8. September 2026

Allgemein

Helvo: Eine neue Neobank für Schweizer KMU

Mit Helvo tritt seit Anfang September 2026 ein neues Schweizer Fintech an, das KMU-Banking neu denken will. Das Angebot geht über ein klassisches Geschäftskonto hinaus und verbindet Banking, Buchhaltung, Rechnungsstellung und Lohnadministration auf einer einzigen digitalen Plattform. Als Bankpartnerin fungiert die Hypothekarbank Lenzburg. Ich habe mir das Angebot, das Geschäftsmodell und die Marktchancen genauer angeschaut.

Von Prof. Dr. Andreas Dietrich

Eine strukturelle Lücke im Schweizer KMU-Banking

Die Schweiz gilt nach wie vor als einer der weltweit führenden Finanzplätze. Im Bereich der digitalen Innovation hat sich dieses Bild jedoch etwas verändert. Insbesondere im KMU-Banking zeigt sich eine wachsende Lücke zu ausländischen Märkten wie z.B. Grossbritannien. Während es in anderen Märkten zunehmend rein digitale, von Neobanken getriebene Lösungen gibt, ist das Angebot in der Schweiz weiterhin stark von traditionellen Banken geprägt. Neobanken spielen hierzulande im Geschäftskundensegment noch kaum eine Rolle, während sie im Privatkundengeschäft längst an Bedeutung gewonnen haben und deutlich über 1 Million Nutzende ausweisen (vgl. Blog Marktanteile und Kundenzahlen von Neobanken in der Schweiz). Auch unsere eigene Studie zum digitalen Firmenkundengeschäft zeigt, dass der Digitalisierungsgrad vieler Schweizer Banken im Geschäft mit KMU nach wie vor eher tief ist (vgl. Blog-Artikel zu unserer Studie). Dies zeigt sich nicht nur in einem begrenzten digitalen Funktionsumfang, sondern auch bei grundlegenden Prozessen. Kontoeröffnungen, Finanzierungsanträge und weitere administrative Abläufe sind vielerorts noch zeitaufwendig, wenig intuitiv und nur teilweise digitalisiert.

Ein Problem für KMU ist auch oftmals die Fragmentierung der Tool-Landschaft. KMU sind häufig gezwungen, mehrere voneinander getrennte Systeme zu nutzen, etwa für Banking, Buchhaltung oder Lohnzahlungen. Wer als KMU-Inhaberin oder -Inhaber seine Finanzen besser im Griff haben will, braucht entsprechend oftmals mehrere Tools, mehrere Logins und oft zusätzlich einen Treuhänder für Aufgaben, die sich eigentlich automatisieren liessen. Dadurch entstehen manuelle Prozesse, Schnittstellenprobleme und Medienbrüche, die den administrativen Aufwand und die Fehleranfälligkeit erhöhen.

Diese Lücke bietet Chancen für neue, digitale Anbieter. Und hier setzt Helvo an.

Das Geschäftsmodell von Helvo

Helvo wurde 2024 in der Westschweiz gegründet und hat ihren Hauptsitz in der Region Lausanne. Das Team umfasst derzeit rund 20 Personen. CEO und Co-Founder ist Julien Barbotin-Larrieu.

Auf der Infrastrukturseite arbeitet Helvo mit der Hypothekarbank Lenzburg als lizenzierter Schweizer Bankpartnerin zusammen. Kundengelder sind entsprechend durch die Schweizer Einlagensicherung bis zu einem Betrag von CHF 100’000 pro Unternehmen geschützt.

Einen ersten Eindruck vom Look and Feel der Helvo-Lösung bietet Abbildung 1. Zu sehen sind unter anderem noch ausstehende Zahlungen sowie bereits versandte Rechnungen, die demnächst fällig werden.

Abbildung 1: Überblick Homescreen der Helvo-Lösung

Zum Angebot von Helvo gehören insbesondere:

