17. August 2026
Coinbase hat Mitte Juni 2026 mit "Coinbase Advisor" einen der ersten SEC-registrierten KI-Anlageberater lanciert. Damit werden KI-Chatbots explizit als "Berater" positioniert. In der Schweiz bewegen sich Anbieter wie Yuh (mit dem Chatbot Yuhlia) und Selma Finance (mit Selma AI) bislang vorsichtiger. Auch hierzulande könnte die Entwicklung aber in eine ähnliche Richtung gehen wie in den USA.
Am 16. Juni 2026 hat Coinbase im Rahmen seines „System Updates“ eine ganze Reihe neuer Produkte angekündigt – von tokenisierten Aktien über Prediction-Market-Kombiwetten bis hin zu einer eigenen Entwicklerplattform. Die aus unserer Sicht aber spannendste Ankündigung ist der Launch von Coinbase Advisor.
Coinbase macht ernst mit KI-Beratung
Coinbase Advisor ist einer der weltweit ersten KI-gestützten, bei der SEC registrierten In-App-Anlageberater. Das Angebot startet zunächst für Coinbase-One-Mitglieder in den USA und übernimmt gemäss Ankündigung die analytische Schwerarbeit, wie zum Beispiel das komplexe Tax-Loss-Harvesting (gezielter Verkauf von Verlustpositionen zur Steueroptimierung; v.a. in den USA relevant) oder die Umwandlung aktueller News in konkrete Multi-Asset-Handelsempfehlungen.

Abbildung 1: Erste Screenshots des „Coinbase Advisor“(Quelle: Youtube)
Bemerkenswert ist die regulatorische Einordnung von Coinbase Advisor. Der Advisor-Dienst wird von Coinbase Advisors, LLC angeboten. Die Gesellschaft ist bei der US-Börsenaufsicht SEC als Registered Investment Adviser (RIA) registriert. Für ihre Beratung im Bereich der Derivate ist sie zudem bei der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) als Commodity Trading Advisor (CTA) registriert und Mitglied der National Futures Association (NFA). Damit unterliegt sie neben den investmentrechtlichen Vorgaben der SEC auch den Aufsichts-, Verhaltens- und Compliance-Regeln der CFTC und der NFA. Das ist also kein „experimenteller Chatbot„ am Rand des Angebots mehr, sondern ein regulatorisch eingebetteter Baustein der Coinbase-Strategie, das Unternehmen von einer Krypto-Börse zu einer „Everything Exchange„ auszubauen: zu einer umfassenden, möglichst nahtlosen Plattform, auf der Privatkunden und institutionelle Kunden eine wachsende Zahl von Anlageklassen und Finanzdienstleistungen aus einer Hand nutzen können. Coinbase Advisor ergänzt dieses Angebot um eine personalisierte Beratungskomponente. Parallel dazu lanciert Coinbase mit „Coinbase for Agents“ auch bereits die nächste Stufe. Schon heute können KI-Agenten bei Coinbase im Namen der Nutzerinnen und Nutzer eigenständig handeln, innerhalb der Grenzen, die der Kunde vorgibt. Gemäss eigenen Angaben von Coinbase beschränkt sich das Angebot vorerst allerdings auf den Spot-Handel mit Kryptowährungen und setzt einen technischen Zugang voraus (Kommandozeile/Terminal oder direkte Anbindung/MCP); Aktien und weitere Anlageklassen sind angekündigt.
Coinbase selbst weist in seinen Offenlegungen auf die Grenzen des Angebots hin. Coinbase Advisor ist ein automatisiertes Beratungstool, das nicht-diskretionäre Empfehlungen abgibt. Die KI-generierten Ausgaben können fehlerhaft oder unvollständig sein und sollen daher die eigene Beurteilung durch die Nutzerinnen und Nutzer nicht ersetzen. Daraus ergibt sich ein potenziell problematisches Spannungsfeld: Einerseits tritt Coinbase Advisors, LLC als SEC-registrierter Investment Adviser auf und erklärt, bei seiner Beratung im besten Interesse der Kundschaft handeln zu müssen. Andererseits beschränkt das Unternehmen den Umfang seiner Leistung deutlich. Es überwacht die Kundenkonten nicht, trifft keine eigenständigen Anlageentscheidungen und überlässt die Umsetzung der Empfehlungen vollständig den Nutzerinnen und Nutzern (laut Coinbase Advisors werden aber periodisch die Ausgaben des Sprachmodells auf Konsistenz mit den Anlagezielen geprüft).
