohe Wachstumswerte aus. Auch ein Blick ins Ausland zeigt, dass Marketplace Lending keine vorübergehende Trenderscheinung ist, sondern auch in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Hier können Sie die Studie herunterladen


[1] Die Schätzungen basieren auf öffentlich verfügbaren Daten von Plattformen, der Bankenstatistik der Schweizerischen Nationalbank sowie auf Gesprächen mit Markteilnehmern.

[2] Lengwiler, C. & Frey, P. (2020). Finanzierung von mittelgrossen Gemeinden 2019. Erhebung bei 238 Gemeinden mit 4’000 bis 30’000 Einwohnern in der Deutsch- und Westschweiz per 31.12.2019. Rotkreuz: Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ.

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