7. April 2026
In der «ETF-Anlegerstudie Schweiz 2025» der Hochschule Luzern haben wir erstmals den Wissensstand der Schweizer Anleger in Bezug auf ETFs ermittelt (sogenannte ETF-Literacy). In diesem Blog-Beitrag analysieren wir das Wissen zu ETFs von Schweizer Anlegern. Wir geben einen Überblick zum Kenntnisstand und zeigen, dass ein solides Produktverständnis für den Kauf von ETF-Produkten entscheidend ist.[1]
Die wissenschaftliche Literatur zeigt deutlich, dass Personen mit besseren Finanzkenntnissen eher in den Aktienmarkt investieren (Van Rooij et al.,2011), besser diversifizierte Portfolios halten (Gaudecker, 2015), höhere Renditen erzielen (Bianchi, 2018) und mehr Vermögen ansammeln (Lusardi et al., 2017; Van Rooij et al.,2012). In der ETF-Anlegerstudie Schweiz 2025 wurde nun erstmals der Wissensstand der Schweizer Anleger in Bezug auf ETFs erhoben. Den Befragten wurden acht Aussagen zu ETFs vorgelegt, die mit «richtig», «falsch» oder «weiss nicht» zu beantworten waren. Auf Basis der Anzahl korrekter Antworten erfolgte eine Zuordnung zu fünf vordefinierten Wissenskategorien: Expertenwissen, Fachwissen, Grundwissen, Minimalwissen und keine Kenntnisse.[2]
Unsere Analysen zeigen, dass 71 Prozent der ETF-Anleger mehr als die Hälfte der Wissensfragen korrekt beantworten konnten und somit über ein vertieftes ETF-Wissen verfügen (Abbildung 1). Bei Nicht-ETF-Nutzern zeigt sich ein entgegengesetztes Bild: 63 Prozent verfügen kaum über Basiswissen, beinahe jede zweite Person konnte keine einzige Frage korrekt beantworten.

Abbildung 1: ETF-Wissen bei Schweizer Anlegern
Die Auswertungen zeigen, dass das Wissen der ETF-Anleger insgesamt hoch ist, jedoch hinsichtlich einzelner Fragen heterogen ist (Abbildung 2). Die Frage zu den Gebühren erzielte unter den ETF-Anlegern den höchsten Anteil korrekter Antworten (80 Prozent). Das verdeutlicht, dass ETF-Anleger sich der Kostenvorteile von ETF sehr bewusst sind.
Andererseits konnte diese Gebührenfrage von lediglich 29 Prozent der Nicht-ETF-Anleger korrekt beantwortet werden. Ein bemerkenswert tiefer Anteil. Zudem geben mehr als 65 Prozent der Nicht-ETF-Anleger bei allen Fragen an, die Antwort entweder nicht zu kennen oder beantwortet sie falsch, was auf erhebliche Wissenslücken zu ETFs hinweist. Etwa zwei Drittel von ihnen wählen dabei oft die Option «weiss nicht», was zugleich ein Bewusstsein für ihre Wissensdefizite signalisiert.

Abbildung 2: Ein Drittel der Schweizer Investoren besitzt ETFs
Unsere Studienergebnisse zum ETF-Wissen deuten zudem einen deutlichen Geschlechterunterschied an. So beantworteten 46 Prozent der befragten Frauen keine der acht Wissensfragen korrekt, während 45 Prozent der Männer mindestens fünf Fragen richtig beantworteten und damit Fach- oder Expertenwissen aufweisen. Bei den Frauen liegt dieser Anteil bei tiefen 21 Prozent. Der beobachtete Gender Gap kann jedoch sowohl auf tatsächliche Wissenslücken als auch auf ein geringeres Selbstvertrauen von Frauen in Bezug auf das eigene Finanzwissen zurückzuführen sein. Dies zeigt sich in der häufigen Wahl der Antwort «weiss nicht». In diesem Zusammenhang zeigen die Ergebnisse von Bucher-Koenen et al. (2025), dass 70 Prozent der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Finanzkompetenz tatsächlich auf geringere Finanzkenntnisse zurückzuführen sind, während die verbleibenden 30 Prozent auf ein geringeres Selbstvertrauen entfallen. Auch wenn der Gender Gap in unserer Studie wegen der Methodik («weiss nicht»-Antworten werden als falsch klassifiziert) etwas überschätzt sein könnte, bleibt er insgesamt deutlich und bedeutsam.