  • CHF- und Euro-Konten sowie Zahlungskarten
  • Automatisierte Buchhaltung mit KI-Agenten: Diesen Bereich finde ich besonders interessant. Die «KI-Agenten» übernehmen administrative Aufgaben, die heute meist noch manuell erledigt werden. Dazu gehören etwa die automatische Ablage von Rechnungen, Benachrichtigungen bei ausstehenden Zahlungen, automatisierte Mahnungen nach definierten Fristen oder die Vorbereitung physischer Mahnbriefe. Aufgaben, die heute schnell einen halben Arbeitstag beanspruchen, sollen bei Helvo weitgehend im Hintergrund ablaufen. Dadurch können KMU den personellen Aufwand für ihre Finanzadministration reduzieren.
    Das Frontend der Lösung hat Helvo selbst entwickelt, während das Backend auf dem Open-Source-ERP Odoo basiert. Helvo verfolgt damit das Ziel, Daten möglichst im eigenen System zu halten und die Wertschöpfung nicht an Drittanbieter wie Bexio abzugeben. Gleichzeitig behält das Unternehmen die Kontrolle über zentrale Finanzdaten, die künftig auch als Grundlage für weitere Angebote wie Kredite dienen könnten.
    Die Buchhaltungsdaten werden zudem in Echtzeit aufbereitet. Dadurch können Unternehmen beispielsweise unmittelbar erkennen, wie viel sie im vergangenen Monat verdient haben, und ihre Kennzahlen mit den gesetzten Zielen vergleichen. Auch Treuhänderinnen und Treuhänder können direkt auf die relevanten Informationen zugreifen, was die Zusammenarbeit erleichtert.
  • Helvo Docs: Digitaler Dokumentensafe zur sicheren Ablage verschiedener Dokumente wie beispielsweise Arbeitsverträge. Die Dokumente werden automatisch erkannt und der passenden Kategorie zugeordnet.
  • Rechnungsstellung («Invoicing»): Rechnungen lassen sich einfach erstellen, professionell mit dem eigenen Logo gestalten und direkt per E-Mail versenden. Die dafür benötigten Empfängeradressen werden automatisch aus dem CRM übernommen (siehe Abbildung 2)

Abbildung 2: Erstellen von Rechnungen für KMU (Quelle: Testumgebung von Helvo)

  • Lohnadministration inklusive Lohnabrechnungen
  • Analytics: Spannend und vielversprechend finde ich den Bereich Analytics (vgl. Abbildung 3). Er ermöglicht eine Auswertung der Buchhaltungsdaten in Echtzeit. Zudem lassen sich Ziele und KPIs definieren und laufend mit den tatsächlich erzielten Werten vergleichen. Gleichzeitig schafft die so entstehende Datenbasis die Grundlage für zukünftige Produkte wie Lending. Selbst wenn im Einzelfall kein Kredit vergeben wird, kann Helvo fundierte und transparente Entscheidungen treffen und diese gegenüber den Kundinnen und Kunden nachvollziehbar begründen. Die Analytics-Funktion war beim Launch noch nicht verfügbar, sondern soll rund zwei Monate danach folgen, sobald genügend Nutzungsdaten vorliegen.

Abbildung 3: Printscreens Helvo Analytics

Preis: Die Kosten liegen je nach Unternehmensgrösse zwischen CHF 35 und CHF 180 pro Monat (SaaS-Gebühr). Ist das günstig oder teuer? Aus meiner Sicht ist der Preis fair für ein KMU, das ohnehin mehrere Einzeltools ersetzen will. Man zahlt im Wesentlichen für ein Bundle, das man sonst für 2 bis 3 separate Abos abschliessen müsste. Wer aber nur ein schlankes Bankkonto ohne Buchhaltung/Lohnadministration sucht, findet mit Revolut Basic (CHF 10) eine günstigere Einzellösung.

E-Banking: Bemerkenswert ist, dass Helvo dem Designprinzip «E-Banking first» folgt. Die Lösung ist also primär auf das E-Banking ausgerichtet. Dies erscheint sinnvoll, da die meisten KMU-Inhaberinnen und -Inhaber sowie ihre Mitarbeitenden ihre finanziellen Angelegenheiten nicht hauptsächlich über das Smartphone erledigen. Während viele Neobanken aus dem Privatkundengeschäft stammen und ihre Angebote in erster Linie als mobile Apps konzipieren, geht Helvo also den umgekehrten Weg. Eine Mobile-Banking-App ist dennoch verfügbar. Sie beschränkt sich derzeit aber auf ausgewählte Funktionen wie das Auslösen von Zahlungen, die Einsicht in Transaktionen und die Abfrage des verfügbaren Guthabens.

Das Helvo-Frontend ist in vier Sprachen verfügbar. Der Support durch das HBL Contact Center wird derzeit auf Deutsch und Englisch angeboten; Französisch soll in den kommenden Monaten hinzukommen.

Positionierung und USP

Der zentrale USP von Helvo liegt in der Verbindung von Banking und finanzieller Administration. Statt mehrere getrennte Systeme für Geschäftskonto, Buchhaltung, Rechnungsstellung und Lohnadministration zu nutzen, erhalten KMU eine integrierte Plattform, auf der die Daten zentral verfügbar sind und die einzelnen Anwendungen nahtlos zusammenspielen. Helvo will damit nicht lediglich ein klassisches Geschäftskonto ersetzen, sondern die finanzielle Infrastruktur eines KMU abbilden. Dadurch sollen Schnittstellenprobleme, Systemwechsel und manuelle Arbeitsschritte reduziert werden.