Diese Einschränkungen heben die aufsichtsrechtlichen Pflichten für die tatsächlich erbrachte Beratung zwar nicht auf. Sie erschweren jedoch die Beantwortung der Frage, wofür Coinbase Advisors bei fehlerhaften, unvollständigen oder nicht im besten Interesse der Kundschaft liegenden KI-generierten Empfehlungen konkret verantwortlich ist. Rechtlich handelt es sich um ein noch wenig erprobtes regulatorisches Spannungsfeld: Traditionelle Sorgfalts- und Loyalitätspflichten müssen hier auf ein automatisiertes, nicht-diskretionäres Beratungssystem ohne laufende Überwachung der Kundenkonten und mit offengelegten Interessenkonflikten übertragen werden.
Dass Aufsichtsbehörden dieses Spannungsfeld erkannt haben, zeigt eine Stellungnahme der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA vom Mai 2024 zum Einsatz künstlicher Intelligenz bei Wertpapierdienstleistungen. Darin warnt die ESMA ausdrücklich vor fehlerhaften oder halluzinierten Ausgaben, mangelnder Transparenz und Erklärbarkeit sowie vor einer übermässigen Abhängigkeit von KI-Systemen. Solche Risiken können dazu führen, dass Kundinnen und Kunden unrichtige, irreführende oder ungeeignete Anlageinformationen und Empfehlungen erhalten. Gleichzeitig stellt die ESMA klar, dass die MiFID-II-Pflichten ungeachtet des eingesetzten Instruments gelten und die Verantwortung trotz des Einsatzes von KI weiterhin beim Unternehmen verbleibt. Dass die regulatorische Bedeutung mit generativer KI zunimmt, zeigt auch der Jahresbericht der Selbstregulierungsorganisation der US-Wertpapierbranche FINRA, die dem Thema erstmals einen eigenen Abschnitt widmet.
Die regulatorische Unsicherheit betrifft somit weniger die grundsätzliche Frage, ob ein Unternehmen beim Einsatz von KI weiterhin dafür verantwortlich bleibt, dass seine Beratungsleistungen den geltenden Regeln entsprechen. Diese Verantwortung wird von der ESMA ausdrücklich bejaht. Noch wenig erprobt ist vielmehr, wie die Pflicht, im bestmöglichen Interesse der Kundschaft zu handeln, sowie bestehende Sorgfalts-, Loyalitäts- und Kontrollpflichten bei automatisierten Beratungssystemen konkret umgesetzt werden müssen und wie weit die Haftung des Finanzdienstleisters reicht, wenn eine KI fehlerhafte oder ungeeignete Empfehlungen erzeugt. Diese Fragestellungen sind nicht völlig neu, sondern weisen Parallelen zur regulatorischen Behandlung von (teil-)automatisierten Beratungssystemen wie Robo-Advisors auf. Durch die erhöhte Komplexität und geringere Vorhersehbarkeit generativer KI-Systeme gewinnen sie jedoch eine neue Dimension.
Kurzes Werbevideo von Coinbase dazu auf X.
In der Schweiz gibt es Yuhlia und Selma AI
In der Schweiz stehen wir diesbezüglich noch ganz am Anfang. Ein Angebot, das aber in diese Richtung geht, ist Yuhlia. Die Neobank Yuh hat im April 2026 diesen App-internen KI-Chatbot eingeführt, der ans Kundenkonto angebunden ist und Fragen zu Ausgaben und Investments beantwortet. Anlageempfehlungen macht Yuhlia derzeit (noch) nicht. Aber Fragen zu Dividenden (wie viele Dividenden habe ich 2025 erhalten?) kann Yuhlia bereits korrekt beantworten.
Ähnlich ist Selma Finance unterwegs. „Selma AI“ basiert auf einem Sprachmodell von OpenAI und liefert – anders als Yuhlia – Einschätzungen zur individuellen Anlagestrategie und zum bestehenden Portfolio. Auch bei Selma werden aber noch keine konkreten Kauf- oder Verkaufsempfehlungen ausgesprochen.
Wie viele Menschen in der Schweiz nutzen bereits ChatGPT & Co. für Finanzfragen?
