24. Juni 2026

Allgemein

Bereits jede 4. Person stellt Finanzfragen an ChatGPT & Co.

Die Bankberatung bekommt Konkurrenz – und zwar von ChatGPT & Co. Jede 4. Person in der Schweiz hat schon einmal eine Finanzfrage an eine KI gestellt. Rund die Hälfte dieser Personen investiert, spart oder entscheidet anders als vorher. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des IFZ der Hochschule Lu-zern in Zusammenarbeit mit finpension.

Von Prof. Dr. Andreas Dietrich, Dr. Reto Rey und Beat Bühlmann

Künstliche Intelligenz verändert zunehmend, wie Menschen Informationen suchen, Entscheidungen treffen und neue Themen erschliessen. Was zunächst vor allem als Werkzeug für Schule, Studium oder Beruf wahrgenommen wurde, entwickelt sich mittlerweile auch zu einem persönlichen Berater im Alltag. Insbesondere bei komplexen Themen wie Finanzen und Geldanlagen bieten KI-Tools wie ChatGPT, Claude oder Gemini die Möglichkeit, schnell, kostenlos und in verständlicher Sprache rund um die Uhr Antworten auf individuelle Fragen zu erhalten.

Damit stellt sich für die Finanzbranche eine zentrale Frage: Welche Rolle spielen Banken, Finanzberater und traditionelle Informationsquellen künftig noch, wenn immer mehr Menschen ihre Finanzfragen direkt an eine KI richten (vgl. auch den Artikel zum Personal Finance Manager von ChatGPT)? Und beeinflussen die Antworten von ChatGPT & Co. tatsächlich das Spar-, Anlage- und Finanzverhalten?

Um diese Fragen zu beantworten wurde vom IFZ der Hochschule Luzern eine neue repräsentative Studie in Zusammenarbeit mit finpension und dem Marktforschungsinstitut Demoscope erstellt. Die Studie wurde im Februar 2026 online durchgeführt. Befragt wurden 1’016 Personen im Alter von 18 bis 79 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz. Die Studie ist hinsichtlich Alter, Geschlecht und Sprachregion repräsentativ.

Drei Viertel der Bevölkerung nutzen KI im Alltag

KI-Tools wie ChatGPT, Claude und Gemini sind im privaten Alltag der Schweizer Bevölkerung angekommen. Rund 62% nutzen KI-gestützte Tools mindestens gelegentlich im Alltag. Weitere 15% tun dies selten. Gemäss IGEM-Digimonitor lag dieser Wert 2024 noch bei 40%.
Rund 40% der Personen sind dabei bereits «Heavy-Users»: Sie nutzen KI privat mehrmals pro Woche oder sogar täglich.

Abbildung 1: (Frage: Wie häufig nutzen Sie KI-gestützte Tools im privaten Alltag (z.B. KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini)?

Wie Abbildung 1 zeigt, unterscheidet sich die Nutzung von KI-Tools deutlich zwischen den Generationen. Besonders stark verbreitet ist sie bei der Gen Z: Ein Drittel (33%) nutzt ChatGPT und vergleichbare Anwendungen täglich, weitere 23% mehrmals pro Woche. Nur 8% der Gen Z haben KI-Tools bislang noch nie verwendet.

Auch bei den Millennials ist die Nutzung hoch: Jede zweite Person greift mehrmals pro Woche oder sogar täglich auf KI-Anwendungen zurück. Deutlich zurückhaltender zeigt sich hingegen die Boomer-Generation. Hier hat fast jede zweite Person KI-Tools noch nie genutzt. Das entspricht einem «Generationengraben» von über 40 Prozentpunkten.

Des Weiteren zeigen sich Unterschiede nach Geschlecht und Einkommen. Männer nutzen KI-Tools im privaten Alltag häufiger als Frauen. Zudem steigt die Nutzung mit dem Einkommen. Personen mit höheren Einkommen greifen deutlich häufiger auf KI-gestützte Anwendungen zurück als Personen mit tieferen Einkommen.

Jede vierte Person nutzt KI für Finanz- und Anlagefragen in der Schweiz

Die bisherige Analyse zeigt, dass KI-gestützte Finanzberatung im privaten Alltag vieler Menschen angekommen sind. Doch gilt dies auch für Finanz- und Anlagefragen? Welche Rolle spielen ChatGPT, Claude und andere KI-Anwendungen für Finanzfragen heute bei der Informationsbeschaffung rund um Geldanlagen und persönliche Finanzen?

Abbildung 2 zeigt, wie verbreitet die Nutzung von KI für Finanz- und Anlagefragen in der Schweizer Bevölkerung bereits ist.

