10. August 2026

Bankberatung,

Longevity,

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Wer 90 wird, ist keine Ausnahme mehr: Longevity als Chance für Banken

Die steigende Lebenserwartung verändert die Vorsorgeberatung – und eröffnet neue Wachstumsfelder für Banken und Asset Manager.

Von Prof. Dr. Anina Hille und Nadine Berchtold

Die steigende Lebenserwartung gehört zu den grossen strukturellen Veränderungen unserer Zeit. Für Banken ist Longevity jedoch nicht nur ein demografischer Hintergrundtrend. Die finanziellen Folgen sind unmittelbar: Je länger Menschen leben, desto länger müssen Renteneinkommen, Vermögen und Vorsorgelösungen tragen.

Die neue IFZ Longevity Studie 2026 zeigt, wie stark sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Rund die Hälfte der heute 65-jährigen Frauen erreicht das Alter von 90 Jahren. Bei Männern erreicht rund die Hälfte das Alter von 87 Jahren. Selbst das 96. Lebensjahr erreichen noch rund 25 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer. Das 99. Lebensjahr erreicht rund jede zehnte heute 65-jährige Frau und jeder zwanzigste Mann.


Abbildung 1: Lebenswahrscheinlichkeit für 65-Jährige in der Schweiz nach Alter und Geschlecht
Quelle: IFZ Longevity Studie 2026, basierend auf BFS-Kohortensterbetafeln.

Diese Zahlen sind für die Vorsorgeberatung zentral. Denn sie zeigen: Ein Alter von 90 Jahren ist kein Ausnahmefall mehr. Für einen relevanten Teil der Kundinnen und Kunden sind Ruhestandsphasen von 25, 30 oder mehr Jahren realistische Szenarien.

Youtube Video: Kurzusammenfassung der Studie in 3 Minuten

Warum Durchschnittswerte für Banken zu kurz greifen

Seit der Einführung der AHV hat sich die durchschnittliche Dauer der nachberuflichen Lebensphase deutlich verlängert. Während ein 65-jähriger Mann damals noch mit rund zwölf weiteren Lebensjahren rechnen konnte und eine 65-jährige Frau mit knapp 14 Jahren, sind es heute rund 20 Jahre bei Männern und 23 Jahre bei Frauen. Die Ruhestandsphase dauert damit im Durchschnitt rund acht bis neun Jahre länger als zu Beginn der AHV.

Für die Finanzplanung reicht der Durchschnitt jedoch nicht aus. Entscheidend ist nicht nur, wie alt Menschen durchschnittlich werden, sondern mit welcher Wahrscheinlichkeit sie ein hohes oder sehr hohes Alter erreichen. Wer die Vorsorge ausschliesslich an der durchschnittlichen Lebenserwartung ausrichtet, unterschätzt möglicherweise die tatsächliche Dauer des Ruhestands. Das finanzielle Risiko besteht darin, länger zu leben, als finanziell eingeplant wurde.

Für Banken verschiebt sich damit die zentrale Beratungsfrage. Es geht nicht mehr nur darum, ob Kundinnen und Kunden den Zeitpunkt der Pensionierung finanziell erreichen. Entscheidend ist, ob Einkommen, Vermögen und Vorsorgelösungen auch dann tragen, wenn der Ruhestand 25 oder 30 Jahre dauert.

Longevity als Teil einer ganzheitlichen Anlage- und Vorsorgeberatung

Für Banken ergeben sich daraus mehrere konkrete Ansatzpunkte:

Erstens: Hohe Lebensalter konsequent in Finanzpläne integrieren.
Szenarien mit 90, 95 oder 100 Lebensjahren sind keine theoretischen Extremannahmen, sondern realistische Planungsvarianten. Sie zeigen, wie sich Rentenbezugsdauer, Entnahmephase und Vermögensbedarf verändern können.

Zweitens: Vorsorge-, Anlage- und Entnahmeplanung stärker verbinden.
Wenn Vermögen nicht nur bis zur Pensionierung, sondern auch über mehrere Jahrzehnte danach reichen soll, müssen Vermögensaufbau, Kapitalmarktpartizipation und spätere Entnahme gemeinsam geplant werden. Vorsorge wird damit zunehmend zu einem integralen Bestandteil einer ganzheitlichen Anlageberatung.

Drittens: Beratung stärker an der individuellen Lebenssituation ausrichten.
Einkommen, Vermögen, Wohnsituation, Gesundheit, familiäres Umfeld und Ausgabenniveau unterscheiden sich erheblich. Standardisierte Lösungen stossen deshalb an Grenzen. Gefragt ist eine lebensphasenübergreifende Finanzplanung, die unterschiedliche Kundenrealitäten und Lebensverläufe berücksichtigt.

