19. Oktober 2026

Wealth Management

Deutschschweiz investiert häufiger: Regionale Unterschiede beim Anlegen in der Schweiz

Viele Studien zeigen Unterschiede im Anlageverhalten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel zwischen Frauen und Männern. Weniger untersucht sind hingegen mögliche Unterschiede zwischen den Sprachregionen der Schweiz. Unsere Umfrageergebnisse deuten auf deutliche regionale Unterschiede hin: Während in der Deutschschweiz rund 58 Prozent der Befragten in Wertschriften investieren, sind es in der Westschweiz lediglich 37 Prozent. Dieser Beitrag untersucht, ob und warum sich das Anlageverhalten zwischen den Sprachregionen unterscheidet.

Von Prof. Dr. Andreas Dietrich und Dr. Reto Rey

Viele Studien zeigen, dass es beim Anlegen deutliche Unterschiede gibt – etwa zwischen Frauen und Männern oder zwischen verschiedenen Einkommensgruppen (vgl. auch Blog-Artikel hier oder hier). Deutlich weniger Aufmerksamkeit haben bisher mögliche Unterschiede zwischen den Sprachregionen der Schweiz erhalten. Das nehmen wir daher zum Anlass für einen genaueren Blick: Gibt es Unterschiede im Anlageverhalten zwischen den Sprachregionen der Schweiz[1]? Investieren Menschen in der Westschweiz anders als in der Deutschschweiz? Unterscheiden sich etwa Finanzwissen (Financial Literacy) oder die Risikoaversion zwischen den Regionen? In diesem Beitrag gehen wir diesen Fragen nach und analysieren, ob sich im Anlageverhalten tatsächlich regionale Muster erkennen lassen.

Für die entsprechende Untersuchung haben wir in Zusammenarbeit mit der Luzerner Kantonalbank eine Umfrage über ein Marktforschungsinstitut durchgeführt. Die Studie basiert auf einer Befragung von insgesamt 2’005 in der Schweiz wohnhaften Personen im Alter von 18 bis 79 Jahren. Die Befragung wurde im Juli 2025 durchgeführt. Die Umfrage ist in Bezug auf Alter, Geschlecht, Bildung sowie die Sprachregion der befragten Personen für die Schweiz repräsentativ. [2]

Grosse Unterschiede zwischen Deutsch- und Westschweiz in Bezug auf Einkommen und Vermögen

Tabelle 1 zeigt zunächst zentrale strukturelle Unterschiede zwischen den befragten Personen in der Deutsch- und der Westschweiz. Die Geschlechterverteilung ist in beiden Regionen sehr ähnlich. Auch die Altersstruktur unterscheidet sich nur leicht. In der Deutschschweiz verfügt ein etwas grösserer Anteil der Befragten über einen tertiären Bildungsabschluss.

Grössere Unterschiede zeigen sich hingegen bei der Vermögensverteilung. In der Deutschschweiz ist der Anteil von Personen mit höheren Vermögenswerten (zumindest in unserer Stichprobe) grösser. In der Westschweiz hingegen ist der Anteil von Personen mit einem Vermögen unter CHF 20’000 deutlich höher.

Ähnliche Unterschiede zeigen sich beim Einkommen. Höhere Einkommen sind in der Deutschschweiz etwas häufiger vertreten, während in der Westschweiz ein grösserer Anteil der Befragten in niedrigeren Einkommensklassen zu finden ist.

Schliesslich zeigen sich auch Unterschiede beim Siedlungstyp: In der Westschweiz lebt ein grösserer Anteil der Befragten in ländlichen Gebieten, während in der Deutschschweiz häufiger in städtischen Regionen gewohnt wird.