Das Ergebnis zeigt, dass 14% aller Personen KI-gestützte Tools oder Chatbots für Finanz- oder Anlagefragen bzw. -entscheidungen gelegentlich bis oft benutzen. Weitere 13% geben an, dass sie es selten nutzen.

Damit hat jede vierte Person in der Schweiz schon einmal eine Finanz- oder Anlagefrage an eine KI gestellt.

Abbildung 2: Nutzung von KI-Tools für Finanz- und Anlagefragen (Frage: Benutzen Sie KI-gestützte Tools oder Chatbots für Finanz- oder Anlagefragen bzw. -entscheidungen, inkl. Vorsorge)?

Auch hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Besonders ausgeprägt sind diese zwischen den Generationen. 32% der Gen Z stellen ihre Finanzfragen gelegentlich bis täglich an ChatGPT und Co. Bei der Generation Y sind es noch 15%. Bei der Babyboomer-Generation hingegen nutzen 89% KI gar nie für Finanzfragen.

Unterschiede gibt es auch nach Sprachregion. Personen aus der Westschweiz fragen etwas häufiger bei KI nach als Personen aus der Deutschschweiz.

Betrachtet man ausschliesslich Anleger:innen, zeigt sich eine noch stärkere Verbreitung von KI-Anwendungen. Knapp ein Drittel (32%) nutzt KI-gestützte Tools oder Chatbots für Finanz- und Anlagefragen beziehungsweise -entscheidungen. Rund jede sechste Person (17%) greift gelegentlich bis häufig auf solche Anwendungen zurück.

KI verändert das Anlageverhalten – mit konkreten Folgen

Besonders bemerkenswert ist, dass die Nutzung von KI für Finanzentscheidungen nicht bei der Informationsbeschaffung endet. Vielmehr berichten zahlreiche Nutzer:innen, dass KI-gestützte Empfehlungen ihr tatsächliches Anlageverhalten beeinflussen (vgl. Abbildung 3).

So geben 15% der KI-nutzenden Anleger:innen an, Anlageentscheidungen heute schneller zu treffen. Zudem sparen 11% mehr Geld und 10% investieren höhere Beträge als zuvor. Besonders relevant aus Sicht der Finanzbranche ist, dass 12% derjenigen Personen, die häufig auf KI zurückgreifen für Finanzfragen, aufgrund von KI-Empfehlungen bereits ihren Finanzanbieter gewechselt haben.

Insgesamt hat sich bei rund der Hälfte der Anleger:innen, die KI für Finanz- und Anlagefragen nutzen, das Anlageverhalten in mindestens einem Bereich verändert. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung entspricht dies rund 8%. Die Ergebnisse zeigen, dass der Einfluss von KI auf Finanzentscheidungen bereits heute beträchtlich ist. Noch ist die Nutzung von KI für Finanzfragen nicht flächendeckend verbreitet. Dort, wo sie eingesetzt wird, sind die Auswirkungen auf das Verhalten jedoch bemerkenswert hoch. Mit einer weiteren Verbreitung von KI-Anwendungen dürfte entsprechend auch ihre Bedeutung für Anlageentscheidungen und die Wahl von Finanzdienstleistern weiter zunehmen.

Abbildung 3: Auswirkungen von KI-Empfehlungen auf das Anlageverhalten (Wie haben KI-gestützte Empfehlungen Ihr Anlageverhalten verändert? nur Anleger, welche KI mindestens „selten“ für Anlagefragen nutzen)

Fazit

KI ist auf dem besten Weg, auch bei Finanz- und Anlagefragen im Mainstream anzukommen. Bereits heute nutzt jede vierte Person ChatGPT & Co. für entsprechende Fragestellungen. Unter Anleger:innen liegt dieser Anteil sogar bei knapp einem Drittel. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die Nutzung nicht auf die Informationsbeschaffung beschränkt bleibt. Viele Anwender:innen, vor allem auch jüngere Menschen, passen ihr Spar-, Anlage- oder Wechselverhalten aufgrund von KI-Empfehlungen an. Mit der weiteren Verbreitung von KI-Anwendungen dürfte ihr Einfluss auf Finanzentscheidungen und die Wettbewerbsdynamik im Finanzsektor weiter zunehmen.

Auffällig ist auch der Befund in Bezug auf den Anbieterwechsel. Finanzdienstleister konkurrieren künftig damit nicht mehr nur um Sichtbarkeit in Suchmaschinen oder auf Vergleichsportalen, sondern zunehmend auch um ihre Präsenz in KI-generierten Antworten. KI könnte sich damit zu einem neuen Intermediär zwischen Kund:innen und Finanzanbietern entwickeln und die Customer Journey im Finanzbereich verändern.

Kommentare

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Danke für Ihren Kommentar, wir prüfen dies gerne.