Wie real dieses Thema von KI Beratern für den Schweizer Finanzplatz bereits ist, zeigt eine aktuelle Studie von uns in Zusammenarbeit mit finpension (vgl. Blog-Artikel). Die im Februar 2026 online durchgeführte, repräsentative Befragung von 1’016 Personen zwischen 18 und 79 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz liefert Zahlen dazu, wie relevant KI bereits ist im Finanzalltag der Kundschaft. So zeigt sich, dass auch in der Schweiz bereits jede vierte Person mindestens einmal eine Finanz- oder Anlagefrage an eine KI wie ChatGPT, Claude oder Gemini gestellt hat. Unter Anlegerinnen und Anlegern nutzen 32% KI für Finanz- und Anlagefragen. Bei rund der Hälfte dieser KI-nutzenden Personen hatte dies spürbare Konsequenzen. Sie haben aufgrund der KI-Antwort ihr Verhalten geändert (schneller entschieden, mehr gespart, mehr investiert oder sogar den Finanzanbieter gewechselt). Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung heisst das: Bei rund 8% aller Schweizerinnen und Schweizer hat eine KI bereits das Anlage- oder Sparverhalten verändert.
Die offene Frage: Ersetzt das die persönliche Beratung?
Die entscheidende Frage ist, wie gross der tatsächliche Mehrwert generativer KI in der Anlageberatung ist und vor allem, ob und unter welchen Bedingungen Anlegerinnen und Anleger eine KI überhaupt als beratende Instanz akzeptieren. Derzeit ist es noch immer so, dass Kundinnen und Kunden bei Problemen bevorzugt zum Telefon greifen und mit einem echten Menschen sprechen wollen (vgl. Artikel hier). Auch der Neobroker Trade Republic hat auf diese Situation mit einer bewussten Gegenbewegung reagiert und nach Jahren der Kritik als explizite Alternative zur KI-Automatisierung massiv in menschlichen Support investiert. Die generelle Entwicklung dürfte dennoch kaum aufzuhalten sein. KI übernimmt zunehmend Aufgaben wie Portfolioanalysen oder die Alltagsbudgetierung. Hinzu kommen standardisierbare Leistungen wie Informationsrecherche, einfache Steueroptimierungen, Portfolio-Rebalancing oder Sparpläne. Gerade bei solchen weitgehend technisch standardisierten Angeboten für den Retail-Massenmarkt bietet generative KI erhebliches Potenzial. Entscheidend ist, dass der Chatbot zunehmend zum ersten Kontaktpunkt im Anlageprozess wird – also genau dort, wo Kundinnen und Kunden Informationen einordnen und sich eine erste Meinung bilden. Im Extremfall könnte der menschliche Finanzberater dadurch auf die formelle Bestätigung und Ausführung einer bereits durch KI geprägten Entscheidung reduziert werden. Wie weit diese Entwicklung geht, hängt allerdings nicht nur von der Akzeptanz der Kundschaft, sondern auch von der regulatorischen Ausgestaltung ab. Während Coinbase in den USA bereits eine bei der SEC registrierte KI-Beratungseinheit betreibt, bewegen sich Schweizer Anbieter wie Yuh und Selma Finance bewusst im regulatorisch unkritischeren Bereich von Analyse, Bildung und Einordnung – bislang ohne explizite Kauf- oder Verkaufsempfehlungen.
Fazit
Lange bestand Innovation im Banking darin, Filialen durch Apps zu ersetzen. Die nächste Welle ersetzt nicht die App, sondern zielt wohl auf die Navigation innerhalb der App ab. Anstatt Menüs zu durchsuchen oder Formulare auszufüllen, beschreiben der Nutzer und die Nutzerin ihre Ziele in natürlicher Sprache. Die KI analysiert Vermögen, Risiken, Steuern und Marktinformationen und schlägt konkrete Handlungsoptionen vor. Für Schweizer Anbieter stellt sich daher die Frage, wie man diese künftig überzeugend in die App und den Alltag der Kundinnen und Kunden integrieren kann. Aus unserer Sicht ist klar: Die Frage ist nicht mehr, ob KI-gestützte Beratung kommt, sondern wie schnell sie kommt und für welche Anwendungsfälle sie genutzt wird.
PS: Passend zum Thema findet am Mo, 24.8 von 17.20 bis 19.00 Uhr eine Veranstaltung des IFZ zum Thema Crypto Assets statt. Neben der Präsentation der jährlichen IFZ Crypto Assets Study, welche eine aktuelle Bestandesaufnahme des Crypto Asset Markt Schweiz liefert, werden auch aktuelle Zahlen zur globalen institutionellen Adoption präsentiert. Zusätzlich wird auf die Tokenisierung von Bilanzpositionen, insbesondere von Hypotheken eingegangen. Mehr zum kostenlosen Anlass und zur Anmeldung finden Sie hier
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