Zur Positionierung gehört auch die lokale Verankerung. Während internationale Neobanken wie Revolut ihren Schwerpunkt vor allem auf das Banking legen, versteht sich Helvo als Schweizer Gesamtlösung für Schweizer KMU. Die administrativen Funktionen sind nicht als externe Zusatzangebote angebunden, sondern bilden zusammen mit dem Banking ein integriertes Ökosystem. Dadurch gibt es weniger Schnittstellen und die Nutzenden müssen nicht zwischen verschiedenen Systemen für Buchhaltung, Rechnungsstellung und Lohnadministration wechseln.

Die Rolle der Hypothekarbank Lenzburg

Für die Hypothekarbank Lenzburg (HBL) ist die Partnerschaft mit Helvo ein interessanter und zugleich neuer Banking-as-a-Service-Case. Für die Zusammenarbeit mit Helvo mussten mehrere neue Module entwickelt werden. So benötigte die HBL beispielsweise ein neues Modul für das digitale Onboarding von KMU, ähnlich wie beim Aufbau der Zusammenarbeit mit Neon vor acht Jahren. Dabei hat sich gezeigt, dass Einzelunternehmen im Onboarding ähnlich wie Privatkundinnen und -kunden behandelt werden können, während GmbH und AG einen komplexeren Prozess durchlaufen müssen.

Ein zweites zentrales Modul betrifft die Corporate Debit Card, die neu als eigenständiger Banking-as-a-Service-Baustein aufgebaut wurde.

Wie kommt Helvo zu ihren Kunden?

Die Zahl der in der Schweiz gemeldeten KMU (marktwirtschaftliche Unternehmen) lag 2023 bei 624’219 . Für Helvo relevant sind vermutlich – zumindest in einer Anfangsphase – eher kleinere Unternehmen. Für kleinere Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden zeigt sich dabei ein klares Bild der Hauptbankbeziehungen. Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden unterhalten ihre Hauptbankbeziehung heute am häufigsten bei einer Kantonalbank oder bei der UBS. Raiffeisenbanken sind die drittwichtigste Hauptbank für kleinere KMU, während Regionalbanken in diesem Segment einen Marktanteil von rund 10% halten (vgl. auch unsere Auswertungen hier; ein Update der Situation nach dem Wegfall der Credit Suisse wird gegen Ende dieses Jahres auf diesem Blog veröffentlicht). Wer neue KMU-Kunden als Hauptbankkunden gewinnen möchte, muss diese folglich zu einem Wechsel von einer etablierten Grossbank, Kantonalbank oder Raiffeisenbank bewegen.

Lange Zeit war dies ein strukturell eher träger Markt, in dem jährlich lediglich 1 bis 2 Prozent der KMU ihre Hauptbankbeziehung wechselten. Durch den Wegfall der Credit Suisse ist in den vergangenen zwei Jahren aber etwas mehr Dynamik in den Markt gekommen.

Gleichzeitig pflegen viele KMU mehrere Bankbeziehungen parallel. Im Schnitt haben Schweizer KMU knapp zwei Bankbeziehungen. Ein neuer Anbieter muss daher nicht zwingend die Hauptbank ersetzen, sondern kann zunächst als Ergänzung einsteigen und sich schrittweise als primäre Plattform etablieren. Für eine Zweitbankbeziehung spielt allerdings auch das Pricing eine wichtige Rolle, da die Zahlungsbereitschaft für eine zusätzliche Lösung begrenzt sein dürfte. Und hier stellt sich dann die Frage, ob die Preisgestaltung von Helvo für diese KMU sinnvoll ist (siehe oben).

Neugründungen als Marktpotenzial für Helvo?

Während der Markt der bestehenden KMU strukturell eher träge ist, bietet das Segment der Neugründungen einem neuen Marktteilnehmer eine weitere Einstiegschance. In der Schweiz wurden 2025 laut dem aktuellen Jahresbericht des Instituts für Jungunternehmen (IFJ) 55’654 neue Unternehmen im Handelsregister eingetragen (vgl. Abbildung 4). Fast alle dieser Unternehmen benötigen ab dem ersten Tag auch eine Bankbeziehung.