  Ganze SchweizDE-CHWS-CH
  (n= 2’005)(n = 1’441)(n = 478)
GeschlechtMänner50.1%50.3%49.5%
 Frauen49.9%49.7%50.5%
AlterskategorieGeneration Z16.3%15.7%17.9%
 Generation Y29.7%29.9%30.2%
 Generation X28.9%28.4%29.2%
 Babyboomers25.2%26.0%22.7%
SprachregionD-CH71.1%100.0%0.0%
 W-CH24.7%0.0%100.0%
 I-CH4.2%0.0%0.0%
BildungKein Tertiärabschluss45.3%43.9%49.2%
 Tertiärabschluss54.7%56.1%50.8%
Vermögen<20’00023.8%21.1%32.5%
 20’001 – 100’00026.6%26.8%26.2%
 100′ – 250’00015.5%17.4%10.4%
 >250’00015.4%17.4%10.9%
 Weiss nicht / keine Angabe18.6%17.4%20.0%
Einkommen<26′11.3%9.9%14.7%
 26′ – 52′13.8%13.7%15.1%
 52′ – 78′18.4%19.6%15.3%
 78′ – 104′20.5%20.2%22.0%
 >104′19.0%20.1%15.9%
 Weiss nicht / keine Angabe17.0%16.5%16.9%
SiedlungstypLand35.8%33.8%43.7%
 Stadt64.2%66.2%56.3%
HauptbankGrossbank17.0%14.9%21.2%
 KB28.2%30.0%26.4%
 Raiffeisen25.1%25.5%23.2%
 Andere29.7%29.6%29.2%

Tabelle 1: Vergleich von verschiedenen Merkmalen entlang der Sprachregionen

Wer hält Wertschriften in der Schweiz

Abbildung 1 zeigt den Anteil der Personen, die aktuell in Wertschriften investieren, aufgeschlüsselt nach verschiedenen demografischen Faktoren. Insgesamt investieren in der Schweiz rund 52 Prozent der befragten Personen in Wertschriften. Dabei zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Sprachregionen. Während in der Deutschschweiz 58 Prozent der Befragten in Wertschriften investiert sind, liegt dieser Anteil in der Westschweiz mit 37 Prozent deutlich tiefer.

Dieses Muster zeigt sich auch über viele der betrachteten Gruppen hinweg. Unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen oder Vermögen liegt die Kapitalmarktbeteiligung in der Deutschschweiz immer (!) über jener in der Westschweiz. Zwar steigen die Investitionsquoten in beiden Regionen typischerweise mit höherem Einkommen, Vermögen oder Bildungsniveau, doch bleibt die Beteiligung in der Westschweiz innerhalb der jeweiligen Gruppen in der Regel niedriger.

Abbildung 1: Wertschriftenbesitz nach verschiedenen Merkmalen

Unterschiede bei Finanzwissen, Risikoeinstellungen und Interesse

Es ist bekannt und auch nachvollziehbar, dass Personen mit höherem Finanzwissen häufiger an den Finanzmärkten investiert sind. Demgegenüber stellen Risikoaversion, Verlustängste sowie ein geringes Interesse an Finanzmärkten zentrale Hemmnisse für die Anlageentscheidung dar. Abbildung 2 zeigt Unterschiede zwischen den Sprachregionen in Bezug auf das Finanzwissen, die wahrgenommene Unsicherheit («Angst-Index») und dem Interesse für Finanzmärkte. Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich auch diese Faktoren zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz unterscheiden.

Personen in der Deutschschweiz weisen im Durchschnitt ein höheres Finanzwissen auf als Personen in der Westschweiz. Zudem haben sie bei Anlageentscheidungen weniger Angst und sind risikobereiter als Menschen, welche in der Westschweiz leben. In Bezug auf das Interesse für Finanzmärkte fallen die Unterschiede etwas weniger stark aus.

In beiden Sprachregionen investieren Personen mit höherem Finanzwissen, höherer Risikobereitschaft[3] und grösserem Interesse häufiger in Wertschriften.

Abbildung 2: Finanzwissen, Angst-Index und Risikobereitschaft nach Sprachregion

Gleichzeitig ist festzuhalten, dass die Unterschiede im Wertschriftenbesitz nicht isoliert durch einzelne Faktoren erklärt werden können. Um die Wechselwirkungen zwischen den Einflussgrössen zu berücksichtigen, haben wir daher eine multiple Regression geschätzt (vgl Tabelle 2). Diese zeigt, dass Angst (und damit auch Risikobereitschaft) sowohl die Deutschschweizer:innen als auch die Westschweizer:innen stark vom Anlegen abhalten. In der Westschweiz ist zudem das fehlende Interesse (an Finanzmärkten) meist ein noch etwas grösseres Hindernis.

Aber auch unter Berücksichtigung der in der Regression gezeigten Faktoren bleibt ein Unterschied von 12 Prozentpunkten bestehen, der auf die Sprachregion zurückzuführen ist, aber mit den Faktoren in Tabelle 2 nicht erklärt werden kann. Dies deutet also auf weitere kulturelle oder ideologische Unterschiede in Bezug auf das Anlegen hin.