Abbildung 3: Geschlechterspezifische Unterschiede im ETF-Wissen
Die Finanzindustrie hat hier eine (Mit-)Verantwortung: Sie sollte verständliche und einfach zugängliche Informationen bereitstellen, um Wissenslücken zu reduzieren und die Bereitschaft zum Investieren, vor allem bei bisher zurückhaltenden Personen, zu stärken. Und dies ist zu ihrem eigenen Vorteil: Unsere Befragung von ETF-Anlegern zeigt einen positiven Zusammenhang zwischen der Vertrautheit mit ETF-Produkten und dem jeweiligen Kaufinteresse (Abbildung 4). Je höher die Vertrautheit mit einem Produkt, desto grösser ist auch die Kaufbereitschaft. Ein solides Verständnis der Produktmerkmale ist somit zentral für die Investitionsentscheidung. Für den erfolgreichen ETF-Vertrieb sind daher Aus- und Weiterbildungsmassnahmen zur Wissensvermittlung entscheidend, um potenzielle Anleger von den Vorteilen von ETFs zu überzeugen. Zudem sind eine transparente und verständliche Kommunikation wichtig.

Abbildung 4: Eine höhere Vertrautheit mit ETF-Produkten geht mit einem gesteigerten Kaufinteresse einher
Fazit
Die Ergebnisse der ETF-Anlegerstudie 2025 zeigen deutliche Wissensunterschiede zwischen ETF-Anlegern sowie Nicht-ETF-Anlegern. Während Erstere über ein solides Verständnis verfügen, bestehen bei Nicht-ETF-Anlegern erhebliche Wissenslücken. Der festgestellte Gender Gap unterstreicht die Bedeutung gezielter Bildungs- und Informationsangebote, um unterschiedlichen Ausgangslagen gerecht zu werden. Für ETF-Anbieter und Finanzinstitutionen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Finanzwissen gezielt und verständlich zu vermitteln. Bildungs- und Informationsinitiativen, die sowohl fachliche Kenntnisse als auch das Vertrauen in ETF-Produkte stärken, können wesentlich dazu beitragen, die Beteiligung am Kapitalmarkt zu erhöhen.
Literatur
Anderson, A., Baker, F., & Robinson, D. T. (2017). Precautionary savings, retirement planning and misperceptions of financial literacy. Journal of Financial Economics, 126(2), 383–398.
Bianchi, M. (2018). Financial literacy and portfolio dynamics. The Journal of Finance, 73(2), 831–859.
Bucher-Koenen, T., Alessie, R., Lusardi, A., & van Rooij, M. (2025). Fearless woman: Financial literacy, confidence, and stock market participation. Management Science, 71(9), 7414–7430.
Gaudecker, H.-M. von. (2015). How does household portfolio diversification vary with financial literacy and financial advice? The Journal of Finance, 70(2), 489–507.
Lusardi, A., Michaud, P.-C., & Mitchell, O. S. (2017). Optimal financial knowledge and wealth inequality. Journal of Political Economy, 125(2), 431–477.
Van Rooij, M., Lusardi, A., & Alessie, R. (2011). Financial literacy and stock market participation. Journal of Financial Economics, 101(2), 449–472.
Van Rooij, M. C. J., Lusardi, A., & Alessie, R. J. M. (2012). Financial literacy, retirement planning and household wealth. The Economic Journal, 122(560), 449–478.
[1] Die ETF-Anlegerstudie Schweiz 2025 präsentiert die erste umfassende Analyse zum Anlageverhalten und Wissensstand von Schweizer Anleger in Bezug auf ETFs. Sie liefert einen fundierten Überblick über dieses dynamisch wachsende Anlagesegment. Finanzen.ch hat die Studie bei der HSLU beauftragt. Dazu wurde vom 29. April bis 8. Mai 2025 mit dem Schweizer Marktforschungsinstitut intervista eine repräsentative Umfrage unter 3’460 Personen im Alter von 18 bis 75 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführt. Die Repräsentativität bezieht sich auf Alter, Geschlecht und Sprachregion. Die Studie ist digital auf der Webseite der HSLU sowie in einer webbasierten Version auf Finanzen.ch verfügbar.
[2] In Anlehnung an Anderson et al. (2017) wurden «Weiss nicht»-Antworten als falsch klassifiziert, da diese als Indikator für fehlendes Wissen interpretiert werden können. Dieses methodische Vorgehen kann dazu führen, den Wissensstand bestimmter Gruppen zu unterschätzen. Aktuelle Forschungsergebnisse zur Financial Literacy (Bucher-Koenen et al., 2025) deuten darauf hin, dass Frauen aufgrund geringeren Selbstvertrauens in das eigene Wissen eher die Option «Weiss nicht» wählen, während Männer eher dazu neigen sich auf eine Antwort festzulegen, auch wenn diese falsch sein könnte.
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