Abbildung 4: Gründungen und Konkurse Schweiz 2021-2025

Die zentrale Herausforderung für einen neuen Marktteilnehmer wie Helvo ist dabei weniger das Produkt als die Bekanntheit. Wer den Anbieter nicht kennt, kann ihn nicht wählen. Die direkte Ansprache der Unternehmen über klassische Werbung auf Google und anderen Plattformen ist teuer und mit hohen Streuverlusten verbunden. Vielversprechender erscheint ein B2B2C-Ansatz über die Zusammenarbeit mit Intermediären wie Treuhändern, Gründungszentren, Startup-Hubs, kantonalen Förderstellen, Notariaten oder Branchen- und Gewerbeverbänden, die Gründerinnen und Gründer ohnehin begleiten und beraten. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt in tieferen Akquisitionskosten, einer Empfehlung aus einer vertrauenswürdigen Quelle und einem Kontakt zum richtigen Zeitpunkt.

Ganz allein ist Helvo mit diesem Ansatz nicht. Auch verschiedene Banken oder das Schweizer FinTech Relio verfolgen in der Schweiz eine ähnliche Stossrichtung.

Roadmap und Ausblick

Helvo ist im August mit einer Beta-Version für zwei Rechtformen gestartet und weitet die Testphase kontinuierlich auf weitere Firmenstrukturen aus. Funktionen wie Analytics und weitergehende CFO-Tools folgen erst nach dem Marktstart, sobald mehr Nutzungsdaten vorliegen. Ebenso in Vorbereitung befinden sich Corporate Cards und eine Lösung für das Expense Management. Zu Beginn strebt Helvo ein jährliches Wachstum von rund 2’000 Neukundinnen und Neukunden an. Bis 2031 sollen rund 30’000 Firmenkunden gewonnen werden.

Auf der weiteren Roadmap stehen zudem Multibanking sowie langfristig eine eigene Banklizenz. Helvo plant langfristig ausserdem den Einstieg ins Kreditgeschäft.

Fazit

Die grösste Herausforderung für Helvo dürfte weniger das Produkt als die Trägheit des Marktes sein. Schweizer KMU wechseln ihre Bankbeziehung nur selten. Im Privatkundengeschäft ist es den Neobanken aber gelungen, Bewegung in den Markt zu bringen, weil sie günstigere Angebote, eine bessere User Experience und neue Funktionen boten. Ob sich diese Entwicklung im KMU-Banking wiederholen lässt, ist eine der zentralen Fragen. Im Wettbewerb um die Hauptbankbeziehung bleiben vorerst insbesondere die Kantonalbanken und die UBS die wichtigsten Konkurrenten.

Feststellen kann man auch: Helvo erfindet das Rad nicht neu. Die Kombination aus Banking, Buchhaltung, Rechnungsstellung und Lohnadministration auf einer Plattform sowie die aus meiner Sicht gute User Experience macht das Angebot für digital affine KMU aber dennoch interessant. Es setzt bei einem relevanten Problem an, denn der administrative Aufwand ist bei vielen KMU nach wie vor hoch und die eingesetzte Systemlandschaft häufig fragmentiert. Die eigentliche Wette hinter Helvo ist somit, dass sich das KMU-Banking von isolierten Kontolösungen hin zu ganzheitlichen Plattformen entwickelt, die als zentrale Schaltstelle für finanzielle und administrative Prozesse dienen.

Beim Preis dürfte entscheidend sein, wie umfassend ein Unternehmen die Plattform nutzt. Attraktiv ist das Angebot vor allem dann, wenn ein KMU tatsächlich mehrere Funktionen wie Banking, Buchhaltung, Rechnungsstellung und Lohnadministration darüber abwickelt. Wer hingegen lediglich ein schlankes digitales Geschäftskonto für wenige Nutzende sucht, findet beispielsweise mit Revolut Business günstigere Angebote.

Zentral ist zudem, dass Helvo neben der Sicherstellung einer hohen Produktqualität rasch Bekanntheit bei den KMU aufbaut. Dies ist gerade bei KMU kein einfaches Unterfangen. Gelingt dies aber, hat Helvo durchaus das Potenzial, zusätzliche Bewegung in den bislang eher trägen Schweizer KMU-Banking-Markt zu bringen.

PS: Helvo wird sein Geschäftsmodell auch im Rahmen der Retail Banking Konferenz 2026 am 26. November vorstellen. Neben Helvo halten unter anderem die CEOs von BKB und PostFinance sowie eine israelische Agentic-AI-Bank Referate. Zudem präsentieren wir die aktuelle Retail Banking Studie mit den wichtigsten Trends und Zahlen der Branche.

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