Viertens: Spätere Erbschaften in der Finanzplanung berücksichtigen.
Mit steigender Lebenserwartung verschiebt sich auch der Vermögensübertrag an die nächste Generation nach hinten. Erbschaften fallen dadurch häufiger erst in eine Lebensphase, in der die Erbinnen und Erben selbst bereits kurz vor der Pensionierung stehen oder pensioniert sind. Das verändert die Funktion des geerbten Vermögens: Es dient weniger dem frühen Vermögensaufbau und stärker der eigenen Altersvorsorge, der Vermögensstrukturierung, der Entnahmeplanung oder der Weitergabe an die nächste Generation.

Fünftens: Steigende Erbmassen und generationenübergreifende Vermögensübertragung adressieren.
Aufgrund tiefer Geburtenraten wird die Erbmasse künftig auf weniger Nachkommen verteilt. Dadurch können die durchschnittlichen Erbschaften pro Person steigen. Für Banken entstehen daraus zusätzliche Beratungsbedürfnisse rund um Anlage, Steuern, Nachlassplanung, Schenkungen und die frühzeitige Weitergabe von Vermögen innerhalb der Familie.

Beispiel Mika: Wenn wenige zusätzliche Jahre viel ausmachen

Wie stark sich ein längerer Ruhestand finanziell auswirken kann, zeigt die IFZ Longevity Studie anhand von drei exemplarischen, fiktiven Personas, die an die Schweizer Einkommensverteilung angelehnt sind.

Für den Bankkontext besonders anschaulich ist Mika, eine Person mit mittlerem Einkommen. Bei Mika werden die laufenden Renteneinnahmen aus AHV und Pensionskasse den erwarteten Ausgaben gegenübergestellt. Separate Vermögensbestände aus Kapitalbezügen, privater Vorsorge oder anderen Vermögensquellen werden nicht berücksichtigt. Die Berechnungen sind daher keine Prognose für einzelne Personen, sondern illustrieren mögliche Grössenordnungen.

Steigt die angenommene Lebensdauer von 85 auf 90 Jahre, erhöht sich die kumulierte finanzielle Lücke zwischen laufenden Renteneinkommen und Ausgaben um rund einen Viertel. Bei einer Lebensdauer bis 100 Jahre liegt sie rund 80 Prozent höher. Bereits wenige zusätzliche Lebensjahre können den Bedarf an zusätzlichem Kapital damit deutlich erhöhen

  Lebenserwartung
 direkt nach
Pensionierung
75 Jahre85 Jahre90 Jahre100 Jahre
EinnahmenCHF 46’960CHF 522’900CHF 1’134’500CHF 1’487’600CHF 2’309’700
  AHV-AltersrenteCHF 32’760CHF 367’000CHF 836’800CHF 1’119’000CHF 1’799’400
  PensionskassenrenteCHF 14’200CHF 155’900CHF 297’700CHF 368’600CHF 510’300
    
AusgabenCHF 67’600CHF 890’600CHF 1’862’800CHF 2’408’100CHF 3’631’600
  LebenshaltungskostenCHF 34’500CHF 304’000CHF 746’300CHF 1000800CHF 1’591’000
  Gesundheitskosten[1]CHF 8’900CHF 184’100CHF 381’600CHF 500800CHF 792’900
  WohnkostenCHF 14’700CHF 297’600CHF 534’600CHF 658500CHF 904’300
  SteuernCHF 9’500CHF 104’900CHF 200’300CHF 248000CHF 343’400
    
Differenz-CHF 20’640-CHF 367’700-CHF 728’300-CHF 920’500-CHF 1’321’900

Abbildung 2: Finanzielle Lücke von Mika nach angenommener Lebensdauer
Annahmen: Bei den Einnahmen berücksichtigt werden ausschliesslich laufende Renteneinkommen aus AHV und Pensionskasse (exkl. Kapitalbezüge); AHV-Mischindex +2.5% p.a.; Inflationsrate für Lebenshaltungskosten und Wohnkosten +2% p.a.; Krankenkassenprämien +3.2% p.a. (durchschnittliche Veränderung von 2000 bis 2025); weitere Gesundheitskosten +4.0% p.a. (gem. Veränderung BFS-Haushaltsbudgeterhebung); Pflegekosten steigen v.a. in den letzten drei Lebensjahren bis max. CHF 3’000 pro Monat; Wohnkosten steigen v.a. in den letzten drei Lebensjahren bis max. CHF 6’660 pro Monat; Lebenshaltungskosten sinken v.a. in den letzten drei Lebensjahren bis min. CHF 500 pro Monat

Quelle: IFZ Longevity Studie 2026.

Für Banken ist an diesem Beispiel weniger die exakte Zahl als die Logik dahinter entscheidend. Aus einer jährlichen Differenz zwischen Renteneinnahmen und Ausgaben kann über die Jahre eine substanzielle kumulierte Lücke entstehen. Je länger die Ruhestandsphase dauert, desto wichtiger werden frühzeitiger Vermögensaufbau, realistische Finanzplanung und eine Beratung, die unterschiedliche Lebensdauer-Szenarien sichtbar macht.