Tabelle 2: Regressionsresultate[4]: Unterschiede bei den Anlegertypen

Abbildung 3 betrachtet schliesslich Personen, die in Wertschriften investieren, und unterscheidet diese nach drei verschiedenen Anlegertypen Soloisten, Validatoren und Delegatoren.

Soloisten treffen ihre Anlageentscheide vollständig selbstständig und investieren ohne externe Beratung. Validatoren lassen sich beraten, treffen den Anlageentscheid jedoch selbst. Delegatoren übertragen die Anlageentscheide an eine Vermögensverwaltung und delegieren den Entscheidungsprozess weitgehend.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich diese Anlegertypen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterscheiden. Auch zwischen den Sprachregionen sind gewisse Unterschiede erkennbar. In der Deutschschweiz ist dabei der Anteil von Anlegerinnen und Anlegern, die ihre Entscheidungen selbst treffen (Soloisten) etwas höher als in der Westschweiz. In der Westschweiz ist hingegen der Anteil der Validatoren und der Delegatoren etwas grösser.

Abbildung 3: Anlagetypen (Basis: Nur Anleger:innen)

Fazit

Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen deutliche Unterschiede im Anlageverhalten zwischen der Deutsch- und der Westschweiz. In der Deutschschweiz investieren 58% der Befragten in Wertschriften, in der Westschweiz hingegen nur 37%. Dies entspricht einem markanten Unterschied von 21 Prozentpunkten. Ein Teil der Unterschiede in Bezug auf die Kapitalmarktbeteiligung dürfte durch strukturelle Faktoren erklärbar sein. In der Deutschschweiz sind höhere Vermögen und Einkommen sowie ein etwas höherer Anteil von Personen mit tertiärem Bildungsabschluss häufiger vertreten – Faktoren, die eng mit der Beteiligung am Kapitalmarkt zusammenhängen.

Die oben dargestellten Auswertungen deuten aber darauf hin, dass auch Finanzwissen, das Interesse an Finanzmärkten und Risikoeinstellungen eine wichtige Rolle spielen. Personen in der Deutschschweiz weisen im Durchschnitt ein höheres Finanzwissen auf als Personen in der Westschweiz. Zudem haben sie bei Anlageentscheidungen weniger Angst als Menschen, welche in der Westschweiz leben. Zudem ist das Interesse an den Finanzmärkten in der Westschweiz etwas tiefer.

Gleichzeitig können rund 12 Prozentpunkte der Unterschiede zwischen den beiden Sprachregionen mit den oben verwendeten Variablen nicht erklärt werden. Neben strukturellen Faktoren sowie Unterschieden in Risikoaversion, Interesse und Finanzwissen scheinen daher auch weitere kulturelle Unterschiede im Anlageverhalten zwischen den Sprachregionen eine wichtige Rolle zu spielen.

PS: Eine aktualisierte Studie zum Anlegerverhalten erscheint im November 2026

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[1] Da das Sample für den Kanton Tessin mit n=86 (ca. 4 %) zu klein ist, um fundierte Aussagen zu ermöglichen, wird auf eine separate Betrachtung dieser Sprachregion verzichtet.

[2] Amrein, S., Rey, R., Dietrich, A. & Steinberger, A. (2025). Anlegen und Vorsorgen in der Schweiz – eine ganzheitliche Betrachtung. IFZ Retail Banking-Studie 2025.

[3] Die Risikobereitschaft wurde mit der Frage «Welches Risiko würden Sie auf einer Skala von 1 (kein Risiko) bis 6 (hohes Risiko) mit Ihrem Finanzvermögen eingehen?» erhoben. Die Risikobereitschaft ist eine Komponente des Angst-Index.

[4] Die Abbildung zeigt die marginalen Effekte einer Regression auf die Wahrscheinlichkeit von Wertschriftenbesitz. Die Prozentwerte geben an, um wie viele Prozentpunkte sich die Wahrscheinlichkeit relativ zur jeweiligen Referenzgruppe verändert. Sterne kennzeichnen die statistische Signifikanz der Effekte (kein Stern = statistisch nicht signifikant, 3 Sterne = hoch signifikant). Die Pfeile visualisieren Richtung und ungefähre Stärke der Zusammenhänge.

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