Neue Beratungsbedürfnisse über den gesamten Lebenszyklus

Longevity erhöht nicht nur die Bedeutung der klassischen Vorsorgeberatung. Das Thema schafft zusätzliche Kontaktpunkte über verschiedene Lebensphasen hinweg.

Bei jüngeren Kundinnen und Kunden stehen Finanzbildung, langfristiges Investieren und der systematische Vermögensaufbau im Vordergrund. In der mittleren Lebensphase gewinnen Vorsorgelücken, Immobilienfinanzierung, familiäre Verpflichtungen und mögliche Erbvorbezüge an Bedeutung. Vor und nach der Pensionierung rücken Entnahmeplanung, Vermögensstrukturierung, Gesundheit, Wohnen, Pflege sowie Nachlass- und Erbschaftsfragen stärker in den Fokus.

Die Beratung entwickelt sich damit von einzelnen Produktgesprächen hin zu einer ganzheitlichen Finanzplanung, die Anlage, Vorsorge, Entnahme und Vermögensübertragung miteinander verbindet. Für Banken bietet dies die Möglichkeit, Kundinnen und Kunden über längere Zeiträume relevant zu begleiten und die Kundenbeziehung über Generationen hinweg zu stärken.

Longevity als Wachstumsfeld für Banken und Asset Manager

Longevity ist jedoch nicht nur ein Thema der individuellen Vorsorgeplanung. Eine alternde und zugleich länger aktive Bevölkerung verändert auch Märkte. Mit steigender Lebenserwartung entstehen zusätzliche Bedürfnisse in Bereichen wie Gesundheit, Pflege, Wohnen, Technologie und Finanzdienstleistungen. Damit wird Longevity auch zu einem wirtschaftlichen Wachstumsfeld.

Für Banken und Asset Manager ergeben sich zwei Perspektiven. Einerseits steigt der Bedarf an Beratung, Vorsorge- und Anlagelösungen, Entnahmeplanung und langfristigem Vermögensaufbau. Andererseits rückt Longevity als thematisches Anlagefeld stärker in den Fokus.

Noch befindet sich dieses Feld in einer frühen Entwicklungsphase. Eine allgemein anerkannte Definition oder standardisierte Taxonomie für Longevity-Investments besteht bislang nicht. Die IFZ Longevity Studie hat deshalb in der Schweiz zugelassene Investmentvehikel identifiziert, die das Thema nach definierten Kriterien abdecken. Die standardisierten Factsheets zeigen, wie unterschiedlich Longevity am Markt interpretiert und umgesetzt wird.

Fazit

Die steigende Lebenserwartung verändert die Rahmenbedingungen der Anlage- und Vorsorgeberatung:

  • Hohe Lebensalter sind keine Ausnahme mehr. Für einen relevanten Teil der Bevölkerung sind Ruhestandsphasen von 25, 30 oder mehr Jahren realistisch. Finanzpläne sollten deshalb unterschiedliche Szenarien bis 90, 95 oder 100 Jahre berücksichtigen.
  • Vorsorge-, Anlage- und Entnahmeplanung wachsen stärker zusammen. Für Banken entsteht die Chance, Kundinnen und Kunden mit einer lebensphasenübergreifenden Finanzplanung zu begleiten, die Vermögensaufbau, Kapitalmarktpartizipation, Pensionierung und Entnahme integriert.
  • Auch Erbschaften verändern sich durch Longevity. Vermögensübertragungen finden tendenziell später statt und fallen häufiger in eine Lebensphase, in der die Begünstigten selbst bereits kurz vor der Pensionierung stehen oder pensioniert sind. Gleichzeitig kann die Erbmasse aufgrund kleinerer Familien auf weniger Nachkommen verteilt werden. Damit gewinnen Vermögensstrukturierung, Nachlassplanung und generationenübergreifende Beratung an Bedeutung.
  • Longevity eröffnet über die klassische Vorsorgeberatung hinaus neue Perspektiven. Das Thema schafft zusätzliche Beratungsbedürfnisse, neue Wachstumsfelder für Finanzdienstleistungen und ein noch junges, aber relevantes Investmentthema für Banken und Asset Manager.

Für Banken und Asset Manager ist Longevity damit nicht nur ein Risiko, das in der Finanzplanung berücksichtigt werden muss. Es ist auch eine Chance, Kundinnen und Kunden über längere Lebensphasen und über Generationen hinweg relevant zu begleiten. Die zentrale Beratungsfrage lautet deshalb zunehmend nicht mehr nur: Reicht das Geld für die Pensionierung? Sondern: Wie müssen Anlage, Vorsorge und Vermögen gestaltet werden, damit sie ein überdurchschnittlich langes Leben tragen?

Die IFZ Longevity Studie 2026 wurde mit Unterstützung der Fondsgesellschaft Vanguard realisiert.
Hier der Link auf die IFZ Longevity Landing Page.


[1] Diese setzen sich aus den Krankenkassenprämien, Pflegekosten und den weiteren Gesundheitskosten zusammen.

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